Macht Lesen tolerant?

28 Juni 2015 |
Sozialmedial fliegen überall Herzen, es ist quietschbunt und überall liegen sich Männer und Frauen in den Armen. Das liegt nicht nur an der vielfältigen Literatur, sondern auch an der Begeisterung darüber, dass in Amerika ein längst überfälliges Grundrecht entstanden ist: gleichgeschlechtliche Paare dürfen heiraten. Jeder freut sich, gratuliert und es ist ein Sieg für die Liebe gegenüber religiösen Fanatismus, Konservatismus und Diskriminierung. Ein kleiner Sieg, der noch viel Arbeit bedeutet, aber einer mit Hoffnung.
Grinsend scrolle ich da durch die vielen Instagrambilder mit Bücherstapeln in bunter Flaggenoptik, sehe Profilbilder mit Regenbogenfahne und zigmillionen Tweets mit #LoveWins, aber moment mal... das sind ja alles Buchblogger, Buchvlogger oder sonstige Literaturmenschen?! Nebst vielen Künstlern und Kreativen!
Ich schau noch einmal durch meine Feeds und erkenne ein interessantes Muster. Wer viel liest, spricht sich oft dafür aus! Liegt das etwa am Lesestoff oder hat das einen anderen Grund? Macht Literatur uns tolerant?

Harry Potter macht Kinder tolerant

Aktuelle Studien haben es schon eigentlich bewiesen, Literatur kann uns lehren gegenüber Randgruppen toleranter zu sein. Allen voran der Zauberlehrling Harry Potter und sein ganzes Universum zeigen Intoleranz wie Toleranz gleichermaßen. Wer sich richtig in die Materie hineinarbeitet findet auch schnell Parallelen zum realen Leben.
Nehmen wir mal die Begriffe Schlammblut und Halbblut. Sie sind Beleidigungen in dieser Welt für Leute, die Muggeleltern haben oder von Kindern, die von Muggeln und Zauberern gezeugt wurden. Dass hier Rassismus deutlich wird, braucht man wohl kaum noch erläutern, oder? Und was ist mit Albus Dumbledore? J. K. Rowling selbst hat ihn als homosexuell geoutet und damit viel Kopfnicken erhalten statt Ablehnung. Was ist mit Hauselfen, die versklavt und mies behandelt werden? Und, und, und... Die Liste ist endlos, geht von Tierquälerei bis hin zur Anerkennung von Randgruppen. Und wer mir nicht glaubt, der sollte sich mal auf die Suche von Fan-Fictions begeben. Ich glaube im Potter-Universum gibt es wohl mehr homosexuell geprägte Geschichten von Fans und Anhängern, als in jeder anderen Community.
Aber wie kommt das?

Lernen am Modell

In der Lerntheorie gibt es das "Lernen am Modell". Kurz heruntergebrochen heißt es, dass sich gerade Kinder Vorbilder suchen und ihr Verhalten nachahmen, wenn sie dadurch Erfolg haben. Wenn das Verhalten des Modells positiv ist, wie bei Harry Potter, wird das angewendet, um den gleichen positiven Erfolg zu erzählen. Hier steigt man also von der Fiktion in die Realität. Das kann natürlich auch negativ laufen, wer mit Gewalt etwas erreicht, können sich Kinder auch das aneigenen! Nicht umsonst heißt es immer, dass Eltern ihren Kindern ein Vorbild sind. Schließlich lernen sie von ihren Eltern, ihren Vorbildern, die Verhaltensmuster und kupfern sie ab.
In diese positiven Fall also lernen Kinder Toleranz, wenn sie sich Harry Potter und seine Freunde als Modell nehmen und damit identifizieren können. Ohne Identifikation gibt es keinen Lernprozess, der Anwendung finden kann, da hilft es auch nicht die Reihe auswendig zu können.

Vielfältigkeit der Literatur

Dabei muss es nicht mal der Zauberlehrling sein, sondern es gibt viele Romane, die diesen Prozess unterstützen. Wer viel liest, bekommt viele Meinungen, Einblicke, auch persönlicher Natur, in alle möglichen Persönlichkeiten hinein. Seien es Behinderungen, Leben mit psychischen Krankheiten oder aber eben die eigene Sexualität. Beweggründe werden erläutert, man bekommt Argumente geliefert, die man vorher vielleicht gar nicht erschließen konnte und vieles mehr. Außerdem werden die Empathie und Vorstellungskraft geschult, da wir uns regelmäßig in andere Personen hineinversetzen müssen.
Und der wichtigste Punkt: Literatur bildet. Es ist nichts Neues, dass mit steigender Bildung die Toleranzbereitschaft zunimmt. Was man nicht kennt, hasst man sehr schnell. Wenn man es aber kennenlernt, hat man auch keine Angst mehr davor. So einfach kann das Leben manchmal sein. Also macht Lesen in vielen Punkten durchaus toleranter. Durch die Emotionen, das Vorleben positiver Vorbilder, können Kinder und auch Erwachsene durchaus in Toleranz ausgbildet werden, neue Werte erhalten und diese im Alltag durchsetzen.
Können! Das kann auch andersherum verlaufen.

Negative Werteerziehung

An sich entstehen dadurch neue Werte, die aber auch negativ werden können. Die falsche Literatur führt schlussendlich nicht zu mehr Toleranz, sondern zum Gegenteil, der Intoleranz. Nicht zuletzt ist das daran erkennbar, dass gerade religiöse Fanatiker gerne mal Bücher verbieten lassen möchten, die ihren Kinder "schaden", weil sie nicht deren ethischen Ausrichtung entspricht. Harry Potter wäre hier ja 1. Hexenwerk und 2. auch noch erzieherisch falsch. Stattdessen bekommen die Kinder oder auch Erwachsene Literatur präsentiert, die ihre Angst verstärken, ihren Hass schüren und die Leute noch tiefer in die Intoleranz stürzen. Propaganda verschiedenster Diktaturen benutzen dieses Prinzip, um den kognitiven Prozess anzuregen und damit ihre Bevölkerung zu manipulieren. So machen es auch extreme Gruppierungen verschiedenster Religionen oder Organisationen. Und das führt genau zum negativen Ziel. Literatur sollte man also nicht unterschätzen, denn sie ist und bleibt ein Mittel der Beeinflussung.

Macht Lesen also tolerant? Nur, wenn es das richtige Buch ist, sonst hilft auch das Lesen nichts. Umso wichtiger ist es Literatur zu schaffen, die auch Randgruppen und Minderheiten thematisiert und in einen positiven Kontext setzt. Seien es aus dem LGBTQ-Bereich oder andere gesellschaftliche Probleme wie Hass gegenüber Ausländern, Flüchtlingen oder auch Behinderungen, die aufgearbeitet werden sollen. Nur mit dem richtigen Buch, kann genau dieser positive Effekt erzielt werden. Und davon würden wir alle profitieren.

Kommentare:

  1. Ich finde du hast schon recht, wenn du von Vorbildfunktion sprichst und so tolle Beispiele wie Harry Potter nennst. Da gibt es aber genügend Negativbeispiele: Wenn Leute sich ein Vorbild an schlechter Literatur nehmen. Ich rede jetzt nicht über Bücher, die von extremen Gruppierungen zur Propaganda ihrer Ideen genutzt werden, sondern so dumme Bücher wie FSoG, die dazu führen, dass irgendein Typ in Amerika meinte, sein Date festbinden zu müssen und das Nein zu ignorieren, weil er sich an Herrn Grey ein Vorbild genommen hat. Oder Stereotypen von gesellschaftlichen Randgruppen, Slutshaming etc. die gerne von YA und NA Literatur aufgegriffen werden, ohne dass gezeigt wird, dass das nicht ok ist.

    Ich persönliche finde aber, dass mich lesen toleranter gemacht hat, weil viele Autoren solche gesellschaftlich brisanten Themen thematisieren, in eine Story einbinden und breiten Gruppen und mir näher bringen. Schon wenn man Reviews online liest, merkt man, dass die Leser immer geschulter werden und gerade den fehlenden Umgang mit sozial brisanten Themen oft entdecken und in ihren Rezensionen anprangern.

    Liebe Grüße,
    Susanne

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Nehme ich auch keineswegs aus... Das Thema habe ich sogar schon auf meinem Blog aufgegriffen: Emotionaler Missbrauch in Young Adult und New Adult
      Die Problematik ist mir durchaus bewusst :)

      Das kommt noch dazu und das ist durchaus positiv!

      Löschen
  2. Danke für den Link, ich schau in den Post gleich mal rein :)

    LG

    AntwortenLöschen
  3. Toller Beitrag (wie immer eigentlich)!

    Wenn es nur mehr solcher Bücher gäbe. Im Moment fühle ich mich gerade als ob alle Bücher irgendwie das gleiche Thema haben und das auch noch nicht einmal besonders kreativ umsetzen. Stichwort Shades of Grey (ja, das wäre auch in einvernehmlich gegangen...) oder diese typischen Liebesromane im Jugendbuch-Bereich. Allesamt Themen die wenig Toleranz fördernd sind. Naja, ich habe ja noch den zweiten Calpurnia Band auf den ich mich freue kann.

    Liebe Grüße,
    Lena

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke! :)

      Auch hier, das Thema hab ich sogar schon woanders mal aufgegriffen :) Bin da ganz deiner Meinung!

      Löschen
  4. Ein super interessanter Artikel! Habe ihn sehr gerne gelesen :)
    Grüße, May von Mayanamo

    AntwortenLöschen
  5. Toller Artikel! Danke dafür. Ja, ich finde, Lesen macht tolerant. Natürlich nicht unbedingter der x-te Vampier-Liebes-Schnulz, aber gute Literatur (auch Schullektüre) verhilft zur Toleranz.
    Sehr interessantes Thema.

    Liebe Grüße
    Nina von www.amazingbookworld.de

    AntwortenLöschen
  6. Ein sehr interessanter und gut geschriebener Beitrag! Er gibt den einen oder anderen neuen Denkanstoß zu Themen, über die ich selber bereits nachgedacht habe. Würde mir aber einen Link zu den Studien wünschen, um mich näher mit dem Thema beschäftigen zu können. Ansonsten mach weiter so!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich werde es mir für die nächsten Aritkel merken!

      Die Studie lief unter den Namen: The Greatest Magic of Harry Potter. Verschiedene Zeitungen haben darüber berichtet.

      Löschen
  7. Hallo Christian,

    danke für diesen absolut lesenswerten und tollen Beitrag! Du lieferst einen Ansatz, der ziemlich interessant ist. Ich finde auch, dass ich durch das Lesen von Büchern ziemlich vielen Dingne begegnet bin, die ich vorher nicht kannte oder nur auf Klischees-Basierendes Wissen hatte, was in Büchern schnellsten wiederlegt werden konnte.

    Halten wir daran fest.

    Liebe Grüße
    Henrik

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke auch für das Teilen!

      Hoffen wir nur, dass die Literatur auch mitspielt!

      Löschen
  8. Hallo,
    toller Artikel, mit interessantem Ansatz....Danke für die Denkanstöße :)
    Liebe Grüße
    Tanja

    AntwortenLöschen
  9. Was für ein toller Artikel (und kurios, über "Harry Potter" habe ich selbst mal eine dreiteilige Artikelserie im Rahmen von #blogeha geschrieben, "Blogger gegen Hass") und ja, du hast Recht. Wer mehr liest, kann sich in mehr Menschen reinversetzen. Es heißt ja nicht umsonst: Wer liest, lebt 1000 Leben. Wer nicht, nur eins.
    In tausend Leben hat man natürlich mehr gesehen, mehr gefühlt, mehr erfahren. Literatur erweitert nicht nur den Wissens- auch den Gefühlehorizont.
    Und ja, nicht wirklich JEDE Art von Literatur *seufz*, leider. Aber da sind dann die Autoren ihrerseits in der Verantwortung :).
    (Ich als Autorin so: Challenge accepted)

    AntwortenLöschen
  10. Sehr schöner Artikel :D
    Interessant finde ich, ja dass George R. R. Martin auf seiner Lesung etwas ähnlich gesagt hat. Er meinte nämlich auch das die kreativen Köpfe die Bücher schreiben oder Filme und TV-Serien drehen durchaus dazu beitragen können, das Denken von Menschen zu beeinflussen. Daher meine absolute Zustimmung zu dem was du hier geschrieben hat.
    Und wer aus Harry Potter nichts für sein eigenes Leben mitnimmt, ob es jetzt mehr Toleranz sei oder weiß der Geier was, bei dem läuft sowieso irgendwas falsch :)

    AntwortenLöschen