Buchneurosen: Die Buchmessendepression

09 Oktober 2014 |
Unter der Bibliophilie gibt es viele verschiedene Abspaltungen dieser Liebschaft, die zu krankhaften Fanatismus werden kann. Symptomatik, Krankheitsbild und Verlauf können verschieden sein, werden aber über den Oberbegriff "Buchneurosen" zusammengefasst. Diese Reihe soll Betroffene wie ihren Angehörigen helfen, Symptome zu erkennen und rechtzeitig Handlungsschritte ausführen zu können. Genaueres finden Sie in der Einführung.


Ist die Buchmesse doch ein Ort, der gerade für Lesepassionierte wahre Glückshormone auslöst, ist dieser gleichermaßen risikobehaftet. Tausende Liebhaber literarischer Kost betreten die Hallen und vergessen alle Negativität, die sie belastet. Ja, man könnte sogar sagen, gerade für Biblophile ist dies ein Kurort der besonderen Art. Hier können sie unter Ihresgleichen sein, sich über ihre Angewohnheiten und Ticks austäuschen und spüren Akzeptanz und Toleranz gegenüber ihrem Fetisch. In dieser Hinsicht kann man sogar sagen, die anstehende Frankfurter Buchmesse ist geradezu die perfekte therapeutische Maßnahme für Buchliebhaber und bietet interessante Möglichkeiten der Therapie.
Dieses Potenzial sollte ausgeschöpft werden. Leider muss betont werden, dass dies nur zutrifft, sofern Patienten, unabhängig ihres Krankheitsverlaufes und Entwicklung ihrer Buchneurose, vor Ort ist. Geschieht dies nicht oder unzureichnend kommt es zu einem emotionalen Tiefpunkt, der in negative Emotionen sich manifestiert und schlussendlich in einer Depression endet. Dieses Phänomen nennt man auch "Buchmessendepression". Betroffene verspüren vor allem das Gefühl der Einsamkeit und Ausgrenzung, da sie der Möglichkeit entzogen wurden die Buchmesse zu besuchen. Sie befinden sich in einer negativen Gedankenspirale und machen sich selbst Vorwürfe wieso sie es nicht ermöglicht haben, die Buchmesse zu besuchen. Sogar dann, wenn sie die äußeren Einflüsse nicht beeinflussen konnten oder auch könnten. Diese negative Zureden führt zu einer Erschlaffung des Geistes, welches auch reines Lesen als Therapiemaßnahme nicht beheben kann. Patienten sind oft zu unmotiviert und versuchen das Thema Buch zu vermeiden, da dieses sie extremst belastet aufgrund anstehender Messen und in ihren Leben einschränkt. Alltägliche Tätigkeiten werden zur Last und auch einzelne Schriftstücke mit den Auge zu erfassen scheint plötzlich unerträglich. Schlussendlich entschließen sich die Individuen zumeist für cineastische Ablenkungsmanöver und erschlaffen zusehenst. Nicht selten greifen sie dabei zu Tee oder anderen Aufputschmitteln.
Verstärkt wird der Verlauf der Krankheit durch soziale Effekte. Dies kann virtuell oder auch durch persönliche Gespräche geschehen. Meistens setzt das erste Gefühl der Niedergeschlagenheit schon vor dem eigentlichen Messebeginn ein. Schon die alleinige Ankündigung droht eine Gefährdung darzustellen. Tage zuvor vermittelt ihr Umfeld Vorfreude, die sie aus ihren persönlichen Umständen nicht fähig sind zu teilen. Folge ist ein Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit anstelle der Sympathie. Sie entwickeln Hass und erkennen selbst, dass dieser unbegründet ist und entwickeln eine Art Selbsthass, um die Gefühle zu verarbeiten. Je weiter dieser Prozess voranschreitet, umso fataler sind die daraus resultierenden Folgen wie Minderwertigkeitskomplexe oder Angststörungen.
Eine Tedenz, welche Gruppe von Lesern tatsächlich davon am Stärksten gefährdet ist kann, trotz einer Unterart der Depression, nicht getroffen werden. Diese Art der Depression betrifft alle Altersgruppen und Geschlechter.

Empfohlene Behandlung
Die einfachste und schnellstmöglichste Behandlung ist die sofortige Einweisung in eine Messe, spezialisiert auf Bücher. Diese Konfrontation führt zu einen schlagartigen Emotionsschub, der den Patienten von der Depression wieder in ein Gleichgewicht bringt. Es ist sogar möglich, dass die Depression so stark eingedämmt werden kann, dass diese durch Glücksgefühle verdrängt wird. Bei dieser Konfrontationstherapie herrscht aber höchstens Gefahrenpotenzial. Geschieht dies zu schlagartig können Stressfaktoren wie plötzliches Packen, Organisieren der Anreise und weitere Faktoren den Verlauf negativ beeinflussen. Die Depression kann sich daher verschlimmern und verlagert sich von einer einfachen "Buchmessendepression" in schlimmere Grade.
Weitaus problematischer kann es sogar werden, wenn die negativen Gefühle durch positive ersetzt werden bis sie sich in eine Manie steigern. Der Patient verfällt dann in einen hoffnungslosen Glückszustand, der schlagartig wieder in die Depression rutscht, sobald die Messe vorbei ist.
Ein weiteres Mittel ist die sogenannte Täuschung. Den Betroffenen wird vorgegaukelt es fände keine Messe statt. Leider ist diese Methode in der heutigen modern vernetzten Gesellschaft schwer umsetzbar, da die Dauerberieselung durch soziale Netzwerke es ihnen kaum ermöglicht die Fiktion anzunehmen, da sie ständig mit einer virtuellen Realität kofrontiert werden. Möchte man dies trotz allem wagen, kann es zu Schizophrenie kommen und den Verfall des Lesens.
Bewährt hat es sich die Nicht-Messegänger zu gruppieren und eine Art eigenes Event zu erzeugen. Dies kann online oder offline geschehen, beides schwächt die Depression ab. Eine vollkommene Verhinderung einer Niedergeschlagenheit ist leider bisher nicht möglich. Wenn die Leser gruppiert werden, finden sie - auch ohne Messe - Verständnis und fühlen sie sich durch ihre Leidenschaft verbunden und können interagieren, was auch der Hauptgrund für eine Vielzahl der Buchmessebesucher ist, diese aufzusuchen.

Kommentare:

  1. Huhu,

    ich finde deinen Post echt genial :)! Er gibt genau das wieder, was ich die letzten jahre durchleiden muss. Ich probiere deine Behandlungsmethode einfach dieses Jahr mal aus und fahre am Sonntag hin *___*.
    Danke für das Lächeln auf meinem Gesicht ;).

    LG Conny :)

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    1. Aber nach längere Abstinenz bitte nicht in zu hohe Dosen die Messe konsumieren! Bitte bewahren Sie vorsichtig!

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  2. Hahaha, zu geil! Ich kann mich noch sehr daran erinnern, dass es mir haargenauso ging, als ich nicht hinfahren konnte. Ganz schlimm, hab Wochen gebraucht, um mich zu erholen. Zur Vorbeugung gehe ich seither jedes Jahr und bin so dadurch depressionsfrei geblieben. Dafür musste ich andere Symptome feststellen, wie Stressfaktor durch packen, Frust über die Bahn und Müdigkeit durch zu kurze Nächte. Hat sich aber durch die ganzen ausgestreuten Glückshormone beim Anblick so vieler Bücher wieder ausgeglichen.

    Liebe Grüße,
    Tina

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    1. Wunderbar, dass es Ihnen dabei so gut erging. Mich freut es zu hören, dass Buchneurotiker solche schönen Momente gemeinsam teilen können.

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  3. Hallo Dr. Sky,
    Sie sprechen mir aus der Seele, allerdings fürchte ich, ich bin behandlungsimmun, weil die Krankheit schon zu weit fortgeschritten ist. Befinde mich in einer Buchweigerungs- und Buchverdrängungsphase. Bitte dringend um Hilfe.

    Liebe Grüße,
    eine Betroffene

    PS: Genialer Post! Lange nicht mehr so gelacht! LG Iris :-)))

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    1. Versuchen sie das Thema "Buch" zu vermeiden, wenn sie schon in diesem Stadium sind. Ein Entzug aus sozialmedialen Stellen ist an dieser Stelle ratsam. Greifen sie derweil zu anderen Medien bis die Lust zur Literatur wieder zurückkehrt, sollte dies nicht ein paar Wochen eintretten, sollten sie umgehend ihren Arzt kontaktieren!

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  4. Hallo Sky,

    Ein grandioser Post! Leider habe ich einige Anzeichen für eine Buchmessedepression bei mir entdecken können :) muss mich wohl in Behandlung geben, da leider keine Möglichkeit eines Messebesuches zur Heilung besteht.

    Liebe Grüße
    Corinna

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    1. Bitte beachten Sie, dass immer noch die Gefahr einer Manie beherrscht! Trotz allem wünsche ich Ihnen viel Spaß auf der Messe.

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  5. Es ist doch ein Teufelskreis: die Buchmesse ist das einzige Heilmittel gegen die Buchmessendepression, verschlimmert aber gleichzeitig alle übrigen Ausformungen der Buchneurosen. Einem abstinenten Bibliophilen so viel Stoff zu liefern grenzt schon an Fahrlässigkeit. Aber was soll man machen? Ein Verbieten der Messen würde die Gelegenheitsleser und Konsumentan-nach Maß ungerechterweise ebenfalls betreffen. Und so laufen weiterhin alle Buchneurotiker herum - die einen von Glückshormonen überschüttet und die anderen von einer depressiven Ecke in die nächste rennend. Der Ethik-Rat hat noch keine Lösung für dieses Problem gefunden.

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    1. Sie haben es erfasst! Es ist wirklich nicht leicht das richtige Maß zu finden, damit die Patienten aus ihrer Depression brechen, aber gleichzeitig sich keine Folgeerkrankungen entwickeln. Da helfen nur weitere Studien! Die Wissenschaft der "Buchneurosen" ist noch relativ jung.

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  6. Oh je, ich befürchte, mir ist nicht zu helfen. :-)
    LG
    Sissi

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