Rezension: Muh! von David Safier

12 April 2014 |

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Verlag: rororo
Format: Taschenbuch
Seiten: 336
ISBN 978-3-499-25626-4
Preis: 9,99 €

Kühe reisen nach Indien

Als Lolle ihren Stier beim Fremdgehen erwischt, hat sie die Schnauze voll. Vom ganzen Hof, von den blöden Kühen und vor allem von Champion, der sie eiskalt mit der hübscheren Susi betrogen hat. Da bleibt ja nur das Weinen bis sie einen italienischen Kater vor das Leben rettet. Old Dog, ehemaliger Hüttehund, dessen geliebte Pudeldame an Rattengift verstorben ist und der, durch diesen Verlust, den eigenen Freitod wählte, hat es auf die Mitzekatze abgesehen. Lolle schreitet ein und seltsamerweise verschont der von den Toten auferstandene Hund die tapfere Kuh.
Der italiensische Kater, der sich dem Tode nahe sieht, überlebt trotz Verletzungen und steht in ihrer Schuld. Dabei erklärt er ihnen erstmal, dass sie auf dem Hof sind um später als Burger an die Menschen verfüttert zu werden. Da war Lolle, die eh nichts mehr hält, eines klar: Sie muss hier schnellstmöglisch weg und möglichst viele vor ihrem Schicksal bewahren. Und der Kater weiß gleich das passende Ziel: Es soll nach Indien gehen, das Paradies der Kühe, denn dort sind sie heilig, werden nicht verspeist und sie müssen keine Angst mehr haben. Gemeinsam mit ihren Freunden Hilde und Radieschen macht sie sich auf Weg, überwindet Hindernisse auf den schweren Weg nach Indien und muss sich Konflikten stellen. Seltsamerweise kommen Susi und Champion auch noch mit. Und das Drama ist damit komplett.

Kühe, die nach Indien reisen? Geht das? Natürlich geht das! Mit viel Humor und Menschlichkeit geht David Safier an seine Geschichte heran und schafft einen amüsanten Roman, der gut und gerne mal an Animationsfilme erinnert.
Denn die Probleme, die diese Kühe haben, sind oftmals menschlicher als man glaubt. Sei es die Suche nach dem Glück, das blöde Problem mit der Liebe oder einfach die Freunde, die einen manchmal ganz schon auf den Geist gehen können. Mit Radieschen, die das liebevolle Blondchen repräsentiert, neben Hilde, die eine harte Schale hat durch ihre Fellfarbe, die ihr viel inneren Schmerz zugefügt hat, wird das Dreiergespann komplettiert durch Susi, die Zicke, die sich an Champion rangeschmissen hat und natürlich den einzigen Mann in der Truppe: Champion, mit all seinen Trieben und dem Talent in jeden Kuhfladen zu treten, den es zwischen Kühen und Stieren gibt. Gekonnt überzeichnet kommt es zu Konfliktsituationen, deren Ernst sich auf die Menschen übertragen lässt. Zickenkriege sind bei der Konsellationen vorprogrammiert und bleiben nicht aus. Sie sprießen vor Sarkasmus und doch steckt in ihnen ein Teil Menschlichkeit. Manchmal muss man eben verzeihen können und die wirkliche Person kommt erst zum Vorschein, wenn wir an unsere Grenzen kommen. Egal wie unsere Beziehungen bisher erschienen sind.
Diese herzlichen Charaktere schaffen die passende Dynamik für einen humorvollen Roman, der die Lachmuskeln gut und gerne mal beansprucht. Auf ihre Reise geschehen so manch groteske Dinge, bei denen sich die Lachfalten tiefer in die Haut graben. Da kann der Sitznachbar in der Bahn schonmal genervt vom unterdrückten Lachen sein. Denn, seien die ungewöhnlichen Methoden der Oma Hamm-Hamm, die mit ihren skurrilen Weisheiten doch die ein oder andere Situation retten kann - Urin spielt eine wichtige Rolle - oder aber auch die Religion der Kühe. Sie glauben nämlich an die Kuhgöttin Naia, die die Welt erschaffen hat - nicht immer gekonnt, aber immerhin - und die auch den Mond aus Käse geformt hat. Und da wäre noch die unendliche Milch der Verdammnis, die Tatsache, dass die Welt dort aufhört und andere Sagen und Lieder, die sich unter den Kühen etabliert haben. David Safier hat diesen Teil viel Platz gegeben, verfasst fast biblische Texte mit der gekonnten Prise Humor um seinen Kühen einen Glauben zu geben, an den sie sich halten, der sie aber auch öfter zweifeln lässt.
Die Nähe zum Animationsfilm lässt sich nicht ganz abstreiten. So erinnert der italienische Kater an mancher Stelle an eine Mitzekatze, die einen spanischen Akzent hat und auch die Kühe stellt man sich nicht immer nur als normale Kühe vor, die auf der Weide grasen. Auch Motive und Aufbau erinnert an dieses Filmgenre. Aber dieser Charme macht den Roman aus, der mit seiner Kuhlogik manchmal herrlich verschroben ist. Ihre Reise in die große weite Welt lässt sich viele Dinge erleben, die sie von ihrer eingezäumten Weide nicht gewohnt sind.
Apropos Kuhlogik. Die spielt hier, durch die Protagonistin Lolle, die die Geschichte erzählt, eine wichtige Rolle. Manchmal vielleicht zu viel. Denn der Schreibstil ist davon so stark geprägt, dass an mancher Stelle die kuhlen Wortspiele zu viel werden. Sind die Dialoge auch peppig, mit überbordenen Sarkasmus und viel amüsanten Rumgezickte, Konflikte wunderbar geschildert und auch sprachlich entstehen amüsante Wortspiele, die durch die einzigartige Kuhlogik entsteht, hat an mancher Stelle der Autor vergessen sich zu bremsen. Hier und da, wäre weniger mehr gewesen und das Ganze zu viel des Guten.
Doch dieses Problem bleibt nicht allein und wird gefolgt von manch kleinen Durchhänger innerhalb der Geschichte. Hat es der Beginn etwas schwer in die Gänge zu kommen, ist gerade das Ende etwas zu abgehetzt und man stürmt einfach auf den Schluss zu.
Die Punkte wiegen aber nicht schwer, denn die Spannung bleibt durch die Entwicklung der Kühe wie sie die Reise verändert, welche Ereignisse sie beeinflussen und die stetige Gefahr durch Old Dog, der ihnen an den Kragen will. Denn das macht "Muh!" aus, der Witz und die Veränderung seiner Charaktere, die ihr wahres Ich auf dieser Reise erkennen werden.

Fazit

"Muh!" ist wieder eine humorvolle und liebevolle Geschichte von David Safier. Witzig, originell und es wäre ein geniales Skript für einen gelungenen Animationsfilm. Leichte Unterhaltung für zwischendurch, die die Lachmuskeln zum Anspanngen bringt und zeigt: Kühe sind auch nur Menschen.

★★★★☆

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