Rezension: Station Eleven von Emily St. John Mandel

28 September 2015 |

Tödliches Grippevirus

Arthur Leander stirbt unter einen Berg aus Schnee. Bei der Aufführung von Skakespeare's "King Lear" bricht er auf der Bühne zusammen. Jeevan, der eingreift und ihn versucht zu reanimieren, wird später erfahren, dass eine Grippe grasiert gegen die es kein Heilmittel gibt. Die Leute sterben innerhalb weniger Stunden. Davon aufgescheucht, verbarrikadiert er sich mit Vorräten in der Wohnung seines Bruders.
Kirsten war da gerade acht Jahre alt, als sie King Lear zu Boden gehen sah. Zwanzig Jahre später finden sie sich in einer Welt wieder in der der Großteil der Menschen der Krankheit erlegen ist und nichts mehr ist wie zuvor. Aus der kleinen Kirsten ist eine Schauspielerin geworden, die mit einem reisenden Symphonieorchester Shakespeares Stücke in trostlosen, zerstörten Städten aufführt, in der die Zeit vor der Grippewelle wie ausgelöscht scheint.

Ein neues Zeitalter

Das Szenario scheint so simpel wie genial. Viele dystopische Geschichten mühen sich ab den Niedergang der Welt zu beschreiben und finden doch nur überzogende Untergangsversionen, die haarscharf an Plausiblität vorbeischrammen. In Emily St. John Mandels Werk ist es anders. Eine mutierter Grippevirus gegen den sich der Mensch nicht wehren kann? So unwahrscheinlich scheint es nicht, wenn man Phänomene wie die Schweinegrippe betrachtet. Daraus baut sie einen Roman, der fast schon einem Kunststück gleicht, denn hier geht es nicht um das Abschlachten von Menschen, korrupten Regierungen, die die Führung über die Welt gewonnen haben. Dafür ist die neue Welt, die Welt nach der Grippe, viel zu jung. Vielmehr findet man Menschen, die der Vergangenheit nachtrauern und versuchen sich zurechtzufinden in der ungewöhnlichen Stille, die eingekehrt ist. In einer Zeit, wo Elektrizität vorbei ist, Staaten keine Rolle mehr spielen und man vor allem versucht zu überleben.

Überall die Stille

Mandels Charaktere sind dabei so unterschiedlich wie sie sein könnten und scheinen kaum zusammenzuhängen. Nur langsam entblättern sie ihre Wahrheit, ihr Wissen, in vielen Sprüngen durch ihr Leben, kreuz und quer, in die Zeit vor den Kollaps, dann wieder in das aktuelle Weltgeschehen hinein. Es ist ein schieres Wirrwarr ohne festen Protagonisten, ohne einen wirklichen Kopf, der die Geschichte trägt und trotz allem eine Dynamik schafft, die einen selten begegnet. Man lernt sie kennen, diese Menschen, Kirstin als Kind und später als Schauspielerin. Arthur und seinen Weg in den Tod. Jeevan und seine Zukunft. Über kleine Details zusammengefügt fangen die Geschichten an, gehen neue weiter, enden die anderer Charaktere in einen unglaublich gut durchdachten Konzept mitten in diesem Chaos hinein. Fäden ziehen sich zusammen und sie scheinen alle verbunden, die, die überlebt haben, erzählen eine riesige Geschichte und sind durch Ereignisse verbunden. Gefühle, Einsamkeit und das Gefühl verloren zu haben, es sind die Emotionen, die einen berühren und festhalten in dieser Geschichte. Die kleinen Momente, das bisschen Hoffnung, was übrig bleibt in einer zerstörten Zivilisation und vor allem ist es die Stille.
In "Station Eleven" ist sie gerade zu spüren, diese ewige Stille in einer verlorenen Welt, die einen sich ums Herz schlingt und fast zu erdrücken droht. Sie hängt in den Charakteren, die wie in einem ewigen Albtraum leben, der nicht zu enden scheint, einer Schockstarre ohne Ausweg, und sie sich ihm einfach ergeben haben. Man hat aufgeben, versucht sich an Trümmern und Ruinen und weiß doch nicht, was daraus wird. Der Hoffnungsschimmer scheint so fern.

Ruhig und eindringlich

Getragen wird diese Atmosphäre von den poetischen Stil der Autorin, die den richtigen Ton gefunden hat für diese seltsame Welt und sie so gekonnt erzählt, dass man mittendrin steht. Plastisch und detailverliebt, niemals müde alles zu schildern. Man nimmt teil, wird ein Stück von Vergangenheit und Zukunft jedes Charakters in dem Roman, die ganz individuell mit ihren Schicksal umgehen. Und je mehr Seiten man umblättert, desto mehr erkennt man das System dahinter, obwohl nicht viel passiert. Es ist eine ruhige Handlung, die keinen echten Faden hat, sondern mehr ein Netz, welches sich langsam erschließt und zusammenfügt. Nicht immer perfekt, manchmal auch zu offen, aber es besteht eine Verbindung, die man anfangs kaum zu ahnen scheint. Auch ist nicht alles immer rein logisch, die Kunst hat über Realität gewonnen, doch es bleibt eine düstere Vision mit Aussicht, die sich leider an mancher Stelle etwas träge dahinzieht. Mündet das in einem Ende mit Paukenschlag? Wer erwartet, dass nach dieser Reise ein Ende gibt, wird feststellen, dem ist nicht so. "Station Eleven" fängt nur Momente ein in einer hoffnungslosen, jungen postapokalyptischen Welt, die ihren Weg noch finden muss, die vielleicht noch die Möglichkeit hat neu anzufangen. Vielleicht, irgendwann. Die Möglichkeit hat sie, aber ob sie sie nutzen kann, das sagt und Emily St. John Mandel nicht.

Fazit

"Station Eleven" paart Eindringlichkeit mit Authenzität und schafft daraus einen ungewöhnlichen dystopischen Roman in einer Zukunft, die nicht so abwegig scheint. Unglaublich berührend, zärtlich und fast schon romantisch düster.

★★

  Picador - Taschenbuch
Dt. Titel:
Das Licht der letzten Tage
  ISBN: 9781447268970 - Seiten: 336 - Preis: ca. 9,20 €

1 Kommentar:

  1. Hey :)

    Du bringst es für mich wunderbar auf den Punkt!
    Anfang August habe ich Emily St. John Mandels wundervollen Roman gelesen, und in den Zeilen deiner Rezensionen wirklich dieses Buch wiedergefunden.
    Ich finde es wunderbar, wie Mandel einen Roman geschrieben hat, der einfach so wunderbar die Stimmung nach dem Weltuntergang einfängt, die Nostalgie und die Stille. Die Charaktere sind mir, wenn auch anfangs hne Verbindung, total ans Herz gewachsen und obwohl das Buch wirklich keine Handlung hatte und viel mehr nur wie Momentaufnahmen aus einem alten Fotoalbum wirkten, so muss ich doch sagen, hat mir genau das gefallen. Diese ungeschliffene, stille Botschaft, mit einem offenen Ende.

    Eine wunderschöne Rezension, wirklich super toll geschrieben und kann von meiner Seite nur absolut bejaht werden :)

    Liebe Grüße
    Kücki ♥

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