Der ungewollte Flirt zweier Leser

28 April 2015 |
Wie jeden Morgen war ich auf dem Weg zur Uni. Motiviert bis ich die Haarspitzen und einem Gesichtsausdruck zwischen Leid und noch mehr Leid, musste ich mich wieder in den täglichen Pendlerwahnsinn werfen. Wohlgemerkt für eine einzelne Vorlesung, weil der Rest ausgefallen ist. Überraschendweise sogar püntklich und der Zug seltsam leer, hörte ich dem Gespräch meiner Mitfahrer zu und staarte gedankenverloren aus dem Fenster. Mir war nicht so wirklich nach reden und als Morgenmuffel kann man mit mir vor Acht eh keine vernünftiges Gespräch anfangen, außer man haut mir die Kaffeedosis gleich direkt in den Blutkreislauf.
Daher wollten meine von Müdigkeit kaum noch offenen Augen gar nicht so richtig glauben, was da hereintrat. Ein Kerl in meinem Alter warf sich auf dem Sitz neben mir, was gar nicht so spektakulär ist, aber er packte plötzlich ein Buch aus. Männlich, leichter Drei-Tage-Bart und blaue Iris in seinen Augen wusste ich erstmal gar nicht wie ich das Bild verarbeiten sollte. Lesendes, männliches Wesen! In meiner Bahnkarriere begegnen mir sonst lesende Mädels, oftmals mit Brille und dem ganzen Drumherum. Jutebeutel insklusive. Männer sind meistens viel älter, weit weg vom Studentenalter und oft grau melliert. Skandinavische Thriller sind da unheimlicher Standard.
Mein Hirn schaltete auf Turbo und ich wollte schon meinen halben lesenden Freundeskreis anrufen, der geradezu nach männlichen Lesern lächzt und im Eiltempo in den Zug sprinten würden, um ihn klar zu machen. Kurz war ich mir unsicher, ob ich ihn nicht entführen sollte und für sie bereit halten. Die ein oder andere Freundin von mir hätte sich bestimmt beglückt. In mehrelei Hinsicht... Andererseits wusste ich selber wie die Sachlage aussieht und wollte es dem armen Kerl lieber nicht antun. So viele schnaufende, erotisierte junge Frauen auf einmal kann der nicht verkraften. Gutaussehend und lesend? Die Killerkombi!
Aber was liest der da? Möglichst unauffällig versuchte ich einen Blick auf das Buch zu erhaschen und sah erstmal nur bunte Streifen. Ein ganzer Regenbogen voll. Und der Titel ging über alle Zeilen hinweg. Unbewusst lehnte ich mich weiter vor und versuchte die Buchstaben zu lesen. "This Book is Gay" von James Dawson? Das einzige Buch, das mir einfiel, das so ein Cover hat. Dann wäre es wohl eher nichts mit der Entführung... Egal. Das ist ja auch sowas von egal!
Nein, ist es nicht... Meine Neugierde siegte. Irgendwas mit Londoners, las ich... Ich musste näher ran, noch etwas mehr in seine Richtung, merkte ich das mich etwas in seinen Fokus hatte. Kurz aufsehend war da ein mit Augenbrauen nach oben gezogenes Gesicht und ich drehte mich wieder zum Fenster, die Luft anhaltend. Verdammt! Der denkt jetzt bestimmt sonst was...
In der Spiegelung bemerkte ich wie er sich wieder dem Buch zuwendete und mir ließ es keine Ruhe. Jetzt will es wissen! Londoners... Vielleicht verpasse ich gerade die Lektüre meines Lebens, weil ich das Buch noch nie gesehen habe!
Ich versuchte es noch einmal, diesmal subtiler, immer darauf bedacht herauszufinden wie es heißt...  Nur mit den Augen rollend, die sich fast vor Anstrengung lösen wollten, entzifferte ich weiter. Londoners... Ist da ein H? Seine Hand bedeckte den restlichen Titel und ich sah nur einzelne Buchstaben, die mir wenig brachten. Egal, die Macht von Google wird mich schon leiten! Mein Handy herausziehend, tippte ich herum und fand es nicht und wollte aufgeben. Wenigstens der Autor muss doch zu lesen sein! Und während mein Hirn auf einmal in Fahrt kam, kam mir auch schon eine Idee: Moment, die Kamera hat doch Zoom!
Ich positionierte mich um und wollte das Buch fotografieren. Der Titel kam schon näher, ja doch, ich kann es entziffern. Ich kann ihn lesen... Hate it, Love it... der Rest ist immer noch verdeckt. Im Handydisplay seh ich wie er wieder hochsah, noch skepticher als vorher, jetzt wo ich das Handy vor meiner Nase hatte, in einem Winkel, der wohl mehr als verdächtig aussah. Grinst der jetzt auch noch? Fuck! Na toll, der glaubt jetzt bestimmt ich bin irgendein Stalker, der sein Foto am Schluss an einen Instagram-Account schickt, der lesende Männer als sexuelle Mittel der Lust beschreibt. Nicht, dass es sowas geben würde... Neiiiin!
Egal... Amazon hat mich dann mit den Schlagworten zum Titel geleitet. "Londoners: The Days and Nights of London Now - As Told by Those Who Love It, Hate It, Live It, Left It and Long for It" von Craig Taylors. Was für ein Titel... Kein Wunder, dass es so ewig gedauert hat bis ich ihn lesen konnte. Die Beschreibung klingt echt interessant. Wäre mir nie aufgefallen...
Die Bahn blieb plötzlich stehen und ich steckte mein Handy wieder ein. Zielbahnhof erreicht. Ich wollte aussteigen. Mein Sitznachbar huschte möglichst schnell von mir weg... Naja, bei meinem Verhalten wohl kein Wunder. Psychopathen mag man schnell los werden.
Am Gleis musste ich noch auf ein paar Leute warten, als er an mir vorbeilief. War der nicht gerade noch vor mir? Bin ich jetzt verrückt? Er blieb stehen ohne wirklichen Grund und grinste mich wieder an. Zu lange, um wirklich jemand Anderen zu meinen, bevor er den nächsten Zug am gegenüberliegenden Gleis nahm. Er guckte immer noch aus dem Fenster heraus. Ich will gar nicht wissen, welchen Eindruck er von mir gewonnen hat...
Nein, ich will es wirklich nicht wissen! Dabei wollte ich doch nur wissen wie das Buch heißt!
Zählt das als Flirt?
Egal, ich hab den Titel...

PS: Ich hab das Buch auf meine Wunschliste gesetzt...

Kommentare:

  1. Hallo,

    ein toller Artikel! Ich würde gerne öfter Bahnanekdoten von dir lesen wollen :-) Diese Neugierde hätte glatt ich sein können :-)

    Ganz liebe Grüße von einer neuen Leserin
    Kata von BuchKata-b-log

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    1. Ich hab noch zwei auf Vorrat :D Man darf also gespannt sein!

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    2. Oh, das bin ich!!!! Du hast wirklich eine tolle Art zu schreiben.

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  2. Danke für das Lächeln in meinem Gesicht ;) Ich folge Dir mal unauffällig ! ;)

    LG Stephi (Julias Lesewelt)

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    1. Vielen lieben Dank! Herzlich Willkommen :)

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  3. Haha. Sehr lustig. Ich versuche auch in der Bahn immer heraus zu finden was meine Mitreisenden lesen...

    Jetzt wo ich rüber nachdenke kenne ich auch eher weniger Männer die lesen, aber ich hatte z.B. Glück mein Freund liest auch...vielleicht nicht so schnell wie ich, aber auch jeden Abend =) Momentan liest er übrigens von Stephen Kind die Arena. Konnte ich gestern Abend sogar ohne Handy erkennen xD

    LG Denise

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    1. Versuche ich eigentlich immerr, aber dann halt doch eher etwas unauffälliger!

      Lesende Männer an die Macht! :D

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  4. Hallo,

    wirklich witzige Geschichte! Ich versuche ja auch gerne einen Blick auf die Titel zu erhaschen, wenn ich Bahn fahre (und gerade nicht lese, denn dann ist mir das Drumherum herzlich egal), bin dabei allerdings nicht so hartnäckig wie du.

    Eventuell hat der nette Kerl ja auch einen Blog? Vielleicht solltest du in den nächsten Tagen mal Ausschau halten nach einem Post mit dem Titel: „Meine Erlebnisse als lesender Mann in der Bahn: Hat der Kerl da gerade tatsächlich mein Buch fotografiert?!"

    Liebe Grüße.

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    1. Sonst bin ich es auch nicht, aber es sah so besonders aus :D

      Ich hoffe doch nicht!

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  5. Hallo,
    haha wirklich toll geschrieben. Ich war erheitert. :)
    Aber ich kann es gut nachvollziehen. Ich möchte dann auch immer wissen, was die anderen lesen - man könnte ja was interessantes entdecken, das man noch gar nicht kennt.

    Alles Liebe
    Sophie

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    1. Eben :D Am Schluss verpasst ma noch was!

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  6. Lesende Männer kenne ich auch wenige (alles meine Kollegen - das macht wohl der Beruf) und in Bus oder Bahn noch weniger gesehen. Daher war das doch ein toller Buchflirt :-)

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    1. Ich will trotzdem nicht wissen, was er geglaubt hat :D

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  7. Haha was für eine tolle Geschichte :) und wirklich toll beschrieben, es war als hätte ich für eine Moment neben dem jungen Mann mit dem mysteriösen Buch gesessen.

    Aber Sky was ich mich da gerade frage, warum hast du ihn nicht einfach gefragt? :P Ich meine klar, du kennst ihn nicht. Ich hab ja selbst auch geschrieben, ich kann diese Frage gar nicht leiden ^^ aber wenn man wirklich wissen will, hätte ich mir das wohl nicht verkneifen können :)

    Ich pendel übrigens ab Oktober wieder, da gibt's bestimmt auch wieder Sachen zu erleben.

    Liebe Grüße,
    Tina

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    1. Danke für das Lob!

      Ja... ähm, das weiß ich auch nicht so recht. Um die Uhrzeit denk ich noch nicht einwandfrei, hätte sonst wohl auch gefragt :D

      Ohja! Immer her damit :)

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  8. Hey,
    haha das ist genial! :D Wer weiß, was er gedacht hat :D
    Du könntest ein Buch schreiben, der Post ist echt humorvoll. ..
    lg. Tine :D

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    1. Alles schon in Planung... hoffe ich :D

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  9. Hallo :)
    eine tolle Geschichte, so kommt man auch zu neuen Buchempfehlungen :D
    Aber ich frage mich das gleiche wie Tina: Warum nich einfach fragen? ^^ Aber morgens funktioniert das Hirn ja noch nicht einwandfrei so ganz ohne Kaffee, kann ich nachvollziehen!

    Liebe Grüße

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    1. Im Nachhinein kam ich mir auch bescheuert vor :D Aber um die Uhrzeit ist einfach auch noch nicht Denken möglich!

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  10. Huhu :-)
    Vielen Dank für den lustigen Bericht :-)
    Ich gehöre auch zu diesen Bahnfahrern und kann ebenfalls nur von der Seltenheit lesender (junger) Männer berichten.

    Liebe Grüße♥
    Souci

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    1. Die schämen sich vielleicht... :D

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  11. Bei mir war das überraschendste Erlebnis mit lesenden Jungs, als ich einen Jungen, den ich schon ewig kenne und der mich immer wegen meiner Leserei neckt beim Lesen gesehen habe... das war Artemis Fowl. Aber immerhin... ich glaube Lesen an sich ist nicht nur eine Frauensache, auch wenn die meisten Leser Frauen sind, ich kenne durchaus einige Jungs die lesen. Meinen Bruder eingeschlossen :D
    Wenn man das nicht so sehr thematisieren würde, dass Jungs wenig lesen, würden, glaube ich, auch mehr Jungs lesen. Solange man sagt, dass Jungs weniger lesen, denken sie sich: Ich bin ein Junge, ich muss ja nicht. Wenn man ihnen einfach ein spannendes Buch in die Hand drückt, wenn sie zehn Jahr alt sind, geht das von allein...
    Das Buch das du erwähnst, spricht mich rein vom Titel her nicht an... ich würde wahrscheinlich auch erst dann drauf kommen, wenn es jemand im Zug gegenüber von mir lesen würde ;-)

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    1. Manche schämen sich aber einfach und trauen sich nicht in der Öffentlichkeit zu lesen, obwohl sie sogar lesen, aber fast heimlich. Unvorstellbar, aber war.
      Und je mehr man es thematisiert, desto mehr zeigt man vielleicht, das ist was Cooles und nichts, wovor man sich schämen muss. Aber das ist ja gar nicht Hauptthema meines Textes :)

      Ich wäre auch nie auf das Buch gekommen!

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  12. Ich lese deine Beiträge immer so gerne, habe aber selten was sonderlich Geistreiches dazu zu sagen - schade wirds, wenn sich das dann jeder Leser denkt und man keine spürbare Rückmeldung zu seiner Leistung bekommt. Deshalb schreibe ich dir, was mich als Bloggerin auch freuen würde: Dein Post wurde gelesen und sehr gemocht! Ich habe gegrinst, gegrinst und zuletzt noch gelacht. Sehr lustig geschrieben :)

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    1. Macht nichts, mir geht es auch oft ähnlich :D Mir reicht sowas auch schon und es freut mich, dass ich dich zum Lachen bringen konnte :)

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  13. Hahahaha, oh nein. Ich hab mich beim lesen des Textes gar nicht mehr eingekriegt vor lachen. Oh mein Gott, ich fühle richtig mit dir mit, das muss so peinlich gewesen sein :D oh nein.
    Oh ja, sowas kommt wirklich nur sehr selten vor und dann hat er auch noch ein Buch gelesen von dem man noch nicht viel gehört hat (mir sagt der Titel jedenfalls nichts). Du hättest auf ihn drauf springen und ihn auf dem Boden festnageln sollen! :D
    Er hat bestimmt so gegrinst weil er genau wusste wie schlimm diese Neugier sein kann wenn man einfach nicht den Buchtitel entziffern kann.
    Deine Geschichte wird mir auf ewig im Gedächtnis bleiben, ehrlich! :D
    Ein richtig toller Bericht!

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    1. Ein bisschen peinlich war es schon... :D
      Wieso hätte ich das tun sollen? Ich wollte nur den Titel wissen und nicht den Kerl abschleppen!
      Das freut mich aber! :D Hoffentlich ist er auch lehrreich. Nicht beim Titelspicken so erwischen lassen, könnte peinlich werden ;)

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  14. Wie genial! Danke für diese hochamüsante Unterhaltung zum Abend, das lässt meine Laune doch gleich wieder in die Höhe steigen :)))

    Herrlich. Ob der wirklich dachte.. ich meine.... ach egal, Hauptsache du hast den Titel. Den setze ich mir jetzt auch mal auf die Wunschliste, klingt interessant. Was man als Bücher liebender Mann alles so erlebt, was?

    Schmunzelnde Grüße
    Sandra

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    1. Das freut mich wirklich zu hören!

      Lalalala... Ich weiß es nicht, aber es war dann schon etwas ähm... schwierig :D

      Und da sagt man immer, Leser sein ist langweilig! Pah! :)

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  15. ...und mit diesem Post hast du mich überzeugt, auf den "Sumbit"-Button zu klicken. :D

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    1. Das war aber ein Steifzug! Danke für die vielen Kommentare und freut mich, dass du zu mir gefunden hast :)

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