Rezension: Wurfschatten von Simone Lappert

26 April 2015 |

Die panische Schauspielerin

Ada ist Schauspielerin und kann sich ihre Wohnung eigentlich gar nicht mehr leisten. Aber das scheint gar nicht so wichtig, denn ihr Feind sitzt eigentlich ganz tief in ihr drinnen, in ihrem Kopf, der sie plötzlich in einen anderen Zustand bringt. Manchmal ist es nur eine Kleinigkeit, die sie dazu veranlässt sich einzubilden, sie könnte dadurch erkranken. Nachts, wenn sie nicht schlafen kann, hilft nur ein verzweifelter Anruf an den Vermieter, um sie von der Panikattacke zu retten.
Die Karriere in ihrem Leben will nicht kommen und sie scheint immer mehr ihre Freunde zu verlieren, die gar nicht wissen, was eigentlich in ihrer Welt wirklich passiert. Da kann auch ihr selbst errichtetes Therapiezimmer in ihrer Wohnung nicht helfen, als sie fast auf der Straße landet.
Und ausgerechnet ihr Vermieter schleppt ihr jemanden in ihre Wohnung, in ihrem abgeschlossenen Bereich, wo sie aus dem Fenster starren kann und die Menschen unter ihr beobachten. Auf einmal ist sie nicht mehr alleine in ihre vier Wänden und muss sich ihr Leben teilen. Ständig in Beobachtung, immer jemand da, der genauso viele Spuren hinterlässt und in all ihre Räume eindringt, will sie den ungeliebten Gast eigentlich nur wieder loswerden.
Denn der schafft einen Raum, den sie gar nicht mehr erwartet.

Einfühlsames Bild einer Kranken

Simone Lappert zeichnet das Bild eines Hypochonderin, die an ihrem Panikattacken und der ständigen Angst vor dem Tod zu zerbrechen dreht. Unglaublich sympathisch fast und gleichzeitig verletzend schwer schreibt sie über das Krankheitsbild ihrer Charakterin, die versucht in ihrem Leben zurecht zu kommen, ihre eigenen Überlebensstrategien sucht, die doch an den kleinsten Veränderungen zu scheitern drohen.
Ada tut nämlich nichts anderes, als immer wieder in sich hinein zu philosophieren und zu steigern, versucht jeden Herzschlag zu interpretieren und misinterpretiert ihn gleich bis nichts mehr hilft, außer ihr Therapiezimmer und nächtlichen Fahrten mit dem Taxi, die sie beruhigen können. Dieses Verhalten kostet er fast alles, was er lieb ist. Ihre Arbeit als Schauspielerei scheint immer mehr gefährdet und auch die Freundschaften kann sie kaum noch halten, weil sie immer versucht etwas zu sein, was sie nicht ist.
In diesem chaotischen Zustand landet Juri in ihrem Leben und krempelt alles um.. Denn sie will sich nicht die Blöße geben, nicht zeigen, dass sie Probleme hat und spielt genauso die heile Welt vor ihm wie vor ihrem Freunden, obwohl sie dringend Hilfe bräuchte. Dass er dabei in ihrer Wohnung ist und sich ihr Leben mit ihr teilt, stelle für Ada eine Herausforderung der besonderen Art dar.

Menschliche Stolpersteine und ihre Schatten

Tief in ihrem Kopf gefangen, erlebt der Leser ihren Zwiespalt, ihr Voranlaufen und Zurückschreiten, ihr panisches Schreien und man ist ihr trotzdem so unglaublich nahe und möchte sie halten bis alles wieder vorbei ist. Überall lauern für sie Schatten und dann sie sind wieder da, der schnelle Puls und die zu vielen Gedanken, die sie zu zerfressen scheinen.
Juri wirft ihr Leben nochmals vollkommen um. Ihr Therapiezimmer verschwunden, muss sie sich neue Techniken suchen und man weiß ein Leser selber nicht, ob der Mitbewohner ihr hilft oder sie noch weiter in ihre Krankheit stürzt. Er infiziert ihren Lebensraum, nistet sich ein und sie wird stärker denn je mit ihrem inneren Konflikt konfrontiert. Die Autorin zeigt, dass Betroffene auch Beziehung brauchen, die wie Anker in ihrem Leben wirken und gerade Juri spielt eine wichtige Rolle in ihrem veränderten und schwierigen Leben.
Und doch, da sieht man Hoffnung, sieht etwas aufflammen, dem man nachspüren will, was sich langsam entwickelt, kleine zaghafte Schritte, die man gar nicht richtig greifen kann und ihr doch nur das Händchen reichen will und sagen: Mach weiter, mach weiter! Auch wenn du stolperst, macht weiter! Man spürt geradezu wie wichtig Menschen für sie sind, auch wenn es schwer fällt, sie braucht sie zum Atmen, selbst wenn sie eigentlich nur noch einsperren will. Scheint Juri also das Rezept gegen ihre Stolpersteine?

Ein sprachliches Blumenmeer

Die Beziehung zu ihrem Umfeld, Freunde oder auch ihren neuen Mitbewohner beschreibt Simone Lappert in solch prachtvollen Worten, dass man nur Staunen kann. Ein Schreibstil, der sich zu einem Blumenmeer entwickelt, voller wunderschöner Phrasierungen, Metaphern und Bildvergleichen, die einen geradezu schwärmen lassen. Wir befinden uns plötzlich auf einer Ebene mit Ada und gelangen mitten in ihre Welt hinein, die man oft nur schwer erahnen kann, deren Tragweite schwer zu greifen ist.
Doch gerade dieser wunderbare Stil macht es möglich mitten in die Panik zu springen und ihr fast noch etwas Schönes abzugewinnen. Selten bekommt man eine Innenansicht so intensiv präsentiert wie es Simone Lappert mit ihrer Protagonistin gelingt, der man zu gerne folgt durch ihr Schauspielerleben, in dem sie viel zu oft die Maske aufsetzt, um sich nicht selbst zu erschrecken.
Leider liegt aber auch hier das Manko. Während man fast traumähnlich durch die Geschichte geführt wird, gewinnt die Kunst über die Emotion. Es ist manchmal fast schon ein Zuviel von sprachlicher Welt, die die Gefühle, die Ada spürt, fast verpuffen lässt. Auf einmal ist sie entglitten und trotzdem füllen Sätze die Seite, wirklich schöne Sätze, die aber fast wirken, als wären sie nur unnötige Ornamente.
Aber es bleibt bis zum Ende ein sensibler Roman auf den sanften Spuren der Psychose, der Panikattacken und der Welt von Ada, der mitreißt, fasziniert und bezaubert auf vielen Ebenen. Auch ein Stück sensibilisiert gegenüber diesen psychischen Belastungen, die man den Menschen nicht immer sofort ansieht. Gelingt Ada der Krieg gegen sich selbst? Und was ist mit Juri? Was entwickelt sich mit ihm? Es ist keine Überraschung, was kommt und trotzdem fühlt man sich damit wohl und kann den Buchdeckel Zufrieden zuschlagen.

Fazit

"Wurfschatten" ist ein sprachgewaltiges Welt und das sensible Psychogramm einer jungen Frau, die unter Panikattacken leidet. Simone Lappert gelingt ein schmaler Grad zwischen Kunst und Emotion, der fasziniert und doch vor lauter Gewalt fast droht sich selbst zu überrennen. Berührend und allein für diesen wunderbaren Schreibstil des Lesens wert!

★★★★☆

METROLIT - Gebunden
ISBN: 9783849300951 - Seiten: 207 - Preis: 20,00 €

1 Kommentar:

  1. Jetzt haben schon so viele das Buch empfohlen, da muss ich dann wohl auch endlich mal ran.
    Danke für die schöne Rezension,
    liebe Grüße
    Melissa

    AntwortenLöschen