Rezension: Der Klub der Ungeliebten von Dennis Stephan

14 Mai 2015 |

Wieso verlieben wir uns?

Coralie und Adam sind Cousin und Cousinne und funktionieren schon immer wie zwei Hälften eines Gehirns. Ihr ganzes Leben schon gehören sie zusammen und nichts konnte sie trennen. Deswegen war es nur zu logisch, dass sie gemeinsam aus der Kleinstadt in die Großstadt flohen und alles hinter sich zu lassen.
Adam trifft beim Bücherbaum einen Mann, in den er sich augenblicklich zu verlieben droht und der im Café, ganz in der Nähe von diesem Baum, als Kellner arbeitet. Es wäre die Chance und das erste Mal seit Langem, dass er wieder etwas für jemanden fühlt. Aber was ist, wenn er nicht genauso empfindet? Was ist verliebt sein schon?
Coralie hingegen wechselt ihre Männer wie Taschentücher, zerbricht Herzen im Sekundentakt und weiß so gar nicht, ob Liebe überhaupt existiert. Die Männer mit denen sie schläft, können ihr nicht das bieten, was sie so dringend braucht. Ist da nicht irgendwann doch jemand für sie?
Gemeinsam mit Madame Porzellan, eine eigenewillige alte Dame mit französischen Akzent, die immer den passenden Rat auf den Lippen hat und Porzellanpuppen durch die Gegend spazieren führt, gründen sie den "Klub der Ungeliebten". Denn tief in ihrem Inneren suchen sie alle die Liebe, die ihnen abhanden gekommen ist. Vielleicht verlebt, vielleicht nie geblüht, aber doch ungeliebt in einer Welt, in der die Zweisamkeit regiert.

Zwei splitterende Seelen

Dennis Stephan entführt uns in die Großstadt und mitten hinein in das seltsame Leben von Coralie und Adam, die miteinander harmonieren und schon immer eine Einheit waren. Niemals zu trennen, brachte sie fast nichts auseinander, auch wenn sie noch so unterschiedlich zu sein scheinen.
Coralie ist die Schönheit mit dem Herzen aus Eis, die versucht im Sex die Liebe zu finden und immer mehr daran zu zerbrechen droht. Ihre gebrochenen Herzen rennen immer mehr ihr hinterher und erschlagn sie fast, obwohl sie sich so sehr wehrt sich zu verlieben. Auch wenn sie es nicht will, verletzt sie mit ihrem Verhalten all die, die sie mit ihrer Person verführt und an der Leine führt, nur um sie wieder auszusetzen.
Da kann der sensible Adam nur zusehen und resignieren. Adam, der Philosophie studiert und für den die Liebe zu viel mehr bedeutet, der sich in seinen Gedanken verliert und sich in dem Konzept verfängt, dass sich im Regen beim Bücherbaum aufbaut. Dort, wo die Liebe seines Lebens zu stehen scheint, genau dort, wo er immer wieder zurückkehrt, an diesem Ort, wo fremde Menschen Bücher in einem Baum legen und andere wieder mit sich nehmen. Und ausgerechnet dieser Typ arbeitet ganz in der Nähe in einem Café und scheint der zu sein, der sein Herz öffnen könnte, welches er seit Jahren verschließen musste.
Doch, was immer mit ihnen geschieht, mit Coralie und Adam, die Liebe folgt inne schon immer und alles kehrt irgendwann auch wieder zurück, auch die Vergangenheit vor denen sie so sehr geflohen sind, in ihrer Kleinstadt, die zu ersticken drohte für das, was sie waren, für das, was sie fühlten.

Pathos trifft auf Wortreichtum

Wer jetzt sanfte Sprache erwartet ist bei "Der Klub der Ungeliebten" falsch. Stattdessen schlägt einem seitenweise schwere Poesie um die Ohren, die sich vor lauter Metaphorik kaum noch retten kann. Es ist fast schon Kitsch und irgendwie auch nicht, aber romantisierend in der einer Zeit, wo der Realismus gewonnen hat. Man rutscht von einem überbordenden Bild zum Nächsten, voll sprachlicher Finesse und tiefgreifender Emotion, die man hinter den ganzen Worten gar nicht zu erwarten scheint. Es sind fast Nebensächlichkeiten mit denen sich Dennis Stephan aufhält, wie kleine Ablenkungen, die Adams philosophische Sichtweise auf die Welt beschreiben sollen.
Die Ich-Erzähler Adam und Coralie erzählen im Wechsel ihre Geschichte, immer mit großen Bildern, dass es oftmals etwas steif wirkt und nicht zu selten Stolpersteine gibt. Vor allem, da sich beide Perspektiven ähneln und gerade Coralies Charakter ein reduzierter Schreibstil besser getan hatte, als die selbe philosophisch-poetische Art, die Adam mit sich bringt. Es stört ein wenig, auch wenn man sich hoffnunglos in diesem Meer aus Worten verfängt.
Denn Dennis Stephan gelingt es mit dem ganzen Pathos eine so eigenwillige Dynamik zu schaffen, die fast schon träumerisch wirkt, seltsam überzeichnet und wie mit einem Filter überzogen, dass man mitten hineinfällt in die Katastrophe, die sich immer weiter aufzubauen scheint. Die zu dramatisch scheint, aber einen Emotion nahe geht, dass man Coralie und Adam geradezu spürt, wenn ihre Hoffnungen sich aufbauen und wieder verschwinden, wenn ihre Herzen Blut in ihrem Körper pumpen und wieder damit aufhören. Es ist berauschend.
Immer wieder wird zeitlich hin und her gesprungen zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit, zwischen Kleinstadtleben und Großstadt, die anfangs nicht miteinander zu tun haben scheinen und mit jeder Seite weiter ineinander verwoben werden und schlussendlich das Bild geben, dass Adam und Coralies Leben erklärt. Eine Entwicklung, die sie heute noch beeinflusst, auch wenn sie sich noch sehr wehren. Die Kleinstadt, die sie beide dazu genötigt hat zu fliehen, mit all ihrer Eingeschränktheit und ihren Grenzen, wo nicht sein darf, was ist. Wo etwas was ist, was niemand sehen will, die über ihnen schwebt und sie nie abschütteln konnten.

Emotionales Ende mit Option

Und der Autor will genau deswegen zu viel. Er will alles, er will das große Ganze und versucht über die Schnitzer hinwegzulächeln. Alles sollte hinein, jedes Gefühl, jeder Moment und noch mehr Chaos. Zwischen Großstadtpoesie und Träumerei, noch ein wenig Ironie und noch viel mehr Gefühl. Ein wenig spürt man französischen Film beim Lesen und merkt doch präzise durchdachte Szenen, die in ihren Puzzlestücken sich nicht richtig zum Ganzen fügen wollen. Der Roman bleibt zu eng für das, was er geben will und die ein oder andere Situation hätte herausgelassen werden müssen, andere wiederum vertieft und man hätte ein leicht melancholischen Werk erhalten, dass mit seiner Schwere einen zu erschlagen droht und die Tränen in die Augen jagt.
In gewissen Grade gelingt das auch Dennis Stephan mit einem Ende, dass man kommen sah, sobald man die Vergangenheit kennt und es sich doch nicht wünscht, geradezu schreien will, es aufhalten, den Aufprall vorahnt und mitten stehen bleiben muss. Man spürt wie es über sie zusammenbricht, das früher und jetzt, das Gefühl und das Leben und steht mitten im Regen, mitten in ihrer Welt, in der Melancholie. Und hört plötzlich noch einen Herzschlag und atmet aus, auch wenn die Optionen schwach danach erscheinen und wir offen in ihrer Welt hängen bleiben.

Fazit

"Der Klub der Ungeliebten" ist ein starkes Debüt, das zu viel will, aber trotz allem berührt. Mit einer schweren und poetischen Sprache ausgestattet, wirft uns Dennis Stephan in eine Filterwelt einer Großstadt, romantisiert und fast schon verkitscht, um uns mitten im Regen stehen zu lassen. Aber genau da, wo es richtig erscheint und unser Herz am meisten schlägt. Beeindruckend auf seine ungewöhnliche Art.

★★★★☆

  Incubus Verlag - Taschenbuch
ISBN: 9783981594843 - Seiten: 248 - Preis: 8,95 €

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