Zerrissene Seiten: Die depressive Jugend

18 Mai 2014 |

Ich weiß nicht, ob es an John Green liegt oder ob es ein schleichender Prozess war, aber aus den Bücherregalen der Jugendabteilungen schreit das Leid nur geradezu nach Aufmerksamkeit. Leben hat keinen Sinn mehr, Jugendliche springen von Klippen und alle leiden an einer kollektiven Depression. Uns geht es allen dreckig, wir versinken im Drogenmeer und finden irgendwo dazwischen die Hoffnung.
Absturzromane sind nicht wirklich etwas Neues. Neudeutsch nennt man es dann auch gerne mal Sick-Lit, vor allem, wenn es wie im Fall von "The Fault in our Stars", um lebensbedrohliche Krankheiten geht, die Uhr tickt und der Zeiger irgendwann sieben Minuten nach Mitternacht zeigt. Vielleicht macht es die heutige Medienwelt, dass man Bücher für Jugendliche braucht, die mit ihren fünfzehn, sechszehn, siebzehn Jahren oder gar jünger, kurz bevor sie ins gesetztliche Erwachsenenleben eintreten, mit der Welt nicht mehr zurechtkommen. Aber alle sind sie krank, haben Gräber in ihren Herzen und schauen sich seltsam verstört im Spiegel an. Es ist nicht nur der Krebs, der an ihnen nagt, nicht das Mobbing, dass sie kaputt macht. Es ist der fehlende Halt, die fehlende Aufmerksamkeit, die ihnen entgegengebracht wird.
Da hungert sich die eine runter.
Der Nächste muss sich als homosexuell outen.
Die Dritte ist frühzeitig schwanger.
Sind es wirklich die Themen, die die heutige Jugend braucht? Liegt es daran, dass man heute mit zwölf schon älter wirkt und mehr Schwachsinn macht als früher? Oder ist irgendwas zerbrochen bei den Menschen?
Oder hat man es einfach geschafft sich den Tabuthemen anzunehmen? Denn eins steht fest, in der heutigen Jugendliteratur gibt es Sex, Alkohol und Drogen. Gescheiterte Seelen, selbstverletzende Menschen und überall sind sie vorhanden. Jeder kann selber sagen, dass er schon vor dem legalen Alter am Alkohol genippt hat, versteckt hinter Büschen an der Kippe gezogen hat oder sonst was für Dinge getrieben. Es gehört dazu sich auszuprobieren, doch wo hat sich diese Depression eingeschlichen? Wo hat der, der zu viel getrunken hat und deswegen erbrechen muss, gelernt so krankhaft dem Alkohol zuzusprechen?
Wer hat ihr gesagt, dass sie so furchtbar hässlich ist?
Wer hat ihm gesagt, dass homosexuell sein beschissen ist und er sich erhängen soll.
Und wer hat sie vergewaltigt.
Sollte Jugendbücher so ernst sein? Man hört immer wieder den Vorwurf, es mache die Jugend kaputt. In Fall von "Thirteen Reasons Why" (dt. Tote Mädchen lügen nicht) geht es auch um Suizid. Man hatte Angst, es kämen Leute, die das Verhalten nachahmen, aber ist es wirklich so ausweglos? Beschreiben die Bücher nur einen immer tieferen Weg ins Nichts, wo der Tod an die Tür klopft und die Jugend abholt?
Der Gegenentwurf ist da gleich "New Adult", High School Musical Dramastories mit ganz viel Sex. Überstilisierte Disneyfilmableger mit Möchtegernproblemen und Rein-Raus-Spielchen. Eine völlig andere Welt, die so im Kontrast steht zur Sick-Lit. Wir leiden immer schöner, heißt es wohl da. Vieles hat sich verändert in der Jugendliteratur. Heile Welten wurden realistischer, übertriebenes Drama wurde tragischer.
Macht das uns krank? Oft genug hört man ja, ich kann das nicht lesen, ich hab Angst es zieht mich runter. Dabei ist es doch nur die Reproduktion von der momentanen Gedankenwelt. Dem momentan Image der Jugend, die sich auf Tumblr rumtreiben und in der Melancholie versinken. Lana del Rey lauschen und hoffen einen Platz im Leben zu finden.
Früher waren doch alle außergewöhnliche Gestalten gehasst. Heute regieren die Nerds. Da tragen Mädels mit Stolz T-Shirts von Fantasyrollenspielen, twittern noch nebenher, dass sie Dean aus Supernatural rattenscharf finden und nebenbei lesen sie "Stolz und Vorurteil". Die Kerle dürfen Computerspiele zocken wie blöd, tragen wieder Bart und hören Indie Rock. Okay, bisschen Hipster, aber was soll es. Heute ist das so. Der Jugend stehen alle Möglichkeiten offen und so wird erstmal spürbar mit welchen großen Problemen sie sich rumschlagen müssen.
Vielleicht braucht es deswegen die Krebsbücher, die Suizidbücher, die Klinkbücher. Menschen voller Schwere, die sie zu Boden ringt, damit die Jugendlichen in ihrem Gefühlschaos erkennen, dass sie doch ein schönes Leben haben. Die Romane kratzen halt nicht mehr nur an der Oberfläche, sondern gehen tiefer als man es sich damals getraut hat. Die Schicht der Jugendlichen hat sich etabliert, es ist nicht nur einfach ein Zwischending von Kind und Erwachsener, sondern ein eigener Lebensabschnitt bei dem nicht alles Friede und Freude ist.
Und so ist es in der Literatur. Virtuell verloren, klammern sie sich an Freunde und hoffen nicht zu vereinsamen, während sie den Bildschirm angucken. Haben gewalttätige Eltern, die Mutter gestorben, der Vater Trinker. Achja und da wäre noch die tragische Liebe. Romeos und Julias unter englischsprachigen Namen. Beziehungen, die irgendwo enden, oftmals mit Happy End und sie die Tristesse der Welt sich entziehen. Was negativ war, wird positiv. Manchmal findet man in der Dunkelheit, dann doch den einen Freund für das Leben, genauso bekloppt wie man selbst und man ist frei.
Plötzlich ist man frei. Vielleicht ist es das auch, was an Sick-Lit so fasziniert. Das zwischen all den Trümmewelten, Hoffnung schimmert, die uns wieder lächeln lässt. Denn egal, wer stirbt, wie sehr wir uns selbst verletzen, der Krebs lauert, dazwischen geht uns in diesem Romanen das Herz auf.
Wer diese Sick-Lit liest, bekommt am Ende immer einen Schlüssel um aus dem eigenen Sarg zu steigen. Vielleicht ist sie gesprungen, aber das Leben geht weiter. Vielleicht muss er sterben, doch man wird immer das Positive von ihm behalten. Die Medienwelt macht es doch vor, die nur von Mord und Totschlag spricht. Ist es daher nicht konsequent es den Erwachsenen von Morgen vernünftig zu erklären? Macht das wirklich Kinder kaputt?
Nein, macht es nicht. Es bleibt Fiktion, die viel Wahrheit beinhaltet, aber nicht immer der Wahrheit entspricht. Vielleicht braucht genau das die heutige Jugend, in einer Welt, in der man nur von Mord und Schmerz umgeben ist, so sehr auch nur ein Einzelfall erscheint, damit sie überhaupt noch lachen können, weil sich niemand mehr so richtig um sie kümmern will. Sie feiern deswegen die Autoren, weil sie endlich einmal verstanden werden. Ich glaube, es bräuchte mehr Literatur wie diese Bücher, nicht ausschließlich natürlich, aber nicht nur für die Jugendlichen, auch für die Erwachsenen, damit sie ihre eigenen Kinder wieder begreifen und verstehen lernen.

Kommentare:

  1. Ich muss zugeben, ich mag diese traurigen/dramatische/depressiven Büche rnicht wirklich. Nur ab zu ein bisschen Jessica Sorensen oder ein anderes Buch. Ich steh aber mehr auf witzige Storys, weshalb meine eigenen Büchern auch nicht wirklich, hm ernst zu nehmen sind :,D
    ich meine, ich finde es gut, dass Sex, Drogen udn Alkohol vorkommen (Ich bedien mich der Sachen auch gern), aber manchmal ist es einfach too much und wirkt auch unrealistisch ...
    Schöner Beitrag btw! :3

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  2. Toller Artikel! ;)

    Mir geht es nicht so. Ich mag es einfach, aber ich lese querbeet. Ich lese Thriller, romantasy, Erotik, jugendromane und hält auch liebend gerne John Green und Konsorten (: es ist einfach in Büchern alles möglich!

    ^^ °_°
    Tabea

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  3. Wow! Ein richtig toller Artikel der Spaß gemacht hat ihn zu lesen. Naja, Spaß. Er war interessant :)

    Ich gestehe das ich solche Bücher liebe, den Absturz von Protagonisten mit zu erleben und ihr Elend durch die Seiten zu spüren. Warum? Weshalb? Wieso? Keine Ahnung! Vielleicht möchte ich beim Lesen einfach mehr spüren und bei mir kommen eher traurige Emotionen auf als lustige und romantische aber vielleicht möchte ich auch alles sehen und erleben. Schöne wie auch nicht so schöne Dinge. Tragik zieht die Menschen doch immer an, bestes Beispiel: die Zeitung.

    Man findet immer mehr Artikel über schreckliche Unfälle, Einbrüche, Suizide und lauter solche Tragiken. Weil es viel interessanter ist, wir finden das Unglück anderer interessant.

    Ein Thema über das man sich stundenlang unterhalten könnte ^^
    Liebe Grüße, Jasi ♥

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  4. Hallo!
    Ich denke Bücher sind eher nicht die Medien, die Jugendliche stark beeinflussen etwas z.B. nachzuahmen. Das Lesen des geschriebenen Wortes schafft Distanz, es macht einem bewusst dass man ein fiktives Werk liest. Anders ist es da beim Filmen oder Musik, wie ich finde. Man sieht und hört reale Worte. "Echte" Worte. Klar haben Bücher auch Autoren, aber man nimmt diese nicht als Menschen direkt wahr, sie sind im Hintergrund. Während Filme einen Situationen vorgaukeln, die man so quasi direkt für die Realität halten kann. Man siehe nur mal das ganze Fake-Fernsehen an. Jugendliche glauben das Sendungen wie "Mitten im Leben" oder "Bauer sucht Frau" REAL sind, sie nehmen es als Vorbild, orientieren sich danach. Dabei läuft dort alles strikt nach Drehbuch ab. Man gaukelt Realität nur vor.
    Ich glaube eher, Bücher helfen im positiven Sinne. Durch die Distanz die das geschrieben Wort aufbaut, ist man sich eher bewusst dumme Dinge nicht nachzumachen, "ist ja nur ein Buch" steht mehr im Vordergrund. Aber wenn etwas positiv ist, nimmt der Mensch es gerne auf, egal durch welches Medium. Denke daher dass aber all das Positive was in Büchern steckt, daher Jugendliche im guten Sinne sehr beeinflussen können :)

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