Alte Damen und E-Books

19 Juni 2015 |
"Na, sehen Sie das?" Es ist morgens um halb 11. Die Hälfte meiner Vorlesungen ist überraschend ausgefallen und ich konnte früher heimfahren. Kein nerviger Pendlerzug, zugedröhnt mit allen möglichen Menschen, bei dem das Platzgedrängel zum Klassenkampf wird und ich mich nicht wie in einer Sofaritze fühle. Keine schöne, haarige Achsel, die sich mir wohlriechend in meine Nasenspitze drückt. Ja, da ist man doch erstmal bedient. Von Dönerfresser mit Knoblauchduft mal abgesehen...
Die Wandergruppe der Rentner war mal wieder eingetroffen und hatte sich in mein fast leeres Abteil gesetzt. Das kann ja was werden.
"Was denn?", fragte die  ältere Dame in der Gruppe. Ein Fingerzeig auf meine Person sagte mir nur, es geht mal wieder um die böse Jugend. Na prima... was ist es diesmal für eine Grundsatzdiskussion um Personen meiner Altersgruppe. Wie es sein kann, dass ich um diese Uhrzeit nicht tüchtig arbeiten gehe und hier im Zug rumstreune? Warum ich hier alleine sitze und hat den der Bub keine Freundin mit? Also meine Enkelin, die ist ja... nein, all das nicht. Sie zeigte noch intensiver auf meinen Reader.
"Schauen Sie, der hat so einen E-Book-Reader!" Jetzt war ich verwundert. Sie meint das elektronische Teil in meinen Fingern? Und weiß auch noch, was es ist?!
"Ja... ist doch schön, wenn es noch junge Männer gibt, die lesen!"
"Ich hab jetzt auch so einen Reader. Hat mir mein Sohn zum Geburtstag geschenkt." Mutig. Die Frau wirkte schon, als hätte sie die 60 locker überschritten. Wobei, die sogenannten "Silver Surfers" gibt es ja auch... Und die Telekom gaukelt ja auch einem vor, dass es bei den Alten noch läuft. (Schlechte Viagrawitze bitte einstellen, danke!)
"Achja, das trauen Sie sich zu?! Ich kann ja mit Technik so gar nicht."
"Anfangs war das auch ziemlich komisch. Ich kannte ja nicht mal das Passwort zu dem Ding und das hat mir ja alles mein Sohn eingerichtet. Das ging dann aber irgendetwas nicht, hat was mit dem Namen oder nicht gestimmt und ich hab es einfach nicht verstanden, was ich tun sollte."
"Genau deswegen hab ich lieber gedruckte Bücher!"
"Hat ja nichts geholfen! Also hab ich ihn angerufen und der hat mir das gezeigt und jetzt geht es einwandfrei. Schon praktisch, hab mir den neuen Kerkeling mal gekauft und die Hälfte schon durch."
"Ach? Wirklich?"
"Ja, also für unterwegs ist das schon praktisch. Und der Kerkeling ist bisher echt zu empfehlen!"
Jetzt war ich sprachlos, dass sich so eine alte Dame gegenüber der Technik nicht sperrt und auch noch begeistert davon ist.
"Ein paar Bücher sind noch ungelesen darauf, die muss ich mal langsam anfangen. Aber da kauf ich mir dann eh wieder die nächsten E-Books." Ich wollte aufschreien, klatschen, johlen, umarmen, dass es selbst in dieser Alltagsgruppe Leute gibt, die einsehen, dass technische Neuerungen etwas Schönes sein können (nicht immer... Es gibt da Tage, da möchte ich mein Smartphone gegen eine Wand werfen. Aus Gründen!).
Die Frau ohne E-Book-Reader wirkte auf einmal interessiert: "Dann muss ich mir das doch mal anschauen, wobei ich ja gerne richtige Bücher habe. Ich hab noch so viele ungelesene Bücher bei mir herumliegen. Dringend mal aussortieren muss ich die! Sie stapeln sich schon in Schubladen."
Also ein generationenübergreifendes Problem, wer hätte das gedacht? Dann kann ich ja den Kampf gegen den Stapel einstellen und einfach stehen lassen. Oder weggeben, wenn es mir nicht mehr passt. Hilft ja eh nichts dagegen, auch nicht im hohen Alter... Granufink für Buchsucht also weit, weit weg...
"Muss man regelmäßig aussortieren. Da kauft man mal ein paar und dann liest man sie doch nicht, weil andere interessanter sind. Ich kenn das..."
"Eben! Aber Lesen ist schon was Schönes... Und es gibt nie genug Bücher!" Amen! Besser kann man es nicht sagen.
Lesende Omas mit E-Book-Reader. Kann ich die behalten? Ich hab keine Großeltern mehr, da wären die beiden ja geradezu perfekt! Naja, von der nervigen Wandergruppe mal abgesehen, die im Vierersitz erstmal überlegten, wo sie jetzt essen gehen sollen. Der Hund von dem noch jüngsten Herren rutschte auch immer näher zu mir vor und sabberte mir die Schuhe voll.
"Auf längere Reisen hab ich jetzt immer den Reader mit.", fuhr die Dame fort. "Einfach praktisch. Da mach ich es dann wie der junge Mann dort drüben." Wieder ruht ihr Finger auf mir und sie lächeltekurz zu mir rüber.
Sie lachen beide und ich muss grinsen, als ich mir die Kopfhörer wieder in die Ohren stopfe. Na geht doch... Bücher sind Bücher, egal ob "echt" oder "unecht". Sagte selbst die Oma! Und die haben ja die Weisheit mit dem Alter erhalten.

Kommentare:

  1. Das waren aber sehr sympathische Damen :) schön, wenn es dann solche Gemeinsamkeiten gibt.

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  2. Hallo Sky,

    tja, normalerweise bin ich ja eine der ersten die meckert "Wie kann man nur E-Book bla bla bla". Aber seit ich nun in Portugal in einer WG sitze, oder besser, seit ich wusste, dass es nach Portugal geht habe ich schon irgendwie mit dem Gedanken gespielt mir einen E-Reader zu holen. Aus Platztechnischen Gründen. 300 Bücher in einem WG-Zimmerchen sind nicht so toll. Und überhaupt, wie will man das machen, ständig hin und her schicken. 11 Bücher hab ich mir mitgenommen genau mit diesem Ziel, wenn diese Bücher ausgelesen sind soll mein Bruder mir wieder neue Bücher schicken, und das halt bis ich wieder nach Hause gehe. Der Zufall wollte es so, dass ich viele Anfragen für Rezensionen erhielt. Bzw. ich zum Teil auch danach gefragt hatte, weil ich ein Buch vorab lesen sollte und meine Rezensionsplanung nicht übern Haufen werfen wollte. Da ich aber niemandem zumuten will mir seine Bücher nach Portugal zu schicken hatte ich mir eine Leseapp aufs Handy geholt und lese im Grunde seit fast 3 Monaten nichts anderes mehr. Man muss also erst mal seine eigenen Erfahrungen machen.

    Liebe Grüße

    Rea

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    1. Wie alles im Leben, was man nicht kennt, stößt man ab, bis man einmal damit konfrontiert wird und siene Meinung vielleicht sogar ändert! :)

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  3. Danke für diesen sehr schönen Beitrag. Ich liebe deinen Schreibstil einfach und die Omas sind ja wohl genial, oder? Ich will auch so eine Oma...

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  4. Hallo Sky :)
    ein sehr toller Beitrag! Und er rettet meinen Tag irgendwie, Immer wieder schön wenn man auf Menschen trifft die nicht gleich losjammern das eBooks doch keine Bücher sind, egal welche Altersgruppe :D Ich würde die Damen auch gerne als Großeltern "adoptieren"! ;)

    Liebe Grüße

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    1. Das freut mich, wenn er den Tag rettet! :) Sowas liest man gern!

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  5. Ich finde das gar nicht mal so selten :) Wenn ich hier in Berlin täglich mit der Tram, S oder U-Bahn fahre dann sehe ich tatsächlich vermehrt E-Reader statt "echte" Bücher und der Anteil der Leser scheint dazu auch noch hauptsächlich aus älteren Herrschaften zu bestehen. Fand die Beobachtung immer recht interessant dass mir tatsächlich öfter mal alte Menschen mit E-Readern vor der Nase saßen als junge.
    Ich selbst bin ja mehr so die Sammlerin, weshalb ich Bücher fürs Regal vorziehe. Lese zwar ab und an Comics als E-Book auf dem Tablet, aber nur weil Comics so unglaublich teuer werden können mit den ganzen Bänden @_@

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    1. Ich sehe Reader in den meisten Fällen eher so bei den Leuten um ihre Dreißiger und Vierziger. Viele junge Leser hab ich selten mir gegenüber sitzen. Aber ältere Herrschaften im Rentenalten haben doch eher selten Reader in den Fingern... Zumindest hier :D
      Sammelleidenschaft ist auch bei mir das Problem. Aber für Unterwegs ist einfach es viel praktischer. Und Comics auf dem Reader? Ich weiß nicht, ob ich das so gut finden würde... Aber stimmt, Comics kosten so verdammt viel Geld!

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  6. Hey, das ist mal ein toller Artikel. Ich habe wirklich herzhaft geschmunzelt.
    LG Moni

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  7. Ha! Eines dieser "Totschlagargumente" gegen eReader ist ja häufig: "Da sieht man gar nicht mehr, was sein Gegenüber so liest, da kann man gar kein unverbindliches Gespräch mehr anfangen. ..." Als ob Szenen, in denen ein Fremder auf einen Lesenden zustürzte, um sich über dessen Lektüre auszuquatschen, völlig gewöhnlich seien; immer wenn ich die Argumentierenden gefragt habe, wie häufig sie denn schon so eine Spontanunterhaltung gestartet hätten, liefen die Antworten auf "noch nie, aber ich hätte schon öfters gekonnt!" heraus.
    Mir hat bisher auch noch niemand erklären können, warum es kein Problem sei, einen Fremden auf eine Druckausgabe anzuquatschen, aber offenbar ein Ding der Unmöglichkeit, wen mit einem eReader nach dessen Lektüre zu fragen.

    Auf ein gelesenes, gedrucktes Buch bin ich tatsächlich noch nie angesprochen worden, aber seit ich vornehmlich den eReader nutze, ist es mir schon mehrmals widerfahren, dass ich darauf und in Folge auch auf meine Lesegewohnheiten angesprochen wurde, übrigens auch immer nur von älteren Leuten. (Mitunter auch so: "Junge Frau, meine Freundin Hildchen hier glaubt nicht, wie unglaublich praktisch so ein Gerät für Leute mit so schlechten Augen wie uns ist; können Sie Ihr vielleicht kurz demonstrieren, wie sich der Schriftgrad verändern lässt?")
    Aber das Platzproblem ist da häufig auch akut; ich helfe ehrenamtlich in einem gemeinnützigen Second-Hand-Shop. Uns werden ständig regalmeterweise Bücher von älteren Leuten angeboten, die entweder in eine kleinere Wohnung oder direkt ein Seniorenstift umziehen, weil "Kinder aus dem Haus, Ehepartner nun auch verstorben, alles viel zu gross, man ist ja auch nicht mehr jung, die ersten Altersgebrechen stellen sich ein" und dann ist kein ausreichender Platz mehr für die ganzen Büchersammlungen vorhanden, und man will nun eben auch auf elektronisch umsteigen, eben wegen der Verstellbarkeit der Schrift und weil Arthritis und Rheuma das Halten dickerer Schmöker auch mehr und mehr erschweren.

    LG,
    Tanja

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  8. Gerade was das Thema ältere Menschen und ebooks angeht, so finde ich die viel, viel ausgeschlossener als junge Menschen!

    Rein vom Gefühl her scheinen jugendliche Leseratten sehr viel mehr auf das "äußere" eines Buches bedacht zu sein. Es muss ein hübsches Cover haben, die Bücher müssen im Regal auch optisch zusammenpassen usw. Ältere Menschen legen da viel mehr Wert auf den Lesekomfort an sich. Das Buch muss leicht sein, weil die Finger nicht mehr so wollen, die Schrift muss verstellbar sein, weil die Augen auch schon Probleme machen. Außerdem haben ältere Leseratten oft schon immense Sammlungen, sie wissen eh schon nicht mehr, wohin mit den Büchern. Da ist so ein kleines Gerät doch viel praktischer. ;)

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  9. Also ich habe bisher auch noch nicht diese "Elektronik ist böse" Erfahrung gemacht. Meine Großeltern sträuben sich zwar bis heute noch gegen alles, was über einen Fernseher hinausgeht, geschweige denn, dass sie verstehen würden, was das Internet ist, oder sich dann gar einen Ereader kaufen, auf dem sie ja ONLINE Bücher kaufen müssten. Obwohl meine Großmutter eine absolute Vielleserin ist. Aber die bleibt bei ihrer Bücherei. Allerdings nicht, weil sie Technik blöd findet, sondern weil sie der Meinung ist, die Mühe, das jetzt noch zu lernen, lohne sich nicht, denn (und ich zitiere hier) "Ich bin ja eh bald tot". Ja. Da kann man dann auch nichts mehr zu sagen...

    Ich sehe auf jeden Fall sehr häufig auch ältere Leute mit Reader in der Bahn =) Besser als wenn dann da eine Omi sitzt und ganz offen Shades of Grey liest... Da fragt man sich automatisch, an welcher Stelle sie wohl gerade ist und das ist ein Gedanke, den ich dann nicht gern weiter ausführen möchte... Meine Großmutter hat meinen Vater ja aber auch ganz offen gefragt, ob der denn auch "das Buch von dem Grey" gelesen hätte. Danach herrschte erst einmal eine Minute lang peinliches Schweigen, woraufhin ein leicht panisches "Nein" die Antwort war. Aber meine Oma liest halt alles, was auf der Bestsellerliste steht. Begeistert war sie von der Geschichte allerdings nicht, hat sie erzählt. Da wäre ja nichts passiert. xDDDDDDD Ja, so ist das. Ich frage mich, ob sie sich mittlerweile auch "After Passion" ausgeliehen hat und hoffe inständig, dass die Antwort da "Nein" lautet.

    Ich selbst bin klare Verfechterin von Ereadern. Einfach, weil sie so wunderbar praktisch sind. Und viele Leute scheinen nicht zu verstehen, dass man den gedruckten Büchern ja nicht abschwört nur weil man sich einen Reader zulegt. Wir befinden uns schließlich nicht im Krieg. Wobei... Bei der Leserwelt kann man nie wissen...

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  10. Genial. Ich nehme die Oma und ihre Bücherstapel gleich mit, bitte. Am besten eingepackt. :D

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