Rezension: She Is Not Invisible von Marcus Sedgwick

01 Mai 2015 |

Blindes Mädchen und verschwundener Vater

Laureths Vater ist Schriftsteller und auf Recherchereise für das Werk seines Lebens. Er arbeitet schon an seit Jahren an einem Roman über Zufälle, doch wirklich auf Papier bekommt er ihn nicht. Doch als Laureth, die die Fanpost ihres Vaters sichtet, eine E-Mail hört, dass jemand das Notizbuch ihres Vaters gefunden hat, wird sie skeptisch. Vor allem mitten in New York, obwohl ihr Vater doch in Österreich sein sollte? Ist das möglich?
Sie weiß wie wichtig ihrem Vater das Notizbuch ist und überlegt kurzerhand selbst nach New York zu fahren. Mit der Kreditkarte ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder macht sie sich auf den Weg zum Big Apple und versucht das Notizbuch, ihren Vater und die Geheimnisse und Hinweise seiner Notizen zu entschlüsseln. Es gibt nur ein Problem: Laureth ist blind.

Das Leben als Blinde

Marcus Sedgwick schreibt ungewöhnliche Geschichten, die sich nicht immer sofort fassen lassen. Man fällt oft mitten hinein in eine Welt, die einen seltsam erscheint und einen doch spürt. Genauso geht es einem mit "She Is Not Invisible". Anfangs begreift man gar nicht so richtig, dass Laureth blind ist und stellt eher unbewusst fest, irgendetwas stört. Als man es erkennt, ist man überrascht wie souverän sie ihren Alltag meistert. Obwohl sie nicht sehen kann, kommt sie mit kleinen Tricks durch den Alltag und so gelingt Marcus Sedgwick ein Bild einer Blinden, die eben nicht hilflos ist, sondern auf ihren eigenen Beinen stehen kann.
Der Roman ist aus ihrer Perspektive erzählt und man hat das Gefühl ein authentisches Bild von ihrer Veranlagung zu erhalten. Was sie nicht sieht, sieht auch der Leser nicht, außer fremde Menschen erzählen es ihr. Was sie nicht wahrnimmt, nehmen wir nicht war. Einzig und allein ihr kleiner Bruder mit seinem Stoffraben leitet sie durch die Welt, wenn sie nicht mehr weiter weiß, spielt ihre Augen und gibt sich durchaus sehr intelligent für sein Alter.
Die Beiden bilden ein unglaublich interessantes Duo, welches einen fasziniert aufgrund ihrer Harmonie und Verbundenheit fast überzeichnet wirkt. Ihr Bruder, der viel liest, ist weit weg von dem, was Kinder seines Alter sein sollten und auch Laureth wirkt fast zu naiv. Aber das ist auch nicht Kern der Geschichte.

Zufallsphilosopie und Gedankenkreise

Hinter der ungewöhnliches Protagonistin steht eine Geschichte, der es nicht um die Erzählung selbst geht, sondern um das große Ganze und einen oftmals vor Wände stellt. Warum passiert das jetzt? Eine Frage, die man sich nicht zu selten stellt und auf einmal mitten im philosophischen Gedankengang des Zufalls wiederfindet. Zufall spielt eine wichtige Rolle in diesem Roman, ist das zentrale Thema des Romans ihres Vaters und ein Konzept, welches die Seiten zusammenäht. Während Laureth mit ihrem Bruder durch New York irrt, Hinweise abklappernd, die gar nicht sein können, die fast zu zufällig erscheinen und schlussendlich doch zu einem Ergebnis führen, sind geradezu faszinierend und störend zugleich. Man weiß öfter nicht, ob man davon begeistert sein soll oder es als unwahrscheinlich abtun. Aber was ist dann schon wahrscheinlich?
Und schon steckt man mitten in der Spirale über Zufälle, was sie bedeuten und was wir aus ihnen machen, und vor allem welche Bedeutung wir ihr zumessen. Ist Zufall wirklich so zufällig wie wir glauben? Mit philosophischen Ausflügen bestückt schickt Marcus Sedgwick den Leser mitten in dieses Wirrwarr hinein und man weiß manchmal gar nicht, wo einen der Kopf steht und was man noch denken soll. Es wird immer schwieriger einen Faden zu finden, der immer mehr verwischt und in noch abstruser wirkende Situationen zu enden droht. Aber genau das ist der Grund für diese Geschichte.
Man steigert sich geradezu hinein, will der ganzen Handlung den Zauber geben. Wie eine Obsession stülpt meine Vorstellungen darüber. Ist das aber da oder nicht? Müssen wir den Sinn immer dahinter sehen oder darf es einfach so sein? Erst der Schluss gibt uns die Wahrheit.

Konzept über Handlung

Und genau da liegt aber auch ein entscheidendes Problem des Romans. Es ist ein Konzept in einem Konzept in einem Konzept. In so vielen Ebenen sind Überschneidungen zu finden, dass man zu oft sieht, dass der Autor fast mit Gewalt und mit filigraner Hand gearbeitet hat. Die Seele wurde dem Ganzen ein wenig genommen und wurde nur zerfetzt hineingeworfen. Da kann auch das seltsam anwirkende, aber perfekt passende Ende nicht mehr helfen, die hingebogene Handlung zu retten, die sich in das System "Zufall" pressen lassen muss. Trotz allem rast man durch die Seiten hinweg, will wissen, was wirklich mit Laureths Vater auf sich und ob alle Zufälle wirklich so passieren können. Ist das überhaupt entscheidend? Findet Laureth ihren Vater?
So es der Zufall will... Das wirklich überraschende daran ist auf einmal wirkt das Unwahrscheinliche, doch so furchtbar wahrscheinlich und man muss selbst feststellen, dass man auf so vielen Ebenen mit Zufällen konfrontiert wurde, die nicht sein können und genau deswegen eintreten könnten. Oder eben nicht, weil wir sie uns nur einbilden und zureden, dass sie nicht sein dürfen? Wirkt schwierig? Ist es auch. Erschreckend und faszinierend zugleich.

Fazit

Marcus Sedgwick hat mit "She Is Not Invisible" einen philosophischen Roman über Zufälle und Wahrscheinlichkeit geschrieben, der einen in seinen Bahn zieht. Bis in den letzten Satz geplant, offenbart der Roman bis zum Ende erst seine Geheimnisse und lädt zum Philosophieren über Wahrscheinlichkeit ein. Für Leser, die Philosophie lieben und sich trauen etwas Ungewöhnliches zu lesen, einen Griff wert.

★★★★☆

 Roaring Book Pr - Gebunden - Dt. Titel: -
ISBN: 9781596438019 - Seiten: 224 - Preis: 13,10 €

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