Rezension: Die Erfindung der Flügel von Sue Monk Kidd

04 Oktober 2015 |

Die Freundschaft zweier Mädchen

Sarah Grimké lebt mit ihrer Familie und einer Herrscharr von Sklaven in einem Haus in Charleston. Als reiche Familie eines Richters und Plantagenbesitzers leben sie das südstaatliche Leben in vollen Zügen, in einer Zeit, wo die afroamerikanische Bevölkerung keinen Wert hatte. Etwas, das Sarah, seit sie als Kind das Auspeitschen eines Sklaven gesehen hat, nicht dulden will und kann.
Das ausgerechnet sie an ihrem Geburtstag eine Sklavin geschenkt bekommt, versetzt sie in Empörung. Am liebsten möchte sie die arme Handful wieder zurückgeben. Doch auch der Versuch sie von dem Sklaventum zu befreien scheitert und sie rebelliert gegen ihre Lebensweise. Sie wagt es ihrer Sklavin das Schreiben und Lesen beizubringen, eine Sache, die in den Südstaaten strengstens verboten ist. Und nicht nur dafür kämpft Sarah, auch will sie, unüblich für ihre Position als Frau, Anwältin werden. Aber es liegen viele Steine in ihrem Weg und so fängt sie sich an mit Hetty anzufreunden. Eine Freundschaft, die über Sklaverei und Gesellschaftnormen steht und sie zu dem Menschen machen sollte, der die Macht hat die Welt zu verändern.

Sklaverei im 19. Jahrhundert

Dabei greift Sue Monk Kidd auf Perspektiven zurück, um ihre Geschichte zu erzählen. Sarah auf der einen Seite, die sich gegen die sozialen Zwänge erheben will und es als Ungerechtigkeit sieht wie die Sklaven und sie als Frau betrachtet wird und Hetty, die versucht mit ihren Leben als Sklavin zurechtzukommen, allen Gefahren trotzt und Hoffnung in ihren Näharbeiten sucht. Beide haben dabei ihren ganz eigenen Ton, der nicht nur ihren Stand repräsentiert, sondern die Umgangsformen dieser Zeit beschreibt. Ihre unterschiedliche Art und Formulierungsart verleiht den beiden Protagonisten Leben und nimmt einen mit ins 19. Jahrhundert, wo Frauen den Mann zu dienen hatten und Sklaven wie Dreck behandelt wurden. Oftmals wird einen dadurch schwer ums Herz, denn Sue Monk Kidd gelingt es ihre Geschichte grausam alltäglich zu gestalten. Sie zeigt mit den Finger auf die Greueltaten und Misstände jener Zeit ohne aber es episodenhaft wirken zu lassen, sodass man den Schmerz der Sklaven fühlt und sich an das Buch klammert, nicht glauben will, was den Menschen damals wiederfahren ist. Es sind auch die Argumente, die diese Zeit mit sich führt, um ihre Taten zu rechtfertigen. Sue Monk Kidd hat hier großartige Arbeit und Recherche geleistet, um ihren Roman zu schreiben und schafft es authentisch den Südstaatenwahnsinn abzulichten.

Das Leben in Sklaverei

Die Einblicke sind vielfältig und auch die Motive, die dahinter stehen werden nicht zu selten in Frage gestellt. Am liebsten würde man eingreifen, sie anschreiben, was das soll und sieht doch wieder wo die Grenzen für Sarah sind und wo Handful mit ihrer wirklich liebevollen Mutter versucht aus diesem Elend zu kommen. Es ist tragisch wie unglaublich normal es zu dieser Zeit war, dass die Kirche es zusätzlich unterstützt hat und doch hat Sue Monk Kidd es geschafft eine Geschichte entstehen zu lassen, die weiß, wann sie aufhören muss und fast kalkuliert genau diesen Schrecken aufnimmt, die Kultur, die Handful und ihre Mutter mitbringen, ihre unglaubliche Hoffnung, ihr innerer Widerstand, möge er noch so klein ausfallen. Man will es einfach nur enden sehen und hofft das es die von ihrem Umfeld gebeutelte Sarah es schafft die Welt zu verändern, sodass Handful und all die anderen Sklaven der Grimké-Familie, nein, alle von Charleston, alle Sklaven auf der Welt, endlich frei werden können und diesen Bestrafungswahnsinn und der daraus entstandenen Willkür entkommen können.

Ein Kampf gegen Sklaverei und für Emazipation


So weit entfernt von der Wahrheit ist die Geschichte nicht. Auf der Realität gestützt, den Grimké-Schwestern, die sich gegen Sklaverei in den USA augesprochen haben und eine der ersten Frauen waren, die sich für die Emazipaton eingesetzt haben, baut die Autorin ihre Geschichte auf und beschreibt ihren Weg und Aufstieg. Dass sich so manch künstlerische Freiheit erlaubt wurde, die die Autorin im Nachgang selbst aufklärt, fällt da kaum auf, sondern unterstützt vielmehr die Note und Botschaft von "Die Erfindung der Flügel". Auch die ein oder andere Durststrecke in der Handlung bleibt nicht aus, gerade, wenn es in die Tiefe der Charaktere gehen sollte, doch es bleibt ein Stück Geschichte in einer wundervoller Verpackung, die nicht nur sprachlich die beschriebene Zeit einfängt, sondern auch das damlige Lebensgefühl auf dem Prüfstand stellt. Den jeden Menschen können Flügel wachsen, egal welcher Farbe, Herkunft oder Geschlechts. Ein Roman, der einen tief berührt und beruhigt, dass diese Zeiten vorbei sind, auch, wenn wir noch lange nicht das Ende erreicht haben. Aber Frauen wie die Grimké-Schwestern haben dazu beigetragen, dass die Welt sich verändern konnte, auch wenn ihre Geschichte gar nicht so bekannt ist. Doch dank Sue Monk Kidd wird sie einer breiten Masse zugänglich.

Fazit

"Die Erfindung der Flügel" ist ein Stück Geschichte rund um die Sklaverei des 19. Jahrhunderts. Über Leid und Hoffnungen und den Wunsch sich von der Versklavung zu befreien. Egal, ob aus der Unterdrückung der Frau ist oder als Mensch zweiter Klasse behandelt zu werden. Großartig und berührend.


★★
  btb - Gebunden
OT:
The Invention of Wings
  ISBN: 9783442754854 - Seiten: 496 - Preis: 19,99 €

1 Kommentar:

  1. Huhu,
    ich hab das Buch jetzt bisher schon einige Male auf Blogs gesehen und bin auch in der Buchhandlung schon daran vorbei gelaufen, aber irgendwie hab ich es trotzdem "übersehen". Dabei bin ich jetzt ganz Feuer und Flamme, nachdem ich deine Rezi gelesen hab. Das Thema hat mich sofort angesprochen und auch die Umsetzung scheint gut gelungen zu sein. Wandert auf die Wunschliste

    Alles Liebe, Nelly

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