?Filmkritik? Das Schicksal ist ein mieser Verräter

20 Juni 2014 |

Anmerkung: Wer das Buch oder den Film nicht kennt, sollte das nicht lesen! Spoilergefahr!

Vorab: Normalerweise schreibe ich keine Filmkritiken und ich werde damit auch nicht anfangen. Einmal, weil das hier ein Buchblog ist und zweitens, weil ich Romanverfilmungen selten ansehe. Aber irgendwie habe ich jetzt doch das Bedürfnis über diesen Film zu reden. Warum? Wahrscheinlich, weil John Green ein Phänomen ist, was mich auch nicht kalt lässt. Und "The Fault in our Stars" gehört zu den Romanen, die ich wirklich geliebt habe. Weil es anders war, weil es mal Dinge machte, die andere sich nicht so trauten oder verklärten.
Eigentlich hätte es mir schon klar sein sollen, als ich ins Kino kam. Der nicht wirklich gefüllte Kinosaal (gut, der Film lief 20 Minuten vorher in drei anderen Kinosäalen an) war voller Mädels. Ich war der einzige Kerl, neben einem Anderen. Insgeheim bin ich immer noch der Überzeugung er wurde von seiner Freundin verdonnert mitzugehen. Vielleicht ist es aber auch so ein Ausnahmefall von Mensch wie ich.
Manche davon waren anscheinend schon gut vorbereitet. Statt erstmal an der überteuerten Cola aus dem Pappbecher zu schlürfen oder das Popcorn in sich reinzustopfen, wurden die Taschentücher gezückt, in Stellung gebracht. Wer auch immer sie informiert hat, sie waren bereit für volle Emotionsschlachten.
Die ersten Trailer liefen über die Leinwand und ich saß mit einer Freundin, die die Taschentücherauspacker schon leicht auslachte, überlegend, ob wir uns diesen einem Film aus der Kinovorschau auch angucken sollten. Da merkte auch schon schon langsam ein Kratzen im Hals. Gut, vielleicht nicht gerade die intelligenteste Idee mit einer abklingenden Erkältung ins Kino zu rennen, aber ich wollte endlich diesen Film sehen. Solange die Vorschau lief, hatte ich auch keine Hemmungen kurz mal zu husten. Gestört fühltesich gerade eh keiner.
Irgendwann ging es dann los. Meine Ansprüche waren eh schon niedriger. Es ist ein Film, nicht der Roman. Es sind verschiedene Mittel, die zum Einsatz kommen. Es kann nicht gleich sein, was mir bewusst war. Aber war der Roman an manchen Stellen auch so kitschig? Daran konnte ich mich nicht erinnern. Und wenn ich so nach links und rechts sah, waren da überall leuchtende Augen. Wie Hazel und Augustus aufeinandertreffen, sich die ganze Sache entwickelt. Sag mal, ging das vorher schon so flott?

Ein bisschen Kitsch muss sein

Die Freundin neben mir flüstert mir auch schon zu, ob sie was verpasst hat, oder warum neigt der Film manchmal zur Schnulzigkeit. Ich hatte auch keine Antwort und mein trockener Hals meldete sich wieder zu Wort. Eigentlich wollte ich eher ein leichtes Lachen verkneifen, aber das Abhusten musste sein. Nur ganz kurz. Gott, was zum Trinken wäre nicht schlecht. Pappbechergetränke wären jetzt gar nicht so übel.
Es geht weiter. Es geht um Amsterdam, es scheint keinen Weg zu geben, dass sie dort hin könnten. Dramatische Slow-Motion-Szenen, weil es Hazel schlechter geht. Ach komm, muss das jetzt sein? Kann das ein Film nicht lassen? Hinter mir schon ein erstes Schniefen. Die Mädels in meiner Reihe griffen schon zum ersten Taschentuch und tupften sich die Augen. Leute, es ist noch keiner tot...
Weiter in der Geschichte. Verdammt ist Hazel hübsch, denke ich mir so. Das süße Mädchen von nebenan. Mit Shailene Woodley einfach perfekt besetzt. Sie hat das Aussehen dafür, sie hat das Talent. Die kann schauspielern. Respekt! Und Augustus macht seine Sache auch gut, ohne Frage. Die Emotionen sind da, sie sind auf den Punkt (wenn man von manchem Kitschüberfluss und etwas zu viel Schnulzigkeit absieht, dafür können aber die Schauspieler nichts) "Mein Gott, der sieht geil aus.",  kommt es von der Freundin. Das sind einfach die beiden krebskranken Kinder mit dem tragischen Schicksal. Ja, sie schaffen es sogar die Krankheit auch manchmal vergessen zu lassen, ganz wie im Roman. Sie rückt in den Hintergrund, ist aber trotzdem da. Wobei sie im Roman noch stärker vorhanden waren, als im Film selbst. Im Roman fand ich es überzeugender, es war aber gerecht dosiert und entschärft für die Filmversion.

Taschentucharmeen

Schon kam das erste Schnäuzen und neben mir wieder ein Flüstern. "Ne, oder?" Das Lachen musste wieder einem Husten weichen. Es kam genau zu dem Moment, wo es emotional wurde. Was wohl die Mädels jetzt gerade denken, dass ich schon an meinen Tränen ersticke?
Wir steuern immer weiter auf das Ende der Tragödie. Immer emotionaler die Momente, die Taschentücher wurden jetzt kräftig vor dem Gesicht gewedelt. Verdammt, ich brauch auch eins! Meine Nase läuft und wieder musste ich husten. Gesund war ich also wirklich noch nicht.
Neben mir bricht eine in Wein-Lachkrämpfen aus und verkriecht sich bei ihrer Freundin, weil sie so emotional berührt ist. Eine Reihe unter mir klingelt ein Handy, genau im schlechtesten Moment. Wenigstens hab ich das nicht mit meinem Rumgeröchel zerstört, sondern die Dame mit ihren penetranten Klingelton. Leise versuche den Hustenreiz zu unterdrücken. 
Schon waren wir durch. Die Endszene war gekommen (wundbar umgesetzt, muss man mal sagen). Im Kino gingen die Lichter an, um mich herum weinende junge Frauen, die versuchten mit ihren Gefühlen umzugehen. Wahrscheinlich ist es bei manchen eine Mischung gewesen aus: "Wo ist mein Augustus?" und "Tod, warum grausamer Tod!"
Die Brünette, die neben mir saß, hätte ich gerne getröstet. Sie war so richtig in ihr Weinen vertieft und musste gleichzeitig immer wieder Lachen. Die Arme hat es voll erwischt. Wenigstens hat ihre blonde Freundin Fassung bewahrt und fragte sie die ganze Zeit, warum sie bitteschön vor sich hingaggere. Als ich sie ansehe, grinst sie mich an und deutet auf ihre Freundin. Sie fand es selber lächerlich.
Leider mussten wir zum Zug und ich konnte mir das Spektakel nicht mehr geben. Eigentlich wollte ich auch nach dem anderen jungen Herren Ausschau halten, der drei Reihen hinter mir seinen Platz hatte. Die Angestellte vom Kino spitzte jetzt auch schon ihr Gesicht in den Hörsaal und sah sich besorgt um. Mich blickte sie überrascht an und lächelte mir zu. Warum auch immer. Wahrscheinlich war ich echt die Ausnahme der Ausnahmen von Männern, die den Film besucht haben. Nur mit einer Freundin, nicht mit DER Freundin.
Draußen angekommen, musste ich kurz die Nase hochziehen. Nirgendwo ein Taschentuch in Sicht... ich hätte doch die Brünette fragen sollen, wobei... bei dem Verbrauch wär eh keines mehr für mich übrig.
"Ich weiß auch nicht...", sagte dann meine Kinobegleitung. "Manchmal etwas kitschig und schnulzig. War im Roman nicht ganz so oder hab ich was anders gelesen?"
Ich stimmte ihr zu. "Und was ich ich schlimm fand, war 'Liebster'. Stand das so in der Übersetzung? Kenn es ja nur in Englisch."
Sie schüttelte den Kopf. "Manche Szenen fehlen einfach. Welche, die viel Bedeutung haben."
Ich nickte nur und wir liefen ein paar Meter weiter.
"Und?", fragte ich sie. "Gesamturteil?"
"War okay."
"Okay."
"Okay?"
"Okay."
"Hast du ein Taschentuch dabei?"
"Wieso?"
"Meine Nase läuft immer noch..."
Wir müssten beide lachen.

Und so würde ich den Film auch sehen. Er war nicht perfekt, er war gut. Vielleicht auch sehr gut, so ganz knapp. Aber er funktioniert am besten wohl wirklich für die, die den Roman nicht kennen. Kann man sich also durchaus ansehen, auch wenn es jetzt hier so negativ klingt. Aber an mancher Stelle hätte ich mir etwas weniger Romanze gewünscht, die war im "Original" nämlich nicht so stark ausgeprägt. Macht sich halt auf der Leinwand so besser... oder so ähnlich. Trotz allem bleibt eine gute Umsetzung der Romanvorlage.
Achso, bevor ich es vergesse. Für die Musikfetischten (also so wie ich): Der Soundtrack ist super. Es ist Kodaline dabei. KODALINE! Haben sie gut ausgesucht.

Kommentare:

  1. Eine wirklich sehr schöne Kritik!
    Werde mir den Film heute ansehen und bin schon sehr gespannt :)

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  2. Ich mag mir den Film irgendwie gar nicht ansehen... ich liebe das Buch, aber den Trailer fand ich schon doof. Besonders Augustus und sein scheiß Grinsen.. >.<

    Und meistens sind Romanverfilmungen ja nie besonders gut. HInterher denkt man sich oft, ja war ganz ok, aber das Buch ist viel besser. Undd as will ich mit bei TFIOS irgendwie nicht kaputt machen.

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    1. Ne, fand ich eigentlich in Ordnung. Und Augustus hab ich mir eigentlich sogar so vorgestellt :D

      Die soll aber wirklich gut sein. Bin glaub ich einer der weniger, der sie zwar gut, aber nicht perfekt findet. ;)

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  3. Wow, ich finde deine Kritik wirklich super!
    Nächste Woche werde ich mir den Film anschauen und ich bin gespannt, wie mein Urteil ausfallen wird. Ich bin bei solchen Verfilmung immer sehr kritisch :-)

    LG Lena

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    1. Ich bin mal drauf gespannt, ob du ihn auch perfekt findest :)

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  4. Haha, was für ein toller Bericht! Richtig frisch unter den ... "normalen" (?) Filmrezensionen. Mir gings zur Premiere im Kino genau wie dir - allerdings war das nicht nur eine Erkältung sondern noch irgendwas anderes, von dem ich gar nicht wissen mag, was das war. Ich bin froh, dass mich nur noch jeden zweiten Tag ein tödlicher Hustanfall ereilt. Hab unterdessen deswegen auch den ganzen Film durchgeschnieft. Hatte aber, thank god, mein Survival Kit dabei - Supersize Taschentücher für miese Sommerkrankheiten ^^

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    1. Dankeschön :) Und ja, ich schlepp es schon länger rum. Da war es halt "nur" noch eine Erkältung. Eine Woche davor war ich schon echt krank und nur im Bett rumgelegen. :D Husten kam erst später, bei mir war es eher so: "Mir wird schwindelig. Oh, rette mich doch jemand"-Anfälle ;)
      Das Survival Kit hätte ich auch mal gebraucht *immer noch rumschnäuze*

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  5. Ich finde, wie gesagt, nicht, dass die Slomo übertrieben war. Ich konnte genug heulen, er war wunder schön.... *_*

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