Rezension: Serienunikat von Chantal-Fleur Sandjon

10 Juni 2014 |

Zum Buch

Verlag: script5
Format: Klappenbroschur
Seiten: 320
ISBN 978-3-8390-0168-4
Preis: 14,95 €

Berlin und die Suche
nach sich selbst

Das Studienziel steht fest: Pharmazie, ganz nach dem Vorbild ihrer Eltern. Eigentlich wäre es ihnen sogar lieber, ihre Tochter würde gleich hier bleiben und ganz in der Nähe studieren. Doch Ann-Sophie hat andere Pläne und flüchtet nach Berlin. Aber die Suche nach der eigenen Bleibe gestaltet sich schwieriger als gedacht, auch wenn ihre Freundin Zaza ihr einen Platz in ihrer kleinen Wohnung überlassen hat. So schnell will sie aber nicht aufgeben, sie will das urbane Leben, sie will in Berlin ankommen, egal wie viele WG-Castings sie durchstehen muss.
Hoffnungen schwinden mit jeder Absage bis sie auf Catchy trifft. Und so finden sich zwei Menschen, die nicht mehr nach einer Wohngemeinschaft, sondern einer Wohnung suchen, um ihre eigene Welt zu gründen. Wie es das Schicksal will, finden sich gleich noch zwei Männer hinzu und die passenden Räumlichkeiten sind gefunden. Ein BWL-Student, ein Aktivist in vielen Dingen, eine Fashionista und Ann-Sophie, ein ungleiches Vierergespann, das sich zusammenfindet und in Berlin sich selbst sucht.
Doch wie soll das geschehen? Für Ann-Sophie scheint es eine unüberwindbare Aufgabe. Auf einer Party gibt ihr ein Unbekannter die Anleitung zum Anderssein und sie scheint den Schlüssel zu sich selbst gefunden zu haben. Stück für Stück arbeitet sie sich durch die Punkte und wird die Person, die sie schon immer sein wollte, oder nicht?

"Serienunikat" bildet den Traum einer Generation ab. Die Generation Y, der alle Wege offen stehen, deren Mittelstandseltern ihr Studium finanzieren und die sich versuchen selbst zu finden. Fern von den Vorstellungen der Eltern, sich ausprobieren, am Leben zusammenbrechen und lachend in den Trümmern aufwachend.
Ann-Sophie ist der Spiegel einer Welt auf der Suche nach sich selbst, die in die Hauptstadt pilgern, zwischen Hipstern und anderen Gestalten. Zwischen Trendsettern und exzessiven Partys. In der Hoffnung betstehen zu können und nicht wieder in elterliche (Alb)Träume zurückzuziehen.
Anfangs hat sie ihr anerzogenes Verhalten, die Normen und Wünsche ihre Eltern, die sie immer wieder an den Boden ziehen, dem sie aber entfliehen will. Ihren eigenen Kopf haben, einfach mal sie selbst sein. Egal wie sehr es schmerzt.
Chantal-Fleur Sandjon gelingt mit dieser Selbstsuche, auf dem Weg zum Erwachsenen, der schmale Grad zwischen Authentizität, Großstadt-Poesie und die Gefühle einzufangen, die in denen herumschwirren, die machen wollen, was ihr Herz ihnen sagt. Ihre poetische Sprache, voller wunderschöner Bilder, kommt ohne Moralpredigen daher. Gekonnte Vergleiche, die richtige Mischung aus Modesprache und liebevoller Metaphorik, mache diese Reise zu einem sprachlichen Genuss. Keine abgenutzten und ausgelutschten Worte, die man als Zwanziger nicht von seinen Eltern hören will, nicht die Wertungen, was schlecht und was gut sein soll, kein verschleierter Blick oder Meinungen, die nicht passen. Es würde auch nicht so gut funktionieren, denn die Autorin gibt ihren Charakteren großen Spielraum, einen Spielplatz, wo sie sich entwickeln dürfen, ihre Fühler ausstrecken dürfen, auch wenn sie sich zu verbrennen drohen.
So unterschiedlich die WGler sind, so unterschiedlich ist ihre Sichtweise auf die Welt. So verschieden der Umgang mit Drogen oder ihre Essensweisen und trotzdem finden sie sich selbst, den Weg, in dem sie sich wohlfühlen. Allem voran Ann-Sophie, die Protagonistin der Geschichte, die von ihren Eltern flieht, das Pharmaziestudium beginnt und sich gar nicht so sicher ist, ob sie die Apotheke ihrer Eltern übernehmen will. Die ein Leben vorgeschrieben bekommen hat, dass ihr zu eng erscheint. Ihre Anleitung zum Anderssein bringt sie an Grenzen, an Hürden und innere Barrieren, die es zu umschiffen gilt. Ann-Sophie, bald Ann d'Arc, findet sich in den wildesten Partys finden, in Herzschlagmomenten und der ständigen Flucht vor der Vergangenheit. Was soll bleiben, was ändern?  Wohin mit dem Leben und was muss stehen bleiben?
Manchmal wirkt die Suche stark nach einem Konzept. Manches hätte ausführlicher sein müssen, anderes wiederum wirkt wie eine Wiederholung der Handlung. Es fehlt manchmal an der nötigen Strenge und es kommt einen vor, als wäre der Roman stellenweise fast in Sackgassen verlaufen, die die Autorin gerade noch umschifft, aber schöner gelöst werden könnte. Und das nicht nur Sackgassen, die gewollt sein, die zur Entwicklung ihrer Protagonistin beitragen.
Aber egal, wohin die Reise hingeht, eins stellt Chantal-Fleur Sandjon klar. Wer sich finden will, muss manchmal an sich selbst zerbrechen, um neu geboren zu werden. Einem neuen Ich, dass einem näher ist, als man anfangs glaubt.

Fazit

Mit ihrem Debüt "Serienunikat" fängt Chantal-Fleur Sandjon den Zeitgeist der Generation Y ein. Auf der Suche nach sich selbst, zerbrechen sie oft, um den Normen und Werten ihrer Eltern zu entkommen, um die zu werden, die sie wirklich sein möchten. In wundervoller Sprache und ohne Moralvorgaben gibt sie ein authentisches Bild einer Selbstsuche auf dem Weg zur eigenständigen Persönlichkeit, in denen die eigenen Wünsche eine große Rolle spielen. Faszinierend und berührend zugleich.
★★★★☆

Kommentare:

  1. Ich finde es ja schon lustig, da gibt es bei jedem Verlag diese "Top-Titel", die jeder gerne sofort lesen möchte, und Bücher, die nicht die ganz große Beachtung bekommen. Zu Serienunikat lese ich gerade bei dir die erste ausführliche Rezi. Für einen Debütroman klingt das doch schon sehr stark. Danke dafür!
    Viele Grüße,
    Damaris

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  2. Klingt wirklich interessant! Vielleicht gehöre ich ja dieser Generation an, auch wenn ich mit meinem Studium schon eine Weile fertig bin. Ich werde auf jeden Fall mal in das Buch hineinlesen.
    Vielen Dank für die schöne Rezension!

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