Rezension: Simon vs. the Homo Sapiens Agenda von Becky Albertalli

17 April 2015 |

Simon und der mysteriöse Blue

Als Martin Simon erzählt, dass er sich in der Bibliothek nicht ausgeloggt hat, ahnt er schon Schlimmes. Denn Martin hat die Mails gelesen, genau die Mails von der E-Mail-Adresse, die nur zu einem Zweck entstanden ist: Um mit Blue zu schreiben. Blue ist an seiner Schule, er weiß nicht, wer er ist, aber er steht genauso zwischen den Stühlen wie Simon selbst. Beide haben sie gemeinsam, dass sie homosexuell sind und es noch niemanden wirklich offen gesagt haben. Darum sind sie auch sie sich gegenüber Fremde und verstecken sich hinter Anonymität, schreiben Nachrichten, tauschen ihre Probleme aus und finden Halt beim Anderen.
Und jetzt? Ausgerechnet Martin erfährt davon auf diesem Weg von seinen Neigungen und verlangt von ihm, dass er Abby, eine Freundin von Simon, dazu bekommt mit ihm zusammenzukommen. Wie zur Hölle soll er das anstellen? Wenn er es nicht macht, weiß die ganze Schule bald über ihn Bescheid.
Auf einmal wird er aus seiner Welt gerissen und kann bald nicht mehr das zurückhalten, was er selbst noch gar nicht richtig fassen kann. Aus seinem Gefüge gerissen, muss er sich dem stellen, was ihm am meisten Angst macht: Sich selbst.

Humor trifft auf Coming Out

Mit ihrem Roman gelingt Becky etwas, was nur selten Autoren schaffen. Ein authentisches und augenzwinkerndes Bild auf der Suche nach der eigenen Sexualität und inwieweit sie in die Öffentlichkeit gehört. Und genau da liegt das Problem bei Simon. Was ist denn, wenn man eben nicht so ist wie der Rest?
Simon ist einem nicht nur schnell sympathisch und wächst einen ans Herz, sondern man kann seine Beweggründe sehr gut nachvollziehen. Gerade Jugendliche, die feststellen, dass sie eben nicht der angeblichen sexuellen Norm entsprechen, haben es nicht immer leicht zu sich selbst zu stehen. Was denken die Eltern? Was die Freunde? Bleiben sie meine Freunde, nachdem sie es wissen? Bin ich dann noch die gleiche Person, sobald es offen gelegt? Soll ich es sagen? Wenn man schon weiß, wer man ist, wie weit beeinflusst das mich?
Wer Angst hat, es wird dabei schwer und melancholisch, täuscht gewaltig. Jede Menge Humor und Witz bringt die Autorin ein, dass man oftmals lachen muss über die ein oder andere Situation. Und beantwortet dabei fast schon locker aus der Hüfte diese Fragen, die die Simons dieser Welt quälen. Simons unverkrampfte Art und die seiner Freunde sind unglaublich gut gezeichnet, fügen sich ineinander und geben ein Bild eines Teenagers, der weiß, was er will, aber sich nicht so recht traut.
Sein Sarkasmus trifft auf Wortwitz und Schlagfertigkeit, die man nicht erwartet und in Sätzen, die nicht nur einmal einen zum Lachen bringen. In seinen E-Mails an Blue spricht er aus ganzer Seele, was oftmals auf sein Verhalten außerhalb der Korrespondanz trifft, welches doch anders wirkt, als er sich gibt. Denn nur in den Mails, vertraut er sich wirklich jemanden an und je weiter sie gehen, desto mehr mischt sich ein anders Gefühl ein, dass Blue und Simon nicht so ganz packen können und sie vor Entscheidungen stellt. Entscheidungen, die sein Leben und ihn verändern. Denn je weiter er zu sich selbst findet und er es akzeptiert, desto mehr steigt er in die Öffentlichkeit hinaus.

Authentizität statt Klischees

Dabei geht es Becky Albertalli darum ihre Jugendliche möglichst authentisch darzustellen. Sei es die Abhängigkeit von Smartphone und Laptop oder Seiten wie Tumblr und ihre Denkweise. Als Kinder- und Jugendtherapeutin gelingt es ihr fast mühelos ihre Charaktere zu zeichen, frei von Vorurteilen, keiner besonders schön, besonders wundervoll, sondern alle auf ihre Weise normal und speziell. Egal, ob es ihr Protagonist Simon ist oder nur die Nebencharaktere sind, die sich nahtlos in die Geschichte einfügen. Kein Klischee, vor allem, was Simons Sexualität betrifft, tritt auf, sondern sie zeigt klar und deutlich, dass man unsere Persönlichkeit nicht immer ansieht, wir manchal nur Teile davon kennen und man niemanden unterschätzen und jeder anders sein kann, als wir es erwarten.
Sei liefert ein ganzes Ensemble an Charakteren ab, die eine bunte Schule abzeichnet und das in jeglicher Form. Dabei zeigt so manche Persönlichkeit erst zum Schluss, was noch alles in ihm oder ihr steckt und überrascht einen von einer ganz anderen Seite. Dass der Weg dahin oft mit schweren Momenten verbunden ist, bei der Suche nach sich selbst und den Austesten seines Lebens, verdeckt sie nicht. Albertalli hat es aber auch nicht nötig mit den Finger in die Wunde zu bohren, sondern zeigt es auf, als wäre es das Üblichste auf der Welt. Eben Alltag ohne Dramatik und zusätzlichen Kitsch. Auch nicht die allgemeine Meinung zu Homosexualität, die leider immer noch in der Gesellschaft kursiert, lässt sie nicht aus, doch trotz allem schafft sie es vorbei an Klischees zu laufen, Schlechtes mit Humor zu verknüpfen und es bleibt immer ehrlich, driftet nie ins Lächerliche ab.

Story mit Herz

Es ist nicht überraschend, dass der Roman auch auf der Säule einer Liebesgeschichte steht. Ja, auch die Handlung selbst ist nicht immer ein Feuerwerk von Innovation und schmeißt nicht mit Pointen um sich, doch darum geht es auch nicht. Es entwickelt sich eine Geschichte mit Herz, nach der Suche nach Mr. Blue und wer es wohl sein wird, ob es offline genauso funktioniert, was sich online so aufdrängt. Man rätstelt selbst, wer hinter Blue steckt und verlässt die Geschichte mit einem Grinsen, weil man es kommen sah. Allgemein findet man sich mit leuchtenden Augen wieder, wenn Simon ins seine Verliebtheit verschwindet. Man wünscht ihm das alles, weil man ihn so sehr ins Herz schließt und hofft, dass Mr Blue möglichst bald auftaucht. Und man einfach weiß ziemlich schnell, wer es ist und es schadet der Geschichte kein bisschen. Im Gegenteil, man hat das Gefühl, dass durch Simons Verwirrtheit er geradezu betriebsblind wird, was wir jeder schon in seinem Leben erlebt hat.
Denn Becky Albertalli ist es wirklich gelungen in den Kopf eines homosexuellen Teenagers zu blicken und ihn zu zeichnen. Authentisch, humorvoll und voller Überraschungen über sich selbst. Über die Veränderung, die das stehen zu sich selbst bewirkt und die schlussendliche Aussage: Es ist gut so wie man ist. Ein vorbildhaftes Werk mit Herz und Charme.

Fazit

Becky Albertalli gelingt es mit "Simon vs. the Homo Sapiens Agenda" ein Stück Jugendliteratur zu schaffen, welches den Grad zwischen Humor und Authentizität findet. Ein Roman, der nicht zurückschreckt einen homosexuellen Jugendlichen zu zeichnen wie er wirklich ist und wie er in der Gesellschaft auftritt. Welche Ängste ihn plagen und was sein Outing für ihn bedeutet und vor allem, was es verändert. Einfühlsam und ehrlich zugleich! Unbedingt lesen!

★★★★

P.S.: Ich empfehle Oreo-Kekse zum Roman. Warum? Lest das Buch einfach selbst!

Balzer + Bray - Gebunden - Deutscher Titel: -
ISBN: 9780062348678 - Seiten: 320 - Preis: ca. 13,10 €

Kommentare:

  1. Lieber Sky,
    eine absolut treffende Rezension - kann ich genauso unterschreiben! :-)
    Liebe Grüße und ein tolles Wochenende,
    Jess

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    1. Es ist einfach ein toller Roman! :)

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  2. Das Buch hatte ich mal sowas von gar nicht aufm Plan. Bin grad zufällig über deinen Blog gestolpert, genauso wie über die Rezension und zack! - auf die Amazon-Wunschliste damit.

    Liebe Grüße!

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    1. Und zack! - Am besten gleich noch gekauft ;) Herzlichen Willkommen auf meinem Blog!

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  3. Ein tolles Fazit, was du da zu dem Buch gibst. Es ist nur leider so absolut nicht mein Thema. Allerdings werde ich es gerne weiterempfehlen, danke für den Tipp! :)

    Liebste Grüße!

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    1. Schade, aber empfehle es unbedingt weiter! Es muss gelesen werden!

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