Rezension: Paper Towns von John Green

05 September 2015 |

Hinter Städten aus Papier

Quentin Jacobsen und seine Nachbarin Margo Roth Spiegelman waren als Kinder unzertrennlich. Durch die Straßen schreitend konnte sie nichts trennen, auch nicht der Fund einer Leiche.
Jahre später auf der Highschool ist kaum noch etwas davon übrig. Margo wurde das coole Mädchen, dass immer mit den älteren Jungs unterwegs ist, die eine Legende ist und von allen umschwärmt. Für Quentin unerreichbar geworden kann er ihr nur dabei zusehen.
Das aber ausgerechnet Margo dann vor seinen Fenster nachts auftaucht und ihn in ihre Welt entführt. An Leuten Rache nimmt und sie gemeinsam in fremde Gebäude einbrechen. Zum ersten Mal hat Quentin die Hoffnung wieder ein Teil von Margo zu werden. Doch es sollte anders kommen.
Denn Margo ist am nächsten Tag verschwunden. Niemand hat sie mehr gesehen. Es ist nicht das erste Mal, doch sie scheint nicht wieder zu kommen. Aber sie hat Hinweise hinterlassen, Hinweise für Quentin, um sie zu finden. Hinweise, die ihn durch die USA führen.

Eine Welt aus Plastikcharakteren

John Green legt mit "Paper Towns" wieder einen Roman vor über eine anscheinend hoffnungslose Verliebtheit, der Suche nach sich selbst und der Verzweiflung irgendwo hinzugehören. Was ihn aber in anderen Werken so leicht von der Hand geht, wirkt bei "Paper Towns" aber oft wie der erzwungene Versuch mehr zu schaffen, wo kein mehr ist. Über allen steht die Metapher, der vorgeplante Weg, der in immer mehr Rätseln endet und schlussendlich aber doch nur wie eine Oberflächlichkeit wirkt.
In "Paper Towns" wirkt wirklich alles wie Papier. Man findet kaum Zugang zu den Charakteren, die mehr wie Plastikfiguren ihrer selbst wirken. Fast schon austauschbar und so wenig Leben in sich, dass man sich oftmals durch die Seiten quält. Ihre Einstellungen und Handlungen sollte noch so sehr nach dem großen Plan gerichtet sein, den sich jemand ausgedacht hat, aber es mündet in müden Versuchen Leben in etwas zu pumpen, wo nur Konzept bleibt.
John Greens cineastischer Erzählen kann da leider auch nicht helfen. Er kann noch so gut schreiben und alles in philosophische Worte packen, aber seine Charaktere sind für eine solche Tiefe in "Paper Towns" nicht geschaffen und entwickeln sich auch nicht bis zum Ende dahin. Kurioserweise ist das auch die Aussage des Romans, dass der Traum der Wirklichkeit kaum gerecht werden kann. Aber leider steht die Botschaft auf dünnen Beinen.

Alle Probleme mit Margo

Hauptproblem ist hier Margo. Man will sie ihr eigentlich eine reinhauen. Und selbst das würde nicht reichen. Die ganze Inszenierung ihrer Person hat etwas Anstrengendes, fast schon Psychotisches. Oftmals hat man das Gefühl, dass sie eher einen Psychiater bräuchte, der ihr das gibt, was sie braucht. Das Quentins Eltern, beide Psychologen, da so einfach hinsehen wirkt da schon erschreckend, vor allem, weil diese Verhalten schon länger geradezu danach schreit und nicht urplötzlich begonnen hat.
Sie hat einen eigenwilligen Charaktere, sie ist außergewöhnlich, aber mit so einer Gewalt in ihrer Metapher gefangen, dass man John Green vorwerfen muss, dass er aus ihr keinen Menschen gemacht hat. Sie ist ein reines Konzept, ein Sprachrohr für die Gedanken, die "Paper Towns" über das Leben, die Welt und den Rest hinausposaunt. Dabei hat sie die Reife, die diese Worte erlangen, nie und nicht mehr erreicht. Was zu ihr passt, den Roman Farbe geben möchte, aber nicht funktioniert. Bis zum Ende nicht, welches leider auch nicht hilft. Der durch ihre Person ausgelöste Roadtrip hat die selben Probleme: Halb fertig, nichts Ganzes, nur blass und konstruiert ohne mehr schaffen zu können. Man sieht den Roman förmlich an, dass er versucht eben realistisch zu sein, kein Traumschloss zu erschaffen, sondern den Zauber zu nehmen, der einen oftmals immer vorgegaukelt wird. Aber es gelingt ihm nicht. Das kann John Green viel besser!

Und am Ende bleibt die Metapher

Selbst am Schluss bleibt sich John Green treu. Er zieht seine Metapher durch bis zum bitteren Ende, zum Nachteil seiner Charaktere, die plötzlich vor Entscheidungen stehen, die einfach zu viel erscheinen. Aber hier einfach als richtig ausgelegt werden. Und genau deswegen auch gut sind, sich von der unglaublichen Richtigkeit, die jede Entscheidung haben muss und deren Sinn dahinter unschlüssig bleibt wirkt sie unpassend. Ob sie wirklich so richtig sind, vor allem Margos Weg und Einstellung, muss bezweifelt werden. Das Margo überhaupt so entscheidet scheint gar unwahrschienlich, angesichts ihrer Situationen und ihren wirklich verstörenden Verhalten am Ende. Mr. Green, da war so viel Potenzial in Margo und Quentin, wo ist das nur hin?! Da wäre zwischen der Metapher so viel mehr Platz gewesen, für mehr Persönlichkeit und Aussage. Die Botschaft passt, aber die Ausführung hapert. So bleibt "Paper Towns" leider nur eine halbfertige Version eines großartigen Romans, der mehr will, als er schlussendlich kann.

Fazit

"Paper Towns" ist ein Roman der mit der Philosophie des Lebens spielt und genau an seiner eigenen Bildgewaltheit scheitert. Zwischen der Kunst hat John Green vergessen seinen Roman Leben einzuhauchen, was Margo und Quentin leider zu spüren bekommen. John Green, das können Sie wesentlich besser.

★★

Speak - Paperback - Deutscher Titel: Margos Spuren
  ISBN: 9780142414934 - Seiten: 336 - Preis: ca 5,94 €

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen