Rezension: Klammroth von Isa Grimm

03 November 2014 |

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Verlag: Lübbe
Format: Klappenbroschur
Seiten: 335
ISBN 978-3-7857-6107-6
Preis: 14,99 €

Der Tunnel und das Mädchen

Anais hat Klammroth lange nicht mehr betreten. Die Bewohner der Kleinstadt geben ihr die Schuld an die Katastrophe, die eine ganze Generation Klammroths erwischte. Es war ein schrecklicher Unfall, als die Busse im Tunnel anfingen zu brennen und die Kinder verbrannten. Noch heute leiden die Leute unter diesem tragischen Ereignis. Dabei ist Anais genauso verletzt wie all die anderen Jungen und Mädchen in ihrem Alter, die Brandwunden an ihrem Körper tragen. Sie hatte nur etwas mehr Glück
Doch der Tod ihrer Stiefmutter bringt sie wieder zurück in diesen Ort. Sie hat keine andere Wahl. Ihr Tochter Lily begleitet sie, aber Klammroth scheint ihr nie verziehen zu haben.

"Klammroth" kommt anfangs ziemlich ruhig daher, zieht aber an bis zu einem spannenden Mysterythriller, der es in sich hat. Anais ist eine Protagonistin, die mehr als ungewöhnlich ist. Nicht nur ist sie das Mädchen, dass aus dem Tunnel mit brennenden Haaren herausspaziert ist, als die Katastrophe geschah, auch ist sie eine Thrillerautorin, die seltsame Performanceart fabriziert um ihre Bücher zu vermarkten. Sie hat sich von ihrem Mann scheiden lassen und ihre Tochter Lily an ihm verloren. Nur diesmal sind sie zusammen, auf dem Weg in ihre alte Heimat, wo ihr die Bewohner der Kleinstadt scheinbar die Schuld an der Katastrophe geben.
Sie stolpert mitten hinein in Intrigen um eine Schmerzklinik, dunklen und düsteren Geheimnissen und versucht ihrer Vergangenheit zu entkommen, die an jeder Ecke lauert. In ungewöhnlichen Bilden und einer facettenreichen Sprache entwirft Isa Grimm eine düstere Stimmung, die sich nicht mehr abschütteln lässt. Poetische Bilder mischen sich mit distanzierter Schreibweise, die durch geschickte Horrorelemente die Spannung erzeugen. Sie setzen die außergewöhnliche Protagonistin gekonnt in Szene. Ein leichter Schauer zieht sich über den Rücken des Lesers, der sich gar nicht wirklich erklären lässt, doch die Atmosphäre und die Beklemmung wird man bis zum Ende nicht los.
Der Roman braucht seine Zeit bis er in Fahrt kommt. Die Handlung ist verworren und die Autorin lässt sich Zeit die Verwirrung stückchenweise aufzulösen. Immer wieder werden Aspekte aufgeworfen, die einen nicht weiterhelfen. Man ist teilweise entnervt und verliert die Lust an der Geschichte, die nur ständig Fragen stellt, aber keine Antworten gibt. Ein paar Zusammenhänge hätte man schon vorab aufwerfen können und die Überrschungen wären geblieben. Doch sobald man einmal die einzelnen Puzzleteile zusammensetzen kann, entwickelt die Geschichte so schnell an Geschwindigkeit, dass man nicht mehr weiß, was man glauben soll und voller Panik durch die Seiten rast. Man will es endlich lesen, was das alles bedeutet, ob das wirklich sein kann.
Zwar stolpert Isa Grimm an mancher Stelle über ihre eigene Geschichte und so manches Motiv wird ziemlich schnell unter den Teppich gekehrt und trotz allem findet man sich oft stirnrunzelnd wieder. Man ist nicht nur verstört, sondern auch überwältigt. Nie sah man diese Dinge kommen. Die Mysteryelemente sind überraschend gut integriert und vor allem außergewöhnlich und besonders. Wer hier ausgelutschte Ideen erwartet, der wird mehr als einmal verwundert über die Sätze schweifen.
Aber Isa Grimm stolpert nicht nur manchmal über ihre Handlung, sondern auch über ihre Charaktere. Ihre Art und ihr Verhalten ist manchmal sehr schwierig einzuschätzen, weil sie zu sehr nach Klischee klingen. Etwas mehr Plastizität und Fülle hätte ihnen nicht geschadet, die unter der Stimmung begraben wird, die viel wichtiger erscheint. Sie hätten durchaus Potenzial gehabt sich zu stärker zu entwickeln und hervorzustechen.
Das Ende kann mit manch geschickter Wendung punkten, auch wenn es in vielen Aspekten einem klassichen Ende in diesem Genre nachkommt. Und trotzdem bleibt vor allem ein Mysterythriller, der weiß wie man Stimmung macht und Spannung erzeugt, auch wenn die Handlung so manchen Schwachpunkt aufweist, über den man oftmals aber hinwegsehen kann.

Fazit

"Klammroth" ist ein wahnsinnig atmosphärischer Roman, der mit kühler Beklemmung punktet. Die Stimmung ist unglaublich düster und einnehmend. Die Handlung ist zwar etwas verworren, aber durchaus spannend und über allem schwebt ein leichter Schauer über den Rücken. Ziemlich ruhiger Mysterythriller, der es aber gerade gegen Ende verdammt in sich hat! Für Fans des leisen Schauers eine Empfehlung wert.

★★★★☆

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