Lesen vs. Lernen Oder: Der Kampf gegen die Prokrastination

03 März 2015 |

Ich will doch nur lesen...

Nur mal ganz kurz... Es tut doch niemanden weh. Pause muss doch auch mal sein, also ich will ja eh nur mal reinlesen oder sowas. Vielleicht nur ein Sätzchen? Ja, das ist doch ein Kompromiss! Erstmal nur ein Satz... so zum fit bleiben, oder? Lesen hat man ja hart trainiert, da muss man das schon ständig üben. Wie beim Sport! Ich bin Kampfleser! Wegen Prüfungen darf man sowas nicht schleifen lassen!
Ich greife zu meinen momentanen Lesestoff, streiche über den Buchrücken und öffne es ganz sanft. Ohhh... es ist so spannend, so gut. Meine Güte! Noch mehr Seiten, immer mehr Seiten. Nein, das ist jetzt nicht passiert, oder? Du willst mehr. Immer mehr. Ohhh... diese Sünde!
Nein, nein, nein... Beruhig dich. Ruhig! RUHIG! Fassung bewahren. Es ist nur ein Roman. Gut, ein guter Roman... ein sehr guter Roman. Also eigentlich ist er ja ein bisschen mehr, oder? Aber, aber... da ist doch noch was zu tun!
Mein Schreibtisch hat diesen grimmigen Blick und die Produktionsplanungsrechnung starrt mich mit ihren roten Überschrift an, als wüde sie mich gleich durchstechen wollen. Die Skriptstapel sind auch viel zu hoch und müsste ich nicht eigentlich dieses eine Buch für die Uni lesen? Sie zerren mich an den Stuhl, fesseln mich, während ich mich winde und um Hilfe schreie. Ich rede mir ein, es ist doch interessant. Wer will schon Unterhaltungsliteratur! Das ist geballtes Wissen! Das musst du können und erleben. Es ist einfach bombastisch interessant und mit nichts zu vergleichen. Was gibt es schöneres, als... mein Blick fällt auf das Erste, was ich sehe. Was gibt es schöneres, als den Wagner-Within-Algorithmus...
Ich halte es kaum noch aus. Okay, ich lege jetzt sofort los. Gleich! Erstmal Kaffee. Ein bisschen Milchschaum hab ich mir aber auch verdient. Und Sirup. Hmm, die Gläser nehme ich auch so selten zum Servieren. Da könnte ich das doch anrichten! Für das echte Starbucksgefühl.
Zurück auf den Schreibtischstuhl, den ersten kulinarischen Genuss aller Kaffeeschaumtanten genossen, will ich ans Werk gehen. Sowas Dummes aber auch, dass ich jetzt doch das Skript auf dem Couchtisch gelegt habe. Und da ist ja auch...

Nicht jetzt, Buch!

Dieser wundervolle Roman und das gemütliche Sofa. Ach, du hast doch gestern schon soooo viel gelernt. Ja, geradezu Stunden damit verbracht, dass du ja eigentlich in einem Lernplus bist! Ich meine, deinen Lernplan hängste schon hinterher, aber das ist doch nicht so wichtig... Ja, doch. Heute hab ich doch schon viel geschafft!
Ich realisiere zu spät, dass ich schon wieder das Buch in den Fingern habe. Und werfe es in einem lichten Moment von mir. Erschrocken und verwirrt wie es dazu kam.. Die Note ist wichtig! Lesen kannst du später. Du brauchst mal ein anständiges Zeugnis, du willst ja mal einen Job und eine Zukunft. Lesen ist doch nur ein billiges Vergnügen. Lesen kannst du auch dein Matheskript!
Deswegen lerne fein... WAS ZUR HÖLLE MACHST DU DA?!
Ich konnte es mir nicht erklären, aber auf einmal war wieder etwas zwischen meinen Händen. Das erste Kapitel gelesen und ich schämte mich so schwach zu sein. Des Lesers Lust nachgegeben zu haben. Oh, mögen mir die Götter verzeihen. So verzeihen sie mir! Tief in meinem Herzen war die Pein und die Schmach und ich konnte es nicht erdulden, konnte diese Last nicht ertragen. Oh, wie schwer sie doch wiegt, diese Prokrastination. Ich bin doch schwach, so schwach!

Nein... nicht schwach. Man muss Passionen nachgehen. Ja, doch. Du musst deine Leidenschaften leben! Ja, so greife doch zum Buch. Ich greife zum Buch und...
Da wimmert er, der Schreibtisch und leise verwischt das Skript unter seinen Tränen. Komm mir jetzt nicht mit der Tour! So wird das nichts! Nein... ach komm schon... Gewissen halt jetzt einfach die Fresse! Red mir jetzt nicht schlecht zu. Darf ich keinen Spaß haben? Was sagst du? Ja, ist ja gut...
Na gut... Ich schleife mich wieder an den Folterstuhl und streife durch fremde Zeilen mit viel zu komplizierten Wörten, die im Niemandsland enden. Es ermüdet... es schwächt den Geist. So kann das nicht gehen. Nein, nein, so kann das nicht gehen. Wir hören jetzt hier auf. Ich hab doch heute schon was getan! Die Lösung gelesen... kann ich eh! Ha! Brauch ich eh nicht! Ich bin ein Genie.

Ach, weißte was... scheiß drauf. Ich les jetzt das Buch!

Und so gewann das Lesen über das Lernen.

Kommentare:

  1. Toller Beitrag - und ich kenn das nur zu gut!
    Gerade zu Zeiten des absoluten Lernstresses, ist meine Leselust am Größten :D :D zu 90% gewinnt bei mir immer das Lesen ♥

    Liebste grüße Lole

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  2. Als hättest du meine Gedanken gelesen :'D
    Bei mir gewinnt das Lesen auch meistens. Diesen verheißungsvollen Blicken kann ich einfach nicht widerstehen. ^^
    Alles Liebe,
    Jasi ♥

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  3. Oh wie wahr! Sollte ich nicht auch gerade arbeiten?! ;/

    Ich wünsche allen Befallenen gutes Durchhaltevermögen!

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  4. Hihi oh ja, das kenne ich auch :D Ich finde es schön, dass das Buch (auch manchmal bei mir) gewinnt :)

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  5. Hi (;

    Komm ja immer ins schwärmen über deinen schönen Blog- jetzt hab ich ihn auch in meinem TAG erwähnt!
    Hier der Link, falls du vorbeischauen magst: http://reeadiit.blogspot.co.at/2015/03/tag-blogg-about-blogs.html

    Liebste grüße Lole

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  6. „Grundzüge der Volkswirtschaftslehre" von Mankiw und Taylor? „Wichtige Steuergesetze"...? Oh nein, das kommt mir alles ziemlich bekannt vor - ebenso wie die oben beschriebene Situation. Das Leben ist für uns Leser nicht unbedingt einfach.
    Wirklich toll geschrieben. :D

    Um gar nicht erst in Versuchung zu kommen, versuche ich mir während der Prüfungsphase das Lesen regelrecht zu verbieten, damit ich die Skripte intensiver lesen kann. Wenn das nur mal klappen würde...^^

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