Rezension: Totenfrau von Bernhard Aichner

24 Mai 2014 |

Zum Buch

Verlag: btb
Seiten: 448
ISBN 978-3-442-75442-7
Preis: 19,99 €

Eine Bestatterin als Racheengel

Es war die Rache für ein Leben, dass sie nicht wollte. Als Blums Eltern ertrinken, sollte alles wie ein Unfall aussehen. Dass sie dabei der Person begegnet, die ihre Liebe ihres Lebens sein wird, konnte sie nicht ahnen. Doch der Polizist Mark, der sie sofort in seine Arme schließt, wird auch der Mann sein, der ihr Leben perfekt machen wird. Mit ihm bekommt sie Kinder, führt das Bestattungsinsitut ihres Vaters weiter.
Bis ein Auto Mark in den Tod reißt. Und damit beginnt sich Blums Leben in einem Albtraum zu verwandeln. Sie findet Aufzeichnungen ihres Mannes, Protokolle, in denen er mit einer Frau names Dunja spricht, einer Frau, deren Seele zerfetzt scheint. Denn sie wurde mehrfach vergewaltigt, gedemütigt und geschlagen, gemeinsam mit einer weiteren Frau und einem Jungen. Jeden Tag für diese Menschen die Hölle und sie dienten als Objekte für fünf Männer. Ein Priester, ein Jäger, ein Fotograf, ein Koch und ein Clown. Sie trugen Masken und trieben ihre pervesen Spielchen mit diesen Menschen.
War Mark diesen Männer zu sehr auf der Spur? Blum will das Werk ihres Mannes zu Ende bringen, diese Frau finden und an denen Rache nehmen, die ihr das Glück genommen haben.

Bei "Totenfrau" bekommt man keine alltägliche Thrillerkost. Nichts Aufgekochtes oder einen Roman, den man so schon so oft gelesen hat. Vielmehr ist es eine Rachegeschichte der besonderen Art, der die Menschlichkeit nicht entgangen ist, dessen Spannung darin besteht wie Blum diesen fünf Männern sich entgegenstellt und die Frage, ob sie diesen Kampf auch gewinnen kann.
Dabei rüttelt Bernhard Aichner gekonnt am Gerechtigkeitsempfinden des Lesers und oftmals ist man sich unschlüssig, ob man die Taten befürworten oder verabscheuen soll. Und genau für dieses Moralproblem gibt es Blum, ein Charakter, den man nur schwer zu nehmen weiß.
Denn hinter der Protagonistin steht eine Bestatterin, die schon ihre Eltern auf dem Gewissen hat. Sehr verschlossen, merkt man ihr den Verlustschmerz doch an, wie sie immer wieder um ihre Kinder bangt, während sie nach den Männern sucht. Sie ist zwiegespalten, weiß nicht, ob sie daran zerbrechen soll oder nicht und scheint immer wieder wie mit einem inneren Dämon zu ringen. Eigentlich will sie das alles gar nicht und kann doch nicht anders.
Und trotzdem lernt man sie als liebende Mutter kennen, als einen Menschen, der sich nach Nähe sehnt. Emotional, zerbrechlich und unglaublich tapfer angesichts ihrer Situationen. Doch die Sympathie bleibt aus, zu viel weiß man von ihr. Sie entwickelt sich dramatisch im Laufe des Romans, verändert ihr Wesen, bleibt sich dabei treu und zeigt ihre Stärken und Schwächen. Irgendwie muss man sie dann doch mögen, auch wenn es einem schwer fällt.
Mit dieser vielschichtigen Protagonistin begibt man sich auf eine Höllenfahrt von Thriller. Einen Racheroman, der besser nicht sein könnte. Emotionsgeladen und voller Tempo machen wir uns auf den Weg zu diesen Männern, die ihr das Glück geraubt haben und schauen zu, welchen Kampf sie ausfechtet. Bekommen Bilder von Personen, denen man solche Taten nicht zutraut, Psychogramme von Menschen, die so widerwertig sind und trotzdem hat es der Autor nicht nötig die Greueltaten bis ins letzte Detail zu beschreiben. Wir sind angeekelt von der Perversion, die wir nur in Nacherzählungen erfahren ohne direkten Fokus, ohne beteiligt zu sein, was es nicht leichter macht. Stattdessen wirkt es viel schlimmer, weil es so unwirklich erscheint, was Dunja geschehen ist. Taten von Menschen, denen man solche Grausamkeit nich zutraut.
Dementsprechend schlagt mich sich auch auf die Seite der Protagonistin, feuert sie an, wider allem Moralempfinden. Der innere Richter schaltet sich ein, der sagt: Die haben ihr Leben verwirkt! Die letzten Barrieren beim Leser fallen und man ist selbst erstaunt, wie sehr man sich den Tod dieser Menschen wünscht, obwohl man weiß das Gegengewalt keine Lösung ist. Man will nicht hinsehen und trotzdem tut man es. Man angötzt sich an ihren Qualen als Rache für das, was sie anderen angetan haben.
Dieses Spiel zieht sich bis zum Ende hindurch. Manches wirkt vielleicht doch zu schnell, zu einfach. Wie Blum sie aufspürt kommt einen schon sehr zufällig vor, doch das ist nicht das, was diesen Roman ausmacht. Es ist vielmehr das, was er mit seinen Lesern macht.
Aichners ungewöhnlicher Schreibstil gibt dabei die Kopfnote des Thrillers. Es ist kein fließender Film, den er dort produziert. Er schreibt in Schnappschüssen, Momentaufnahmen, manchmal abgehackt und kommt damit gerade noch näher an seine Figuren heran. Er schildert ohne große Wertung, lässt dem Leser den Freiraum, den er braucht und zeigt trotz allem alle Gefühle, Emotionen. Schafft Szenen, die einen mitreißen, aufschreien lassen und bei denen man Tränen wegdrücken muss. Hier wird nichts groß ausgeschmückt, sondern auf den Punkt gebracht, was stattfindet. Fast schon seltsam neutral, als würde man einen Bericht lesen. Einen verdammt spannender Bereicht in kurzen Sätzen, hakenschlagend und trotzdem unerbitterlich.
Ob die Rache gelingt? Das ist die Antwort der letzten Seiten und sie lässt einen mit seltsamen Gefühlen zurück, die an eigene moralische Vorstellungen anecken. Es bleibt die eine Frage, die der Leser sich selbst zu beantwortenhat: Hat ein Vergewaltiger, ein Mörder, ein Täter mit seiner Tat sein Leben verwirkt?

Fazit

Bernhard Aichner hat mit "Totenfrau" einen wahnsinnig spannenden Thriller hingelegt. Nervenaufreibend spielt er mit dem Moralempfinden des Lesers und zwingt ihn in eine Ecke. Mit seinen speziellen, aber großartigen Schreibstil zeichnet er das Bild eines Racheengels, dessen Rache man zu sehr verstehen kann, auch wen wir das vielleicht nicht wollen. Unglaublich mitreißend und erschreckend zugleich!

★★★★

Kommentare:

  1. Eine tolle Rezension. Ich habe es heute beendet und kann sie nur unterschreiben.

    LG Natalie

    AntwortenLöschen
  2. Huhu!

    Tolle Rezension! Muss ich jetzt unbedingt auch lesen, landet also auf der Wunschliste.

    Liebe Grüße!

    AntwortenLöschen
  3. Oh, eine echt interessante Rezension. Ich habe bisher schon einiges von diesem Buch gehört, aber ehrlich gesagt habe ich mich nie genauer damit auseinander gesetzt. Was du darüber schreibst, klingt aber wirklich interessant! Ich lese in dem Genre nicht wirklich viel, aber das wollte ich eh schon lange ändern. Und weil das Buch so klingt, als wäre es etwas für mich, wandert es gleich mal auf meine Wunschliste.

    Weil ich gerade auf der Suche nach tollen Buchblogs bin, bin ich eigentlich nur zufällig auf deinen Blog aufmerksam geworden. Aber er gefällt mir wirklich gut, also kannst du mich ab heute zu deinen Followern zählen :3

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Freut mich zu hören. Schön, dass er dir gefällt ;)

      Bevor du dir den Thriller ab zulegst, würde ich dir raten, mal reinzulesen. Der Schreibstil gefällt nicht Jedem. Sonst machst du da nicht viel verkehrt damit :D

      Löschen
  4. Schöne Rezi, das Buch steht schon auf meiner WL und möchte es bald lesen, lg Uwe

    AntwortenLöschen