Rezension: More Happy Than Not von Adam Silvera

28 Juli 2015 |

Ein Leben in Brooklyn

Sein Leben war noch nie einfach, doch für Aaron wird es nur immer schwerer. Mit seinem Bruder und seiner Mutter in einer kleinen Wohnung in Brooklyn lebend, versucht er mit dem Selbstmord seines Vater zurechtzukommen. Er ist wie eines der anderen Kinder in seiner Gegend, die lernen mussten zuzuschlagen, wenn das Leben ihnen sich entgegenstellt. So verbringt er seine Tage mit seinen Freunden irgendwo in Häuserblocks, spielt verstecken, um die Tage irgendwie an sich vorbeiziehen zu lassen.
Seine Freundin ist dabei immer an seiner Seite, versucht ihm die Ängste zu nehmen und ihn aus sich heraus zu holen. Eine perfekte Liebe und auch sein erstes Mal. Es scheint alles gut zu laufen. Alles richtig zu sein.
Und ausgerechnet dann trifft er Thomas. Thomas, der Junge ohne Ziel. Thomas probiert alles einmal aus, bringt nie etwas zu Ende und trotzdem fühlt sich Aaron zu ihm verbunden. Zwischen ihnen entwickelt sich bald eine besondere Freundschaft bis Aaron selbst erkennen muss, da scheint mehr als Freundschaft zu sein.

Die Grausamkeit des Mileus

Adam Silvera hat mit "More Happy Than Not" einen einzigartigen Roman geschaffen, der es ganz schön in sich hat. Nicht nur wird man konfrontiert mit unangenehmen Gefühlen, depressiven Umfeldern und Armut, sondern auch mit Verzweiflung, die eigene Sexualität und die Erkenntnis, dass Verdrängen nicht die Lösung zu seien scheint.
Mit Aaron als Protagonist gelingt Silvera Brooklyn in seiner Echtheit einzufangen. Die kahlen Hochauswände, die stetige Hoffnungslosigkeit, die auf die Kinder ohne Perpspektive trifft, die anfangen sich zu verändern. Sie beginnen sich andere Wege zu suchen, Drogen zu verkaufen oder schlagen einfach zu, wenn sie sich provoziert fühlen. Man merkt Silveras eigene Lebenszeit in Brooklyn dem Roman deutlich an.
Diese Intensität raubt einen manchmal fast den Atem. Ofmals muss man den Roman auf die Seite legen. Es erschlägt einen und man spürt wie Aaron kurz vor dem Zerbrechen scheint. Es ist diese Bitterkeit des Mileus, die hier zum Tragen kommt und sich in der Sprache immer wieder findet. Fast umgangssprachlich hat Adam Silvera "More Happy Than Not" verfasst, in einen manchmal vulgären Ton, der nichts beschönigt, nichts blumig erscheinen lässt, sondern die Realität eiskalt auf dem Punkt bringt. Bitter und hässlich.

Gefangen im Verdrängen

Und genau dort liegt das Problem. In der Welt, die Aaron nicht hält, findet er Thomas und muss feststellen, dass er einen Makel hat. Er ist vielleicht nicht hetereosexuell, sondern schwul. Seine Freundin hat er damit betrogen und angelogen und sich immer wieder etwas vorgemacht. Er will es ungeschehen machen, es ändern und wünscht sich alles zu löschen.
Das Leteo-Institut kann das. Es löscht unangenehme Erinnerungen und das Prozedere würde ihn wieder normal machen. Ihn alle Schmerzen nehmen und alles zurecht rücken. Aber ist das die Lösung? Vielleicht nicht. Vielleicht doch. Würde es das sein?
Silvera spielt hier bewusst mit dieser Frage, lässt den Leser in der Luft hängen und man weiß selbst nicht wie man entscheiden würde in seiner Situation. Ist diese Form der Gehirnmanipulation überhaupt gut? Den Schmerz ertragen oder einfach alles vergessen und verdrängen können? Einfach so, durch einen Termin in diesem Institut?
Wäre das nicht die Lösung für alle psychischen Probleme dieser Welt?

Philosophie und Gesellschaftkritik

Es schwingt jede Menge Philosophie zwischen den Zeilen mit. Was ist, wenn das möglich wäre? Wäre es gut, würde es alles nur schlimmer machen? Ist man dann noch man selbst?
Warum sollte man es tun, wenn es doch nichts Falsches ist. Nur weil die Gesellschaft sagt, es scheint falsch, ist es falsch homosexuell zu sein? Fragen über Fragen, die der Leser sich selbst beantworten muss, denn der Autor spart mit den Antworten und so muss man selbst nachdenken.
Die Kritik ist zwischen Zeilen und bei den Figuren selbst, die ihre Rolle spielen, nicht eingreifen, wegschauen und alles einfach gehen lassen. Hier scheint jeder ein Täter zu sein, egal in welcher Position und Relation er zu Aaron ist. Doch gerade Aaron macht es oftmals den Leser schwer.

Fern und unnahbar

Denn seine Gefühlswelt ist gerade zu Beginn des Romans schwer zu fassen. Oftmals wirkt Aaron fern und unnahbar, nicht nur durch seine Depression begründet, sondern er wirkt wie eine blasse Persönlichkeit. Die ganzen Charaktere wirken seltsam weit weg, kaum zu greifen, obwohl es gerade hier doch um Persönlichkeit und inneres Wohlbefinden geht. Doch der Zugang bleibt verwehrt und nicht zu selten fehlt es hier an Tiefe. Sie sollen durch die gemeinsamen Momente entstehen, doch endgültig sind sie Konzepte und keine wahren Personen.
Auch kommt die Geschichte nur langsam ins Rennen, überanalysiert fast schon Aktionen und bewegt sich bis zur Wende nur vor sich hin, dreht sich im Kreis ohne wirklich eine Linie finden zu wollen. Einerseits passt es sehr gut zu der Dramaturgie und der Entwicklung von Aaron, der immer mehr sich verschließt, aber gleichzeitig wirkt es auch fast gekünstelt und strukturiert, damit ein vollkommenes Bild gegeben ist.
Wahrscheinlich ist es hier auch Geschmackssache und man kann es eigentlich den Roman kaum übel nehmen. Ohne diese Vorarbeit geht es nicht auf. Es macht ihn nicht schlechter, weil er so besonders ist, aber es schleicht müde vor sich hin bis die Bewegung kommt und ab dort sind die Tränen kaum noch aufzuhalten.

Ende mit Knall

Denn sobald sich alles dreht, die Rädchen in Bewegung geraten sind, rennt man durch Wände und weiß bald nicht mehr wohin, wird umgehauen, immer wieder und wieder bis man atemlos vor dem Konstrukt steht und begeistert ist, traurig, verwirrt und vor allem eins: völlig zerstört. Eine Achterbahn der Gefühle überrollt. Die Charaktere gewinnen endlich mehr an Tiefe, an Bedeutung und fügen sich in ein Bild.
Die Emotionen überfallen einen und man kann es kaum glauben, sah es nicht kommen und wird überrumpelt, bekommt geradezu ein Meer an Fragen an den Kopf geschleudert, die es zu lösen. Und dann schließt man den Buchdeckel. Es hallt nur noch.
Es halt verdammt heftig im Kopf und man weiß nicht mehr ein und aus. Die letzte Hälfte ist traumhaft, ausgeklügelt und voller Leben, dass man sich fragt, warum nicht gleich so! Warum dieses ganze vorne dran, wenn dahinter so viel Großartiges verborgen bleibt? Kritik an so vielen Enden, an Gesellschaft, an Medezin, an der Welt. Die schwache erste Hälfte, als wäre sie nie da gewesen.
Der Kloß wird groß im Hals, wenn man es zur letzten Seite geschafft hat. Das Ende ringt einen geradezu nieder. Glücklich? Wird Aaron irgendwann glücklich?

Fazit

"More Happy Than Not" ist großartig, einfühlsam und bitter. Es ist ein Roman, den man lieben wird oder hassen, einer, der einen manchmal stehen lässt und auch am Schluss unschlüssig zurücklässt. Es ist nicht perfekt, aber ein besonderes Debüt, welches einen vor den Kopf stößt und vor allem Adam Silveras großes Potenzial als Autor zeigt. Von ihm wird noch einiges kommen.

★★★☆

P.S.: Die schlussendliche Wertung fällt mir schwer. 3, 4... doch die 5?
Schlussendlich hat mein Gefühl ausnahmsweise entschieden. Der Anfang braucht zu lange, die Figuren brauchen mehr Tiefe. Aber das sind Kriterien, die sind sehr, sehr personenabhängig.
Es ist gut, sehr gut, aber für mich fehlt noch was für die Perfektion. Aber das Buch wird mir im Gedächtnis bleiben.


Daher: Lest dieses Buch!

Soho Teen - Paperback - Deutscher Titel: -
ISBN: 978-1616955601 - Seiten: 304 - Preis: ca. 13,80 €

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