Rezension: None of the Above von I. W. Gregorio

24 April 2015 |

Und plötzlich ist man WAS?

Beim Homecoming Ball ist die Überraschung für Krissy groß. Sie wird Homecoming Queen, ganz anders wie ihre Freundin Vee, die es sich so sehr gewünscht hat. Doch wirklich verwunderlich ist es nicht, denn Kristin Lantimer ist beliebt, gilt als zugänglich, lieb und nett und befindet sich in den Kreisen der anerkannten High School Schüler. Ihr Leben scheint gut zu laufen und sie will mit ihrem Freund Sam einen Schritt weiter gehen.
Aber bei ihrem ersten Mal kommt es zu Komplikationen. Sie hat starke Schmerzen und sucht mit ihren achtzehn Jahren zum ersten Mal einen Gynäkologen auf. Doch die Nachricht, die sie trifft, kommt unerwartet: Sie hat gar keine Gebärmutter und trage Teile eines Mannes in sich. Sie ist intersexuell.
Für Krissy bricht auf einmal eine Welt zusammen. Wer ist sie überhaupt? Oder besser gesagt, was ist sie überhaupt noch? Sie verschweigt ihre Probleme, auch ihren Freund Sam gegenüber, aus Angst, dass er sie verlässt. Einzig und allein ihrer Freundin Vee vertraut sie ihr Geheimnis an und auf einmal weiß die ganze Schule über ihre Intersexualität Bescheid.

Intersexualität, das unbekannte dritte Geschlecht

Jeder kennt Transsexualität, Homosexualität, Bisexualität oder Heterosexualität. Doch beim Begriff Intersexualität hängt ein riesiges Fragezeichen über den Köpfen. Was ist das überhaupt? In erster Linie tragen diese Leute Teile des männlichen wie des weiblichen Geschlechts in sich. Das Facettenreichtum ist dabei riesig und oftmals wird es gar nicht so schnell bemerkt, da Betroffene sich normal fühlen und auch die Geschlechtsmerkmale normal ausgeprägt sein können.
Und genau in diesem Zustand befindet sich Kristin Lantimer, die mit ihren achtzehn Jahren feststellen muss, dass sie ja gar nicht weiblich ist. Oder etwa doch? Ist das nur ihr Gefühl oder wie definiert sich das überhaupt? Die Identitätssuche beginnt von neu und sie muss herausfinden, wer oder was sie wirklich ist. Ist sie dann überhaupt noch begehrt? Bin ich ein Monster? Die Spirale dreht sich immer weiter und sie beginnt zu katastrophieren, sich zu verschanzen und sich selbst zu hassen.
Als ihr Umfeld auch noch davon erfährt bricht das Chaos aus. Ihre Mitschüler, die überhaupt keine Ahnung überhaupt haben, was es bedeutet intersexuell bedeuten, stülpen ihre Angst zur Transexualität darüber und beginnen sie zu falsch zu interpretieren. Ihre Beliebtheit sinkt von oben in den Keller mit einem Schlag und sie scheint schier alleine dort zu stehen. Was ihr passiert, tut einem im Herzen weh und oftmals wünscht man sich, irgendetwas würde doch geschehen, um das alles zu beenden.

Falsche Freunde und das Leben fern der Norm

Das ihre Freund und ihre Umfeld sehr harsch darauf reagieren, schockiert den Leser zutiefst. Allem voran Sam möchte man am liebsten nur noch eine reinhauen und schütteln, was der Schwachsinn soll. Er soll sie gefälligst unterstützen und nicht so behandeln! Aber gerade das Fremde stellt hier den Grund für den Hass da. Was man nicht kennt, wird sofort abgewertet, wie es so oft im Leben ist. I. W. Gregorio gelingt dabei der schmale Grad der Problemanalyse solcher Leute fern der Norm. Es liegt nicht an den Betroffenen, die auch mit ihrer Selbstfindung kämpfen, sondern auch am uninformierten Umfeld, dass unreflektiert handelt und vieles nur noch verschlimmert. Hätten die Mitschüler anders reagiert, wäre die Sache weitaus leichter zu händeln.
Dabei beschreibt die Autorin beschreibt die Mobbingattacken sehr authentisch und schmerzlich real. Sie lässt Cyberbullying einfließen und man möchte nicht zu selten in die Geschichte hineinspringen und einfach helfen, weil es so verletzend ist und wir den Schmerz von Krissy spüren, die doch nur versucht sich selbst zu verstehen und gerade für ihre neue Erkenntnis gedemütigt wird.
Das Krissy viele ihrer Freund zu verlieren droht, wird von der Autorin wieder aufgehoben durch Menschen, die bei ihr bleiben oder die sie auch neu dazugewinnt, da es ihnen egal oder sie neutral darauf reagieren. Sie findet Menschen, die ihr helfen wollen und unterstützen, auch Gleichgesinnte. Vor allem der Vater ist eine wunderbare Figur, die man fast schon als Vorbild sehen kann. Er opfert sich für sie auf, stachelt sie an und treibt sie an, die richtigen Wege zu gehen und wertet sie in keiner Sekunde auf. Es braucht mehr Eltern wie den Vater von Kristin Lantimer, die gefühlvoll mit ihren Kindern umgehen und sie so akzeptieren wie sie sind.

Einfühlsame Worte, neutral und ehrlich

I. W. Gregorio blendet dabei nichts auf. Wer erfahren alles über die Intersexualität, wie sie sich verändert und wie man damit lebt. Vor allem, was die Erkenntnis darüber zu dieser Gruppe zu gehören, bewirkt. So bekommt sie von ihrer behandelten Ärztin ein Dilatationsset an die Hand und wir als Leser bekommen wir fachmännisch erklärt, was es damit auf sich hat. Dass die Autorin selbst Chirurgin ist, merkt man den Roman sehr stark an.
Dieses authentische und ehrliche Bild macht es auch leichter Zugang zu der ungewöhnlichen Situation von Krissy zu finden. Man lernt mit ihr ihr Geschlecht kennen und bekommt es in freien Worten erklärt.. Gregorio ist stets bemüht neutral zu bleiben, einfühlsam und trotz allem nichts zu beschönigen. Und das gelingt ihr hervorragend mit einer einfachen Sprache, die auch Jugendliche leicht verstehen werden.

Konzept steht über allem

Gegen Ende hapert es aber leider bei "None of the Above". Nach einer absolut tiefberührenden Szene legt die Autorin leider die Vollbremsung aus und löst die Geschichte fast zu einfach auf. Auch geben die einzelnen Fäden, die sie ausliegt, einen ziemlichen Knoten, der mehr als locker sitzt. Das Konzept und auch das anschließende etwas hingebogene Ende wirken sich auf die Geschichte nicht unbedingt positiv auf und hat etwas Gezwungenes, um ein hoffnungsschimmerndes Ende zu zimmern.
Der Roman mündet in einem guten Ende, das fast zu viel Zuckerguss abbekommen hat. Die Geschichte mit ihren Freundinnen wie auch wie es in ihrem Liebesleben aussieht für die Zukunft ist fast etwas zu plump gelöst und wirkt gesteltzt. Wobei es ein Manko ist, über das man gerne hinwegsehen kann bei diesem starken Roman.

Fazit

"None of the Above" ist ein starkes und wichtiges Debüt mit einem Thema, das nicht oft Anwendung in der Literatur findet. Einfühlsam und authentisch geht I. W. Gregorio mit der Intersexualität um und liefert einen Roman ab, der es in sich hat, trotz seiner kleineren Schwächen. Eine Empfehlung wert!


★★★★☆

Balzer + Bray - Gebunden - Deutscher Titel: -
ISBN: 9780062335319 - Seiten: 328 - Preis: ca. 13,10 €

Kommentare:

  1. Huhu Sky :)

    Ich muss ja sagen, ich war mir nicht sicher, ob dieses Buch etwas für mich wäre. Ich hab es ja schon bei einigen englischen Buchbloggern gesehen und an sich interessiert mich das Thema Intersexualität schon. Vor dieser Rezension wusste ich nämlich auch nicht so genau, worum es sich da handelt und auch jetzt habe ich noch viele, viele Fragen im Kopf.
    Alleine deswegen, denke ich, wäre es interessant, dieses Buch zu lesen. Schön, dass du erwähnt hast, dass der medizinische Aspekt nicht zu kurz kommt, denn ich persönlich gehöre zu diesen Menschen, die bei solchen Themen immer auch eine fast schon fachliche, aber verständliche Erklärung brauchen.
    Trotzdem scheint es ja, als würde bei diesem Buch auch die emotionale Seite nicht vernachlässigt werden. Und auch wenn ich eigentlich nicht so gerne von schlechte Freunden und Mobbing lese, was ich ehrlich zu geben, zu scheint mir dass du in Zusammenhang mit diesem Thema noch wichtiger zu sein als sowieso schon und sicherlich einen Versuch wert.

    Danke für deine schöne Rezension! Ich muss dich wirklich mal loben, deine Rezensionen wirken meiner Meinung nach immer sehr professionell und mit viel Herzblut ausgearbeitet, und das merkt man als Leser. Wirklich schön, wollt ich nur mal so erwähnen :)

    Liebe Grüße
    Kücki ♥

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Es wird beides erwähnt und gleichzeitig nicht zu tief, sondern genau richtig, sodass man wirklich einen Zugang zur Interesexualität finden kann. Also unbedingt mal reinlesen ;)

      Und vielen Dank für das viele Lob! Das hört man doch gern :)

      Löschen
  2. Wieder eine sehr gute Rezension von Ihnen Mr. Sky. Wie immer finden Sie genau die Worte die mir einfach nicht einfallen wollen :D
    Aber ja, das Ende war leider schon arg konstruiert und leider auch recht lame :(
    Btw, den nächsten Buddy Read müssen wir irgendwie besser organisieren und koordinieren xDD

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Den nächsten Buddy Read machen wir wirklich etwas anders :D Aber war trotzdem amüsant!

      Löschen
  3. Richtig interessante Rezi =) Voll cool, dass du sowas liest und dann dadurch uns drauf aufmerksam machst! Ich muss ehrlich zugeben, dass ich nicht viel Ahnung von Intersexualität hab, obwohl mir der Begriff bekannt vorkommt. Also, ich hoffe, ich werd mir das Buch auch mal holen und damit auseinandersetzen ^.^
    ♥ Ley

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Vielen Dank und ich lese einfach gerne mal Sachen, die sich etwas abhanden. Ich liebe das einfach!

      Löschen