Warum lässt sich die Seite nicht umblättern?

08 Februar 2015 |
Meine Finger gleiten über die Seite hinweg und schmiegen sich an den Buchrücken, während ich Zeile um Zeile lese. Langsam geht mein Daumen in Stellung, bevor ich auf das Papier tippe. Und es passiert nichts. Warum passiert nichts? Warum blättert es nicht auf die nächste Seite? Ist das Teil kaputt? Versuche es nochmal. Wieder nichts. Muss ich mir einen neuen Reader kaufen?
Noch einmal, der Daumen leicht über das... Papier?! Was zur Hölle? Meine Hände heben vorsichtig das Buch in die Höhe, als meine Augen immer größer werden, aufgerissen. Die Gesichtmuskeln spannen sich ins Schmerzlichn. Finger zitterend, fast die 400 Seiten in Papierform runterfallend lassend... erstickter Schrei im Bildmoment. Nein... Wie konnte das passieren? Ich staare auf den Buchrücken... einen Buchrrücken, nicht auf die Kante eines viereckigen Geräts. Nicht auf die Schnittkante von Plastik, sondern den Buchschnitt. Halte es mit meinen Fingern, mit zwei Händen geöffnet. Aus Druckschwärze geschaffen und wollte es umblättern wie ein E-Book. Den Touchsensor mich spüren lassen, obwohl mir nur die glatte, weiße, unbeleuchtete Beschichtung von Seite 284 entgegensieht. Rau und nicht glatt. Wild und nicht kalt.
Mein Atem geht schneller, wird hastiger, versuche Luft zu finden. Oh mein Gott... ich werde verrückt, oder? Jetzt ist es soweit, die Psychiatrie ruft, oder? Ich werde eingewiesen zu den Lesegestörten, neben denen, die Gedichte herunterrattern wie andere Maschinengewehre im Krieg bedienen. Zwischen den Leuten, die sich in Autorenzitaten verloren haben und ihren eigenen Aussagen unter den ganzen Anekdoten nicht mehr erkennen können. Gequetscht zu den Schizophrenen, die in ihren Buchwelten hängengeblieben sind und keine Tür aus Narnia kennen. Die exzessiven Buchkaufsüchtigen werden mich zerfleischen, sobald ich mit einen Buch hereinspaziere werde. Wie Kannibalen, die nicht genug Papier in sich stopfen können! Ich bin doch eine zarte Pflanze... für mich ist das doch nichts! Und wie schmuggel ich da überhaupt meine Bücher rein? Sind da Reader eigentlich erlaubt oder ist das Therapiegefährdung? ICH KANN DAS NICHT!
Schließe die Augen, versuche alles schwarz zu machen. Licht auszuschalten und die innere Mitte finden. Ich versuche in den Bauch zu atmen, mich zu beruhigen. Vielleicht ist das alles nur eine Täuschung. Müdigkeit und Stress sind Spielwerke des Gehirns. Sie erschaffen alles Mögliche. Paranoide Momente, wo aus dem Rascheln ein halber Mörder wird, obwohl man selbst über ein Kabel gestolpert ist. Erkennt ist es nicht mehr, weil blind geworden in der Realität... Findet den Schlüssel nicht, weil man das Ritual nicht eingehalten hat, welches das Unterbewusstsein tief in sich einprogrammiert hat. Nicht mehr aktiv abrufbar, in der Passivität verschollen.
Es ist ganz normal... alles in Ordnung. Kommt vor. Man verwischt mal eben manche unbewusste Bewegung. Ich schiebe die Lider langsam nach oben, blinzele um scharf zu stellen und mein Blick ruht auf das leicht erhellte Bildschirm eines Readers in meiner rechten Hand. Seufze, atme ruhig aus und lächele kurz vor mich hin. Irgendwie muss ich lachen... vor Verwirrtheit, vor Irritation und gleichzeitig wegen der ganzen Skurrilität. Gott, bin ich bescheuert!
Und tippe wieder auf die glatte, kalte Oberfläche des Bildschirms... nichts. Es scheint eingefroren, oder? Vielleicht hilft ein Neustart. Kann ja mal passieren bei so einem elektronischen Kram... Alles nur in meinen Kopf. Alles normal...
Für einen kurzen Moment will ich zu meinen Schreibtisch gehen, lege das Buch ab und es schnappt zu... Fällt in sich zusammen, vom Buchrücken in seine Position gepresst. In seinen Blättern ruhend, leicht geöffnet, damit man nur zart die Buchstaben erahnen kann. Irgendetwas stimmt daran nicht... Ich sehe das Taschenbuch neben mir liegen, geschlossen, das leuchtende Cover in meinen Blickwinkel. Bunt... auf dem Reader ist doch nur alles... es ist... Monochrome... frei von Akzenten, frei von Farbpaletten. Es ist... Es ist ein Reader. ES IST EIN READER!
Meine Nasenflügel weiten sich. Die Gedanken fressen sich immer tiefer unter die Oberfläche, dringen ein, schieben sich unter die Schädeldecke. Es war vorhin auch schon ein Taschenbuch, oder? Ich bin wirklich verrückt geworden, nicht wahr? Kann nicht mehr zwischen Digitalität und Realität unterscheiden. Es ist eins geworden. Es ist eins... es ist...
Verzweifelt versuche ich alles in mir gerade zu richtigen, mit dem Wiegen des Kopfes das Pendel des Wahnsinns in Ruheposition zu bewegen. Für einen kurzen Moment kommt mir eine Idee und suche mit meinen Augen den Raum nach den Bücherregalen ab. Im Regal ist noch alles da... solange die Bücher im Regal sind, ist die Kausalität der Welt noch gegeben.
Alles in Reih und Glied, sortiert, einzelne Bücher auf den dünnen Platten, die sich unter den Gewicht zu biegen begonnen haben. Eingereiht nach Farbe, Autor, Reihe. Leuchtend, strahlend... den Raum Wärme gebend. Sie sind noch alle da... es ist einfach passiert. Es kommt vor... Stress, nur der Stress, nur Imagination von meinem Kopf. Eine Spielerei meiner Psyche... Doch ganz witzig, eigentlich, oder? Eigentlich völlig normal, weil Routine uns doch bestimmt, oder? ODER?
Langsam bewege ich mich auf sie zu, streiche mit den Fingern über ihre hervorstehenden Rücken. Zitterend, das Adrenalin durch meine Venen gepumpt. Prägungen, Ornamente, jedes für sich eine eigene Haptik. Rillen, die über die Rillen meiner Fingerkuppen schaben. Alles real... alles gut, alles schön... Ich, ertastend all die Einzigartigenkeiten, die ein glattgeschliffener Reader niemals haben kann. Die Kurven und Kanten, Drucke und Erhebungen. Körper, individuell... Und ich sehe zu wie mein Spürsinn, der immer weiter streift, in die richtige Lenkung lenkt. Bei einem meiner Lieblingsbücher bleibt meine Hand stehen. Einen kleinen Luftraum bildend zwischen mir und meinem Liebling. Ich versuche reguliert zu atmen, während das Herz wieder seinen natürlichen Takt gefunden hat. Und öffne es ganz sanft, ganz zärtlich und lese eines meiner Lieblingszeilen, mit einem kleinen Post-It markiert, als es mir beim Öffnen aus den Händen gleitet und klackert. Klackert? Ein Buch platscht... es klackert nicht...Es... Kontrollverlust innerhalb meiner Muskeln, die nur noch vor sich beben. Meine Augen verengen sich, tauchen schwarz und alles in diesem Tunnel in dem es nur vor zerbrochenen Synapsen brennt.
Das hell erleuchtete, leicht zerbrochene Display grinst mich an. "Verrückt" steht da, während sich digitale Streifen wie Pixelfehler über den Bildschirm verteilt haben. Bildstörungen wie vom alten Röhrenfernseher. Pixel zerfressen, all die Buchstaben, und die nicht vorhandene Tinte, die nicht auslaufen kann, gehalten in ihren Plastikrahmen. Panisch immer mehr Bücher aus dem Regal ziehend, fliegen die Reader zu Boden. Überall klackern, als würden tausend LED-Fernseher gleichezeitig zu Boden fallen. Nur eine ewige Flut, die Funken nach sich zieht und kauerend vor dem Regal zusammenbrechen und seufzen wie kurz vor dem Tod. Die Wucht immer größer. Sie ergeben sich alle, frieren ein, ihre Zeilenreste festgenagelt auf der digitialen Page.
Ein ewiges Meer aus Plastik breitet sich unter mir aus. Ich falle auf die Knie, gebe mich hin und auf. Will nicht mehr... Meine Hände in das Holz des Regals gekrallt, will es umwerfen. Alles zerstören, was mir heilig ist. Das war es... das E-Book hat mich für immer verschlungen. Die Schultern unter der Last nach unten gezogen von den vielen Gewichten... es geht nicht mehr. Ich werde nie wieder den Geruch von Druckerschwärze spüren. Das olfaktorische Meisterwerk aus Leinen und einer Prise Klebstoff, von Bindfäden zusammengehalten und das Rascheln beim Streichen der Fingerkuppen über der Seiten. Diese sanfte Liebkosung. Weg, alles weg... Kein charakteristischer Klang mehr, wenn man die Seite umblättert, kein Aufschrei aus Verzweiflung, weil das Papier unter zu viel Nervosität und Spannung zerreißt. Keine bebenden Finger, wenn die Geschichte an den Nerven zerrt und sie wie eine Gitarre spielt.
Plötzlich fällt etwas vor meine Füße, den Blick gesenkt und die Tränen, die über mein Gesicht ihre Bahnen ziehen, tropfen auf das bedruckte Rechteck vor mir. Mein Lieblingsbuch... in farbigen Buchstaben und echten Seiten, die die Flüssigkeit aufzusaugen begonnen hatten, während die Tinte unter meinen Tränen anfängt zu verschwinden. "Okay.", sagt es. Genau an dieser Stelle aufgeschlagen: "Okay."
Ich drücke es so fest an meine Brust wie ich kann. "Okay...", vor mich flüsternd. Eine Liebe, die ich niemals wieder hergeben würde, niemals hergeben kann, egal wie sehr mein Kopf sich von der Digitalität hat verführen lassen... Und sehe wie mein Reader zwischen den ganzen Büchern liegt. Verstreut vor dem Regal. Gestrandet. Verschwunden, all die zerbrochenen Reader, nehme ich meinen elektronischen Helfer ebenfalls an meine Brust. Ich brauch euch beide, auch wenn ich verrückt werde. Ich brauche euch beide...

Kommentare:

  1. Schöner Text. Und hauptsache man liest, egal wie, ob mit Buch oder Reader...

    AntwortenLöschen
  2. Wirklich ein schöner Text! Ich gehöre auch zu der Kategorie von Menschen, die beides brauchen. Den Reader kann ich mir mittlerweile nicht mehr wegdenken, echte Bücher aber auch nicht.

    Liebe Grüße,
    Lady Moonlight

    AntwortenLöschen