Rezension: Winger von Andrew Smith

29 September 2014 |

Zum Buch

Verlag: Simon & Schuster
Format: Gebunden
Seiten: 439
ISBN 978-1-442-44492-8
Preis: $ 16.99 US 

Winger, ein verdammter Loser

Ryan Dean ist ein Loser. Zumindest bezeichnet sich der Rugbyspieler selbst so. Nein, er gehört nicht zu den Muskelpaketen, sondern ist eben ein Winger. Ein wendiger, kleiner Kerl und zudem auch noch jünger, als seine Mitschüler. Im Internat ist er mit seinen 14 Jahren der Jüngste in seinem Jahrgang und hasst es wie die Pest. Denn dadurch ist er schnell der Außenseiter und wird gerne Opfer seiner Mitschüler. Und dann ist da auch noch die Sache, dass er plötzlich zu den bösen Jungs zugeteilt wird und mit ihnen seine Nächte um die Ohren schlagen muss. Also die, die wirklich Scheiße gebaut haben und er weiß jetzt schon, da wird er wohl kaum wieder lebendig herauskommen. Das Schuljahr kann ja nur eine Katastrophe werden, wenn es schon in einer Kloschüssel beginnt und Winger mit seinem Kopf mittendrin.

Alles in allem wirkt das Ganze nicht wirklich originell und spannend. Klassischer Außenseiter, zu jung und gemobbt von den Mitschülern, bekommt von den Schulbullies einfach die komplette Ladung ab. Wie kann das bloß werden? Ganz klar, klassische Geschichte des sozialen Aufsteigers. Der kommt da raus! Das wird alles besser.
Soweit weiß man sehr wohl wie die Geschichte sich entwickeln wird, wäre da nicht Ryan Dean alias Winger selbst. Durch seine einzigartige Art Dinge zu erfassen, sei es durch die kleinen Comics oder die sehr unterhaltsamen Grafiken, entwickeln der Roman einen ganz eigenen Ton, der ihn von der Masse abhebt. Nicht nur ist er geradeheraus, flucht gerne (aber nur auf dem Papier, also im Buch selbst, sonst flucht er überhaupt nicht!) und ist allgemein ziemlich witzig. Man unterschätzt ihn ziemlich schnell. Zwischen nervigen Schulstunden, dem Rugby-Training und der Liebe wandelt er in nächtlichen Ausflügen mit seinen neuen Zimmernachbar, die alle irgendwie Mist gebaut haben, in so manches Problem. Da kommt es so nächtlichen Kartenspielereien mit Alkohol, total danebenen Mutproben und all die anderen Sachen, die eben Jungs machen um sich gegenseitig zu beweisen wie toll man ist. Winger muss da durch, egal wie bescheuert es scheint.
Und dann wäre da noch Annie, seine beste Freundin und eigentlich auch große Liebe. Aber eigentilch findet er alle Mädchen schon geil. So ist Ryan Dean eben, ein etwas von der Pubertät gebeutelter Kerl, der seinen Platz im Leben sucht. Es kommt immer wieder zu unglaublich unterhaltsamen Schlagabtäuschen zwischen ihm und Annie und er behauptet sich gegen seinen Rugbykollegen und findet zwischen all dem Chaos doch noch Freunde, auch wenn er dafür andere zu verlieren droht.
Winger wird mit allem konfrontiert, was das Erwachsen werden bedeutet, mit all den klischeehaften Überreaktionen und Momenten, die es zu durchwandern gibt, die aber Andrew Smith gekonnt mit seiner Sprache zu wunderschönen Szenen verwebt und greifbar macht. Seine Charaktere sind alle liebevoll und detailreich, als hätte man sie von der Straße geholt und in ein Buch gesetzt. Individuell, eigensinnig und doch manchmal eine Prise Klischee, die es eben braucht. Nur so viel, dass es gut tut und nicht schwachsinnig wird. Heute ist man mit 14 so, dann mal wieder anders. Und man weiß einfach nicht wie das alles geht und wie man Dinge richtig macht, vielleicht weiß man es ja nie.
Bis dahin kann man sagen, so besonders wirkt das alles nicht. Wir haben einen Protagonisten, der zwar eigensinnig ist und durch seine spezielle Art einen ans Herz weckt, aber sonst fehlt doch noch dem Ganzen die Perfektion, der Kniff, der "Winger" einzigartig werden lässt. Ihn von den ganzen anderen amüsanten Geschichten abhebt vom Außenseiter, der seine Chance bekommt, alles zu ändern. Sonst wäre es doch nur eine weitere Teenangergeschichte, witzig, wahnsinnig unterhaltsam und ergreifend, aber eben doch nur eine von vielen Geschichte in diesem Spielfeld.
Wäre da nicht das Ende. Man flitzt durch die Seiten und lacht noch den einen Momenten, kann Winger nur auf die Schulter klopfen für seine Taten und die Zwickmühlen in denen er steckt. Egal ob tröstend oder eben anerkennend, aber kann dabei lächeln. Und dann ist es weg, dieses Lächeln. Die letzten Seiten sind ein Schlag ins Gesicht, eine Linke, die man nicht kommen sah und einen niederdrückt. Zwischen all der locker-leichten Unterhaltung und dem Drama haben wir die Wirklichkeit vergessen. Sie tut verdammt weh und lässt einen auch noch lange nach der letzten Seiten sitzen. Was so fröhlich begonnen hat, endet bitter und ehrlicher konnte Andrew Smith dadurch nicht werden. Damit schaffte er dadurch mit "Winger" einen unterhaltsamen Coming-of-Age-Roman, der einen Nachhall hinterlässt. Ein Ende, welches man niemals so kommen sah.

Fazit

"Winger" ist lustig, eigenwillig, zwar nicht vollkommen originell, aber dafür charmanter als viele Coming-of-Age-Romane dieser Zeit. Voller Emotionen, eindrucksvoller Charaktere und zuletzt mit einem Ende, das Augenöffner und Tritt in die Magengrube gleichzeitig ist. Winger, du Loser, du bist einfach großartig!


★★★★

Kommentare:

  1. Tolle Besprechung mit sehr treffendem Resumé. Das Stimmung des Buches hatte mich überrascht. Und der Jargón im Buch ist ja nun auch nicht ganz ohne, aber sehr zeitgemäß. Dazu die Zeichnungen...wundervoll. Vielleicht wird es ja von einem deutschen Verlag "entdeckt".

    Liebe Grüße
    Sandy

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    1. Gerade dieser Jargon machte es für mich auch besonders und es passt wunderbar! Ich hoffe auch, dass sich ein deutscher Verlag an diesen wundervollen Jugendbroman herantraut, wäre zu schade, wenn es der deutschen Leserschaft vorenthalten wird.

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