Emotionaler Missbrauch in Young Adult und New Adult

13 Februar 2015 |
Jugendliteratur soll lebendig sein. Zudem lehrreich, einen Teenager seinen Alltag vorzeigen können und echt wirken. Manchmal einfach auch nur unterhalten. Mal ungeschönt, mal in einer rosa Wolke oder vielleicht mit jeder Menge Phantasie, damit sie aus ihren grüblerischen Verhalten herausbrechen können. Es ist gut, dass sie grübeln, es gehört zur Identitätsfindung und Selbstreflexion und gerade lesende Jugendlichen neigen dazu sich in Welten hineinzuphilosophieren.

Sexy Rebellen

Nur, was ist wenn die jugendliche Welt ein ewiges Fallbeispiel für emotionalen Missbrauch ist? Nicht zu oft stolpert man über Romane, die mit kitschigen Liebesbeziehungen junge Mädchen an die Ladentheke schleifen wollen. Schmachtend und die Synapsen durchgedreht werfen sie sich an den heißen Jungen in ihrer Schule heran. Meistens ist er mysteriös, ein Geheimnis hat er auch noch und er ist der hoffnungslose Außenseiter, vor dem man aber Respekt hat und nicht der, den man niedermobbt bis zum Suizid. Manchmal ist er eine Glitzerkugel von Vampir oder ein Engel oder ein Dämon. In einfachen Fällen hat er nur eine beschissene Familie und zu viele Schläge bekommen, die er gerne selber austeilt. Ein echter Draufgänger, ein Rebell *swoon*.
Jedes Mädchen hat dann den tiefsten Wunsch einen besseren Mensch aus ihm zu machen und sie landen in einer Beziehung, die ihnen unheimlich schadet. Die Freunde sagen es noch, warnen sie vor ihrer Tragödie und glauben nicht daran, dass diese Symbiose auch wirklich Hand und Fuß hat. Skeptisch sind sie, reden auf sie ein... liebe Freunde in diesen Romanen, ihr macht alles richtig! Ihr erkennt das, was irgendwann in der Hälfte des Romans leider nicht mehr klappt. Sie sollte ABHAUEN und sich nicht um seinen Hals schmeißen. Sie erkennen gleich, dass ihre beste Freundin einen mächtig an der Krone hat und dringend mal eine Therapie braucht!
Tja, aber die Schmachterin hat wohl einen Gehirnschlag oder etwas viel Dramaterisches, denn sie bleibt bei ihrem Liebling, denn er liebt ja nur sie und nur, ganz ausschließlich ohne Kompromiss und Hintergedanken, SIE! Egal wie viele er vorher gevögelt hat, sie ist ja die einzige und wahre Liebe! Er wird sich bessern, ganz, ganz sicher. Heute hört er auf! Wie mit dem Rauche, HEUTE fang ich an... und tu es trotzdem nicht.
Dass er die halbe Zeit sie aber so fest an sich drückt und gleichzeitig wieder wegschubst, schnallen dann die armen, verliebten Wesen nicht mehr. Liegt nur an seinen oberflächlichen Beziehungen bisher... der kennt keine Liebe. Ist neu für ihn. Erster Schritt der Abhängigkeit, in der sie sich befinden. Sie suchen sich Ausreden und legen es sich zuerecht. Leugnen, die Probleme, die diese Paarung mit sich bringt.

Niemals genug

Und dann ist es leider auch schon oft zu spät. Durch das ständige Wegstoßen und kurzzeitige Ignorieren und wieder Auftauchen ihres Lovers, sind sie immer wieder in einem emotionalen Konflikt. Liegt es an mir? "Ich bin nicht gut genug für dich.", schreien dann die Herren und seufzen, weinen fast Krokodilstränen damit man in zwei weiteren Kapiteln sie sich dann wieder so fest an sich presst, dass gleich die Möpse aus ihrem BH springen. Da sollten alle Alarmglocken klingeln, denn die Schuldgefühle werden immer an sie abgewälzt. Ja, du bist schuld, liebes, braves Mädel, dass ich immer wieder gehe! DU ALLEINE! DU BIST NICHT GENUG FÜR MICH!
Sie suchen die Fehler an sich, fühlen sich immer schlechter, während sie sich noch stärker an ihre Herzensliebe klammern und nicht verlassen werden wollen, weil sie sind ja schlecht sind und nicht gut, sie verlangen viel zu viel und werden ja nur von den Männern geduldet. Nein, andersherum, sie versuchen auch noch den Rebell zu erziehen, die Außergewöhnlichkeit und Verkorkstheit herunterzuspielen. Es ist doch gar nicht so! Die negativen Attribuierungsmuster setzen trotzdem ein und versuchen alles diese Beziehung aufrecht zu erhalten. Geben sich auf, werfen sich hinein mit alles, was sie haben... Selbst (und es ist nicht selten in den Büchern), wenn es ihre Jungfräulichkeit ist. Eigentlich ein schönes Sinnbild... sie geben ihre Unschuld an der Ladentheke des Missbrauchs ab.
Nicht zu oft haut der Typ in der Geschichte plötzlich ab und sie laufen ihnen hinterher, weil die Schuldgefühle anwachsen, dabei sollten sie froh sein, wenn sie den Kerl los sind. Ist das wirklich wahre Liebe? Nein, ist es nicht... Wenn er abhaut, sollte sie es sein lassen. Wenn er angeblich so schlecht für sie ist, warum macht ihr ihr dann Schuldgefühle? Genau, damit sie auch Schuldgefühle hat und zu ihm zurückkriecht, weil sie versucht Lösungen zu finden. Man zwingt ihr das Verhalten geradezu auf! Presst sie in das Schema und sie folgt auf Finger schnippen.

"She is mine!"

Dabei bleibt es auch meistens nicht. Ein nächstes Anzeichen für den emotionalen Missbrauch ist die Abtrennung von ihren Freunden. Die meisten jungen Herren in den Young (New) Adult Büchern sind besitzergreifend. Die Eifersucht ist auf allen Seiten zu finden und wird noch ins Positive gelobt. Er kämpft ja nur für sie! Dass er sich halb prügelt, nicht nur von den Hormonen gesteuert, damit er sein Eigentum! behält, ist weder ehrenvoll noch besonders attraktiv. Dabei trennt er sie systematisch von ihren Freunden und der Familie ab und behält sie für sich ein. Jeglicher Kontakt zu anderen Männern wird meistens strikt untersagt, selbst wenn es nur Freundschaften sind, damit jegliches Risiko ausgeschalten wird, dass sie ihn verlässt. Falsch: Flüchten kann! Die große Liebe vereinnahmt sie, nimmt ihr jeglichen sozialen Halt, dass nur ER an der Spitzenposition steht. Meistens wird es dann andersherum betrachtet: Sie wählen die Liebe über die Freundschaft, weil sie wichtiger ist! Und die Jugend macht es dann zur Tugend. Und sie entscheiden falsch... Sie wählen den Peiniger und nicht die Flucht.
Nach diesem ganzen Beziehungsdrama sind wir dann angekommen... In der absoluten Abhängigkeit, die nicht zu selten im New Adult Genre mit einer Hochzeit und einem Kind gekrönt wird. Meistens jung... unerfahren und ohne Wissen von der Unschuld in den Missbrauch geraten. Mit Hochzeit und Kind ewig an die Beziehung gebunden. Wer erzählt die Geschichte mal weiter? Wann holt er zum ersten Mal mit der Hand aus? Und die Literatur hält noch das Gütesiegel "Sehr gut" drauf... Gefühlt 50% der Bücher haben das Problem, dass sie emotionalen Missbrauch verharmlosen. Es fällt anfangs gar nicht mal so auf, bis man ernsthaft darüber nachdenkt. Sollte so wirklich vorbildliche Jugendliteratur sein?

Kommentare:

  1. gute Idee, aber es ist die Art Kitsch, von der ich gerne lesen, aber sie nicht selber erfahren möchte. Es ist für Frauen (ja, eigentlich nur Frauen), die meiner Meinung nach nicht wissen, was sie wollen.... :(

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  2. Hey!
    Du sagst etwas sehr Wahres und hast es auch super geschrieben.
    Mir ist das bis ich vor Kurzem "Ein ganzes Ja" von Luisa Sturm gelesen habe gar nicht so aufgefallen. Aber genau bei dem Buch habe ich mir ähnliche Gedanken gemacht wie du.
    LG
    Yvonne

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  3. Huhu,
    also ich muss jetzt mal ein kleines bisschen widersprechen.
    Am Anfang spielst du ja auf Twilight an und sprichst von jugendlichen Lesern... Aber später geht es um New Adult (und dein beschriebenes Szenario mit Hochzeit etc. passt auch eher dorthin) und das ist ja wieder was ganz anderes. New Adult hat ja nicht unbedingt Jugendliche als Zielgruppe, sondern junge Erwachsene...
    Inhaltlich stimme ich dir allerdings zu, denn ein solches Schema ist mir schon im einen oder anderen NA-Roman untergekommen.
    Liebe Grüße,
    Stefanie

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    1. New Adult gilt auch als Young Adult. Es ist nur eine Abgrenzung innerhalb der Jugendliteratur, die man ungefähr von 14-21 zieht. Damit fallen die Szenarien eigentlich auch in die Jugendliteratur.
      Mal davon abgesehen gibt es genug Jugendbücher, auch für Jüngere, die genau dieses Schema haben. Hochzeit wie Kind hab ich im Artikel auch zu New Adult gepackt und nicht zu den YA-Büchern. Trotz allem hat man gerade bei YA-Büchern mit Dreiecksbeziehungen genau dieses Problem. Es gibt Option A und es gibt Option B. Eifersucht über alles und so viel Schmachten an Drankleben an die Typen, dass sie gar nicht mehr richtig handeln, sondern nur ausnutzen lassen. Sie machen sich abhängig davon und das ist kein reines hormonelles Problem, während ihrer Identitätssuche. Die Grenze zwischen NA-Romanen und YA-Romanen ist eh fließend, weswegen ich das ganze nicht so stark trennen wollte.
      So ist zumindest meine Meinung und Beobachtung.

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  4. Meiner Meinung nach sollte dieser Post in allen einschlägigen Foren verbreitet werden, damit sich noch erfolglose Neu-Autoren an diesem dezidiert beschriebenen Schema orientieren und bald ihren ersten Welterfolg feiern können. Die freuen sich dann bestimmt und vielleicht bekommst du noch eine Gewinnbeteiligung. Ob du das mit deinen moralischen Grundsätzen vereinbaren kannst, musst du halt noch überlegen ;D
    Ich warte auf den Tag, an dem ein Roman erscheint, an dem diese ganzen labilen Protagonisten mit ihren diversen Persönlichkeitsstörungen endlich vom Autor zum Therapeuten geschickt werden. Dann würde ich vielleicht auch mal wieder ein Buch dieses Genres lesen.

    Liebe Grüße
    MelMel

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    1. Ich musste gerade herrlich lachen! Danke dafür. Und Gewinnbeteiligung... hmm. Muss ich erstmal überlegen, ob das rentabel ist! Dann kann man über Moral nochmal diskutieren und verhandeln *räusper*.

      Du bringst es auf den Punkt! Die brauchen einen Therapeuten! :D

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  5. Toll, dass das Thema jemand aufgreift. Wir hinterfragen solche Dinge viel zu wenig. Sehr klar wurde mir das, als damals "Der Märchenerzähler" so einen Hype erfahren hat, obwohl dort der Held dem Mädchen noch weit Schlimmeres antut, der Verlag das als "große Liebesgeschichte" verkaufte und die Autorin in Interviews auch noch fröhliches "victim blaming" betrieben hat.

    Übrigens halte ich dieses Thema teilweise auch in Romanen für Erwachsene für problematisch, dann nämlich, wenn das Buch als beispielhaft für das "was die moderne Frau will", dargestellt wird, wie im aktuell besten Beispiel "Shades of Grey" (dessen Grundmechanismen ja wiederum auf einem Jugendbuch fußen).

    Es gibt einen Artikel von Kameron Hurley, in dem es um den "Bully"-Helden in der Romance und seine Ursachen geht: http://ladybusiness.dreamwidth.org/2014/08/21/gender-family-nookie-the-speculative-frontier.html. Ich finde, der passt sehr gut zu diesem Thema, weil sie auch jemand ist, der sich bewusst ist, wie sehr wir immer wieder die gleichen Muster in der Literatur reproduzieren, ohne sie je zu hinterfragen.

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    1. "Der Märchenerzähler" habe ich leider noch nicht gelesen, hatte es aber eigentlich noch vor. Aber grundsätzlich ist es leider wirklich oft das Problem, dass Liebesgeschichten verkauft werden, die von Abhängigkeiten sprechen. Aber Abhängigkeiten, die schädlich sind!

      "Shades of Grey" ist ja in dieser Sache gerade ein Paradebeispiel... Es wird als Hardcore verkauft, dabei ist es das nicht. Vor allem ist es auch nicht der BDSM-Roman, als der er angepriesen wird. Die Beziehung ist missbräuchlich und die Unterwerfung teilweise ja geradezu erzwungen... (aber das wissen wir ja hoffentlich mittlerweile alle!)

      Den Artikel werde ich mir mal anschauen. Danke dafür!

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  6. Genau der Grund, warum ich eher weniger zu YA und eigentlich gar nicht zu NY greife. Besonders bei YA beginnen einige Geschichten so wunderbar. Die meist weiblichen Darsteller sind sympathisch, ehrgeizig, die ganze Handlung stimmt und dann kommt ER. ER, der er sie alles vergessen lässt, der ihr das Herz raubt, sie schmachten und leiden lässt. Die Interessante Story des Buches wandelt sich bald zu etwas, was nur dazu diente die beiden zu vereinen, zu trennen und wieder zu vereinen. Dadurch gingen schon wundervolle Welten flöten :/

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    1. Perfekt auf den Punkt gebracht! Genau so ist es leider...

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