Zerrissene Seiten: Die jungenfeindliche Jugendliteratur

08 Juni 2014 |

"Du liest so gar nichts?" Ich und eine Mitstudentin waren verwundert. Wir lesen beide. Aus Leidenschaftsgründen lese ich schon viel, die Kommolitonin schnappt sich ab und zu auch gerne mal einen Schmöker. Das war noch nicht das Problem, sondern eher der Nachsatz. "Wie so ein Junge..."
Ist es so? Wie so ein Junge? Dieses Klischee gibt es ja immer wieder. Mädchen lesen, basteln und sind kreativ. Jungs hauen sichen die Köpfe ein und sind MÄNNLICH. Naja, ich kann das nicht so sehen, uch bin schließlich auch ein "Junge" und lese doch... und habe es schon früher getan. Und dann kam es mir einfach, warum es eigentlich meistens zwar erwachsene männliche Leser gibt, aber die Männer von morgen Bücher ablehnen oder warum sie dann vielleicht auch später Romane verweigern und den Film vorziehen. Lesende Jungs, gibt es anscheind nicht oder nur sehr wenig und das hat durchaus System und scheint gewollt.

Wenn Jugendbücher erscheinen, dann haben sie vor allem eine Zielgruppe: Junge Mädchen. Bücher mit starken weiblichen Charakteren, die sich verlieben, aus der grauen Maus wird der Schwarm und sie sind beliebt und geliebt. Geschrieben und Beschrieben von Frauen. Also Frauenliteratur für die angehende Frau, die emanzipiert auftritt, stark daherkommt und dann wieder seicht und sanft sich an fantastische Wesen kuschelt.
Und was ist mit den Männern von morgen? Die gibt es anscheinend nicht... und dann wird gejammert, Jungen lesen ja so gar nicht. Sie sollen sich doch mal einen Schmöker schnappen und nicht zocken. Dabei gibt es für jeden Menschen ein Buch... man muss es nur finden!
Schon öfter bekam ich die Frage, was ich denn mit 14 oder sowas gelesen habe, ob ich nicht vielleicht Empfehlungen hätte für die Söhne dieser Welt. Ja, ich habe gelesen, aber massenweise Thriller konsumiert. Die habe ich geradezu verschlungen und auch die Fantasy schlich sich in mein Herz. Einmal Held sein, davon träumt man doch irgendwie als junger Mann. Erst, als ich älter wurde, kam ich dann auch zur "Contemporary" wie man die Gegenwartsliteratur ja jetzt nennt. Wirklich Empfehlungen für Jugendliche habe ich daher selten, wenn ich um solche gebeten werde. Außerhalb der Fantasy fällt es mir verdammt schwer Werke zu finden. Doch die Dramenbücher, die auch gerne mal ein Junge lesen würde, konnten mich nicht ansprechen, weil sie einen großen Makel hatten. Heute stehe ich darüber, damals empfand ich es so. Und ehrlich gesagt, finde ich diesen Makel heute noch in der Jugendbuchabteilung. Sie ist unmännlich.
Klar, der Jugendthriller hat zugenommen, aber selbst der kommt verdammt weiblich rüber. Seltsamerweise sind diese nämlich auch aus Frauenhand, haben oft junge Mädchen im Vordergrund und wer liest es? Richtig, das weibliche Zielpublikum.
Die Dystopie, düster und actionreich, hat den Stempel "weiblicher Protagonist", der sich dann auch noch in einer Dreiecksbeziehung befindet. Und sind es nicht zerstörte Welten, spielen halt Glitzervampire und Konsorten die Schrittbefeuchter, ich meine natürlich, die Lippenbefeuchter. Da fühlt sich jeder normaler Kerl kaum angesprochen, außer er hat eine weibliche Seite an sich entdeckt. Ich lese da gerne mal rein, zumindest jetzt, aber immer kann ich das auch nicht haben. Ein normaler Kerl (der ich oftmals nicht bin) würde aufschreien und wegrennen, wenn er diesen Kitsch ertragen muss.
Wenn wir jetzt aber von einem ganz normalen Jungen ausgehen, sieht es wirklich bitter aus für den männlichen Buchleser. Die Thriller strotzen vor Östrogen, fällt also schonmal ein Großteil der Spannungsliteratur heraus. Die jugendliche Gegenwartsliteratur dreht sich oft ums Gefühlschaos in der Pubertät und wie blöd doch Jungs manchmal sind. Wieder ein Marktsegment weggefallen. Da bleiben noch die Fantasy und Science Fiction. Als hart und männlich abgetane Genres, weil sie voller Action sind und diesen mittelalterlichen Charme versprühen oder bei SciFi die Technik die Hauptrolle spielt, muss man doch als Mann so richtig aufgehen. Jungfrauen vor Drachen retten und abgefahrende Zukunftstechnologien. Naja und in der Fantasy gibt es da noch die Romantasy... und eventuell doch die ein oder andere weibliche Protagonistin, die ja so toll ist, weil sie sich durchboxt.
Und schon wieder rollt der Junge die Augen und sieht auch diesen Bereich langsam schwinden. Naja, wenigstens gibt es noch andere Subgenres, die ihn glücklich machen können, auch wenn die Fantasy heute auch von der weiblichen Front gelesen wird. Die Emanzipation hat sich auch dort etabliert.
Da treffen sich zwei Buchnerds gerne mal und dann gibt es schon Probleme.
"Die Story war so geil!", quietscht sie.
"Viel Liebe?", hinterfragt er.
"Ne, nur ein bisschen, geht schon." Er stöhnt auf.  "Aber die Protagonistin..."
Identifikation bei einem Jungen mit 14 Jahren gescheitert, der hört schon nicht mehr zu und hört blablabla. Naja, wir wollen ja nicht abstreiten, dass es männliche Typen gibt. Aber die sind ja soooo perfekt, da kann man als Normalsterblicher nur drüberlesen und sich fragen, ob die Mädels einen an der Waffel haben oder warum stehen die jetzt auf den Blutsauger, der über 100 Jahre alt. Alter Pedo!
Nein. Der Junge von heute, der gewillt ist zu Lesen, hat nicht einmal die Chance dazu. Wäre doch nett, wenn man sich mal um diese Kundengruppe kümmern wurde statt einfach zu sagen: "Jungs lesen eh nicht!" Es will das Rollenbild anscheinend so. Aber wie soll sich das ändern, wenn man ihnen nicht die Anreize dazu gibt? Nicht jeder Junge liebt Fantasy und Horror. Manche wollen eben auch Literatur zum Nachdenken, Momente, wo er sich hineinfühlen kann... die findet er in der klassichen Jugendliteratur nie oder nur schwerlich. Oder gibt es irgendwo versteckt einen riesigen Berg an Literatur für Jungen. FÜR JUNGEN! Von Männern geschrieben, wo sie sich finden können.
Und die momentanen Vertreter wie John Green, die werden meist für ein weibliches Publikum vermarktet. Da sieht man strahlende Mädchen, nicht strahlende Jungs, dabei könnten sich zig Jungs in Miles bei "Looking for Alaska" finden. Wird trotzdem mehr von Mädchen gelesen und begeistert beklatscht. Wer will schon Miles haben, wenn er Hazel Grace haben kann?
Früher, ganz früher war es genau andersherum. Männer haben gelesen, Jungen haben gelesen, was ihnen in die Hände kam. Es konnte aber auch nur das männliche Volk lesen, trotzdem war der Markt eher "männlich" anzusehen. Und jetzt? Jetzt ist er verweiblicht worden. Kein Wunder, wenn da die Jungs herkommen und einen sagen: "Boah ey, voll weibisch. Lesen ist doch für Mädchen." Natürlich darf es Literatur für Frauen geben. Chick-Lit braucht die Welt und auch weibliche Identifikationsfiguren und Vorbilder in der Literatur. Dass diese Gleichstellung entstanden ist, ist ein Segen.
Aber irgendwann wurde der Junge ignoriert. Die Zielgruppe nicht auf "Jugend" gestellt, sondern auf "Mädchen". Und je früher die Begeisterung für Literatur beginnt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man lesende Männer hat, die nicht nur Fantasy und SciFi wollen, sondern noch viel mehr. Will man sich von diesem Image lösen, muss man eventuell auch mal ganz oben ansetzen und nicht beim Leser. Der schreibt nicht die Romane, sondern das macht der Autor. Er verlegt sie nicht, das ist Aufgabe des Verlages. Wie wäre es mit männlichen Protagonisten, authentischen männlichen Charakteren, anstatt den Wunschbildern der Mädchen, die ihren Beschützer brauchen und wollen. Nicht nur ein liebestoller Schaumschläger, der Mädchenherzen bricht und sich die Unscheinbare heraussucht, sondern durchaus mal ein Kerl mit Komplexen, der sich unter den Kerlen durchsetzen muss. Schönheitsmakel verspüren auch Jungs. Und wenn ich dann höre, wenn mal ein männlicher Protagonist die Hauptrolle spielt, es plötzlich heißt: "Dachte ja zuerst es ist ein Mädel. Ist ja sonst immer so.", dann hat man wirklich eine ganze Schicht vergessen.
Ich glaube es wird Zeit für mehr Männlichkeit in der Literatur... nicht bei den Erwachsenen, sondern bei den Jugendlichen und da spielt die Emanzipation und Gleichstellung der Frau mal eine geringe Rolle, denn sie bekommt mittlerweile in der Literatur mehr Aufmerksamkeit, als der Mann momentan erfahren darf.

Kommentare:

  1. Wie recht du mal wieder hast! Sehr schön geschrieben (:

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  2. Lieber Christian,
    ich lache immer Tränen bei Deinen unglaublich nahen Kolumnen. Auch bei dieser muss ich mir wieder einmal heftig auf die Lippe beißen, um mich nicht in einem Lachkrampf zu verlieren. Da steckt immer so viel Wahres drin, dass ich mir wünsche, ich hätte die Zeit, all meine Gedanken zu stimmigen und nicht stimmigen Buchthemen aufzuschreiben. Derzeit ganz groß in meinem Kopf: Wo sind all die perfekten Typen, von denen wir in den Büchern immer wieder lesen, dass man sie aufm Campus oder im Café um die Ecke trifft? (Wehe, Du klaust mir das Thema! Ich schwör, ich mach Dich Matsche! xD)

    Jedenfalls: Danke für Deine Kolumnen, die ich wirklich immer wieder gerne lese, auch wenn ich keinen Kommentar hinterlasse ;)

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    1. Vielen lieben Dank :) Freut mich zu hören
      Interessantes Thema, ich bin mal kurz was tippen... :D

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  3. Ich bin weiblich und ich muss sagen: Ich hab mich richtig wiedergefunden in deinem Text. Toll geschrieben! Die Jugendliteratur ist mittlerweile hauptsächlich etwas für Mädchen, absolut verweichlicht und so kitschig, dass man nen Topf drunter stellen und hinterher mit dem Schmalz backen könnte. Das finde ich total schade. Denn ich bin eines der Mädchen, die auch gerne mal die Lust auf Action oder Thriller oder oder verspüren und dann vor dem Regal stehen und zehn Bücher herausziehen können und bei allen genervt aufstöhnen - weil es eben doch nichts neues ist. Überall Romantik, überall Dreiecksgeschichten und nirgendwo hat man die Chance, dem mal zu entkommen.
    Und wenn ich das als Frau sage, muss das für euch männliche Leser ja nun noch um ein vielfaches schlimmer sein!

    Von daher finde ich es super, dass du dir hier einmal "Luft gemacht" hast, denn das ist auch nötig. Kann ja nicht angehen, dass das Hobby Lesen zu etwas gemacht wird, was nur noch Mädchen ausüben können. Wo kämen wir denn hin?!

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    1. Ich finde es auch schön, dass es auch das weibliche Volk sieht. Ich meine, es ist doch wirklich schlimm mittlerweile, oder?
      Nichts gegen Romantik, aber es ist eben viel zu oft da, eher Schmalz wie du so schön beschrieben hast :D (Der Vergleich ist toll). Eine Liebesgeschichte im Roman darf sein, aber die sollte dann halt kitschfrei bleiben und authentisch (was sie oft nicht sind)

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    2. Ich - ebenfalls weiblich ;) - kann euch beiden nur zustimmen! Gerade die ewigen Dreiecksgeschichten gehen mir langsam auf den Keks und dass es nur zwei Arten von Jungs zu geben scheint: Die Softies und die Bad Boys. Irgendwann ist auch das mal durchgekaut.

      Es würde mich also sehr freuen, wenn es mal wieder Bücher mit Männern in der Hauptrolle geben würde, mit Action, ohne Dreieck ;)

      Sehr schön geschriebene Kolumne!

      Liebe Grüße,
      Fraencis

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  4. Toller Artikel!
    Ich musste gerade heftig schmunzeln, bringst du doch ein tatsächliches Problem äußerst humorvoll rüber. Ich selbst, als Buchhändlerin, stehe nicht selten vor der schier unmöglich zu lösenden Aufgabe, einer Mutter für ihren 14/15/16-jährigen Sohn ein Buch zu empfehlen. Da fällt mir dann Erebos ein oder auch die Labyrinthe-Trilogie von Rainer Wekwerth, aber dann ist auch schon Sense. Es ist tatsächlich ungemein schwer, Literatur für männliche Jugendliche zu finden, da es in der Jugendliteratur so gut wie keine Geschichte mehr schafft, ohne eine romantische Liebesgeschichte daher zu kommen. Und so stehe ich ratlos vor dem Regal und stelle mir die selben Fragen wie du und denke, dass wir deutlich mehr männliche Autoren bräuchten, die auch "männliche" Bücher schreiben. ;) Danke für diesen Gedankenanstoß, der dir unglaublich gut gelungen ist! :)

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    1. Dankeschön :) Und auch mal schön zu hören, dass auch die Buchhändler vor dem Problem stehen. Die Bücher wären mir auch noch eingefallen für das junge, männliche Publikum, aber dann wird es wirklich sehr schwer.
      Ich verstehe nicht, warum man das nicht ändert oder zumindest auch mal Bücher für diese Art von Leser herausbringt.

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    2. Ich habe den Beitrag gerade erst entdeckt, möchte aber auch noch meinen Senf dazugeben :) Ich war auch Buchhändlerin und ja, es ist momentan schwieriger, etwas für Junges zu finden als für Mädchen, aber es ist nicht unmöglich. Und ich denke auch eher, dass die derzeitige Situation ein Resultat daraus ist, dass Jungs ungerner lesen als Mädchen und nicht umgekehrt, dass sie weniger lesen, weil das Angebot nicht da ist. Ich hatte total oft verzweifelte Mütter, die ein Buch für ihren Sohn haben wollten, aber bloß nicht zu dick sollte es sein und Oh Gott, die Schrift ist auch so klein, da fängt er ja gar nicht erst an zu lesen. Deswegen sind z. B. Gregs Tagebücher ein Segen, das hab ich quasi allen Müttern in die Hand gedrückt, deren Kinder irgendwie halbwegs in die Zielgruppe passten :D Und da gibt es ja inzwischen auch ganz viele Nachahmer und damit Nachschub. Auch dass Erstlesebücher mit Superhelden wie Batman & Co. erschienen sind, find ich super, wobei es da wieder echt schwierig war, die Eltern davon zu überzeugen, dass sie das kaufen sollten. Ih Comics und so. Aber das sind nun mal die Themen, mit denen man die Jungs zum Lesen kriegt. Und für den Älteren hab ich dann z. B. James Dashner und Michael Grant empfohlen. Kam auch immer gut an.

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  5. Hallo! :)
    Ein wirklich toller Artikel. Wo du recht hast, hast du recht.
    Ich als Mädel habe eigentlich noch nie große Probleme gehabt, ein passendes Buch für mich zu finden. Ich habe mehr das Problem, dass es da viel zu viel Auswahl gibt.
    Doch jetzt, wo auch mein Bruder mit dem Lesen beginnt und auch auf dem besten Weg ist, viel lesen zu wollen, fällt doch auf, dass seine Auswahl wesentlich geringer ist.
    Hoffen wir, dass sich das bald auf dem Buchmarkt wieder ändert! :)
    LG

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  6. Hey Christian

    mal wieder ein wirklich tolle und sehr schön zu lesende Kolumne von dir. Und vor allem sehr interssant! Denn du hast da vollkommenr echt, der jugendliche männliche Leser wird fast komplett übergangen und wie es aussieht, regelrecht übersehen. Geht man schonmal klischeehaft davon aus, der jugendlich-männliche Ottonormalverbraucher kauft eh kein Buch? Wahrscheinlich... Oder sprechen evtl. die Verkaufszahlen für sich? Wird sich daran orientiert? Womit das ja ein Teufelskreislauf wäre - denn wenn es nur wenige Bücher in diesem Bereich gibg, KANN ja auch nix gekauft werden, stimmen ergo die Verkaufszahlen nicht, hmmmm.
    Heißt: Schick diese Kolumne ruhig mal an die Verlage weiter! :-)

    Sonnige Grüße!
    Alexandra

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  7. Ich stimme dir soooo zu :) Aber das weißt du ja bereits :) Ist doch das gleiche wie mit den Klamotten :D Die Frauenabteilungen sind immer irgendwie größer :D Ich find das echt schade, denn das ist eine soooo große Zielgruppe, die einfach mal ignoriert wird :/ Ich versteh nicht, warum das so gehändelt wird :/

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  8. Oh, wie recht du hast. Jetzt weiß ich auch, was mich die ganze Zeit so nervt und was mir fehlt!

    Du hast es ziemlich zutreffend auf den Punkt gebracht.

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