Rezension: Love Letters to the Dead von Ava Dellaira

05 Februar 2015 |

Briefe an die Toten

Seit dem Tod ihrer Schwester bekommt Laurel ihr Leben nicht mehr auf die Reihe. Ihre Eltern geschieden, hat sich ihre Mutter entschieden, sich von ihr und ihrem Vater zu distanzieren. So lebt sie mit stetigen Wechsel bei ihrem Vater und ihrer christlich eingestellten Tante Amy alleine. Betrogen von ihrer Mutter und schuldig fühlend an dem Zusammenbrechen ihrer Familie, wechselt sie die High School in der Hoffnung den mitleidigen Blicken der anderen Mitschüler zu entgehen. Niemand soll sie mit ihrer Schwester May in Verbindung, auch wenn sie ihre Klamotten in der Schule aufträgt.
Dort angekommen, bekommt sie eine Aufgabe in ihrem Englischkurs, die sie nicht mehr loslässt. Sie soll einen Brief an eine tote Persönlichkeit schreiben, doch dabei bleibt es nicht und sie gibt nie diese Aufgabe bei ihrer Lehrerin ab. So schreibt sie Zeile um Zeile an berühmte tote Musiker und Schauspieler wie Amy Winehouse, Kurt Cobain oder Heath Ledger. Schreibt über ihre neue Freunde und wie sehr sie May vermisst, wie sehr sie ihr nacheifern will und auch darüber wie er Leben immer mehr zu zerbrechen droht.

Laurel und May und die Teen Angst

Laurel ist eine Protagonistin, die man in seine Arme schließen und von all der Traurigkeit beschützen will. Nicht nur ist für sie die Trennung ihrer Eltern belastend, sondern sie gibt sich die Schuld an den Tod ihrer Schwester. Auf ihrer High School versucht zu vergessen und gleichzeitig schafft sie es nicht, als sie Freundschaften schließt und sich in die erste richtige Liebe in ihrem Leben stürzt. Denn egal wohin sie geht, überall ist May und sie versucht ihrer perfekten Schwester immer mehr nachzueifern, ihm ihr näher zu kommen, es ihr recht zu machen, was gefährliche Konsequenzen für ihr Leben hat. Sie droht abzustürzen und scheint sich kaum noch im Griff zu haben. Versucht Gefühle zu entwickeln, schafft es nicht und fühlt sich zusehends von ihrer Welt missachtet.
Auf der Suche nach ihrer Identität stolpert sie immer wieder in Depressionen, fühlt sich unzulänglich und möchte alles Ungeschehenmachen. Nicht selten muss man um sie fürchten, wenn sie sich in Situationen wirft aus Mut und blanker Naivität, weil sie nicht wohin mit ihrem inneren Chaos.

"The Perks of Being a Wallflower" in weiblich

An vielen Stellen fühlt man sich nicht nur durch die Briefform des Romans an Charlie von Stephen Chbosky's "The Perks of Being a Wallflower" erinnert, sondern auch durch die Konstellation der Charaktere entwickeln sich schnell Parallelen. Seien es ihre zwei neuen Freunde in ihrem Leben, die mehr als nur Freundschaft zueinander empfinden. Seien es die Situationen in denen sich die anfangs unschuldig wirkende Laurel stürzt oder schlussendlich auch die Wahrheit, die sich zwischen all den Zeilen versteckt hält.. Ein ähnlicher Ton und einen ähnlichen Sog entwickelt auch "Love Letters to the Dead", auch wenn es nicht so kraftvoll daherkommt wie in Chbosky's Roman, verliert man sich in Laurels Leben und finden sich schnell als Jugendlicher in ihr wieder. So manche Stelle verursacht Gänsehaut, die man aus seinen eigenen Leben kennt und einen Schlucken lässt.
Laurels Geschichte wirkt oftmals verstörend und erschreckend, gleichzeitig ist sie voller Herz und Liebe und der Botschaft, immer sich selbst zu sein, zu seinen Gefühlen zu stehen, so schwer es ist. Man soll Trauer zulassen und der Wahrheit ins Gesicht sehen.

Zwischen Einfachheit und Poesie

Dabei kommt der Schreibstil nicht erdrückend daher. Er ist simpel gehalten, durchzogen von Stellen wundervoller Poesie, die immer wieder hindurchkriechen. Emotional und distanziert zugleich, bildet sich eine riesige Metapher über den Roman, die sich durch kleine schöne Details zeigt, durch einzigartige Bilder, die Ava Dellairas Stärke sind. Die Briefform macht die Geschichte zu etwas Besonderen, vor allem da Laurel sich ungewöhnliche Idole gesucht hat, die sie immer wieder erwähnt, genauso wie deren Leidensgeschichten, die zu ihrem Tod geführt haben und zu Laurels Leben zurückführen. Doch die Einfachheit macht das eigentliche Grauen und die Wahrheit, die sich entblättern, nicht einfacher. Denn wie es zu Mays Tod kam und was Laurel vor allen anderen zurückhält, lässt einen oftmals den Atem stocken und gleichzeitig muss man Laurel bewundern, dass sie so tapfer ist. Sie verliert sich immer mehr darin, ihre Schwester sein zu wollen und zerstreut ihre eigene Identität, die immer weniger wert zu sein scheint. Bis sie weiß, wer sie wirklich ist und was wirklich passiert ist.
Einziges Manko ist hier die Perfektion, die die Geschichte zu glatt wirken lässt. Es fehlt das Raue, die Eindringlichkeit und Kantigkeit von Laurel, die sie besitzt, aber viel zu selten zeigt. Manchmal wirkt sie unterkühlt statt emotional zerbrechlich und die nicht selten fast künstlerisch aranchierten Szenen rauben dem Roman die Echtheit und Eindringlichkeit.
Zurück bleibt ein Werk über die Selbstfindung, die Verarbeitung von Trauer und der Wunsch geliebt zu werden, welches beeindruckt und einen durch seine Einfachheit und Schönheit ans Herz geht. Ava Dellaira findet auch am Ende den richtigen Ton zwischen Tragödie und Herzlichkeit und überrascht den Leser nicht zu selten damit.

Fazit

"Love Letters to the Dead" ist ein wunderschönes Debüt über den Umgang mit Trauer, Selbstfindung und Ängste von Teenagern. Einfühlsam, intensiv und die weibliche Form von Stephen Chbosky's "The Perks of Being a Wallflower". Lesenswert!

★★★★☆

Hot Key Books - Taschenbuch - Deutscher Titel: Love Letters to the Dead
ISBN: 978-1471402883 - Seiten: 327 - Preis: ca. 8,80 €

Kommentare:

  1. Das mit "Perks of being a Wallflower" nur in weiblich kann ich genau so unterschreiben, das Gefühl hatte ich auch die ganze Zeit. Und leider konnte mich Laurel auch nur manchmal so von sich überzeugen, wie Charlie es mit all seinen Briefen schaffte.

    Meine Bewertung fällt zwar nicht ganz so gut aus, wie deine, aber im Grunde fand ich das Buch auch überraschend gut. Hatte eindeutig mit etwas Schwächerem gerechnet :)

    PS: Dein neues Design ... es ist ... es ist... ach du weißt schon.... bezaubernd *____*

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    1. Ganz so stark wie Charlie ist Laurel leider wirklich nicht... Auch wenn Laurel nicht zu unterschätzen war. Ihr fehlte trotzdem etwas.

      Hatte aber auch mit etwas wesentlich Schlechteren gerechnet, als ich dann doch bekommen habe! Da ging es mir ähnlich!

      Danke dir! :)

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  2. Wirklich eine schöne Rezension (:
    Ich habe mir das Buch vorbestellt und freue mich schon sooo sehr darauf. Der Klappentext klingt einfach nur zauberhaft und bei den Amerikanischen Booktubern schwärmt so ziemlich jeder davon ^-^
    'The perks of being a wallflower' hatte ich einmal im Buchladen in der Hand, da dachte ich mir es klingt wirklich interessant aber ich habe mich dann für ein anderes Buch entschieden. Mittlerweile finde ich es schade, das ich es nicht auch noch mitgenommen habe. Das nächste Mal dann! (:

    Alles Liebe,
    Jasi ♥

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    1. Dankeschön!

      Aber wirklich mitnehmen! "The Perks of Being a Wallflower" ist eines meiner Lieblingsbücher schlichthin. Sollte man mindestens einmal gelesen haben ;)

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