Rezension: Die Sehnsucht des Vorlesers von Jean-Paul Didierlaurent

29 November 2015 |

Ein Vorleser im Zug

Guylain Vignolles unterhält jeden Morgen die Leute in seinem Zug. Fein säuberlich liest er den Menschen vor, wobei es nicht irgendwelche Texte sind, es sind verschiedene Seiten aus unterschiedlichen Bücher, ohne Zusammenhang und gefischt aus der Maschine, die Bücher frisst. Denn Guylain arbeitet in einer Fabrik, wo Bücher zerstört und in neue Romane recyclet werden. Ein paar einzelne Seiten rettet er aus den Papierbrei im großen Schlund des Monsters, zwischen Löschpapier gelegt zum Trocknen, setzt er sich dann um 6:27 im Zug und beginnt die Worte zum Leben zu erwecken.
Doch auf einmal findet er zwischen den Sitzen einen USB-Stick mit verschiedenen Textdateien. Es ist eine Art Tagebuch und er beginnt sich nicht nur in den Seiten zu verlieren, sondern sie auch vorzulesen, auf der Suche des Besitzers jener Zeilen.

Charmant und zauberhaft

Es beginnt eine Suche, die nicht nur sehr charmant ist, sondern zauberhaft wirkt. Jean-Paul Didierlaurent schafft mit seinem Debüt ein Alltagsmärchen, bevölkert voller süßer Momente und einzigartigen Figuren. Seien es der Fabrikarbeiter Guylain, der mit seinem Vorlesen den Leuten ein Lächeln ins Gesicht zeichnet. Ein Pförtner, der antike Theaterstücke liebt oder ein Mann, der seine Beine in der gefressigen Papiermaschine verloren hat und die Bücher sucht, die aus seinen Beinen geworden sind.
Alles zusammen vermischt sich zu einen eigenwilligen Mix, der seltsam skurril wirkt, aber durch seine Eigenheit unglaublich sympathisch wirkt. Und vor allem, sehr französisch daherkomt. Die Charaktere entwickeln alle ein schrilles Eigenleben in einer bunten Kultur, die einen fasziniert und gleichzeitig doch berührt. Es hat einen Anstrich Jean-Pierre Jeunet, nur das hier Guylain die Amélie u seien scheint, und doch fehlt es dem Roman an der nötigen Tiefe und Emotionen um einen vollends zu umgarnen.

Ungewöhnliches Konzept

Der Roman ist in erster Linie aus der Sicht von Guylain selbst erzählt, dazwischen immer wieder die Zeilen aus den Tagebucheinträgen des USB-Sticks und dann wieder die Seiten, die er vorliest. Das hier Jean-Paul Didierlaurent beweist, dass er nicht nur ein Könner im Formulieren ist, sondern gleichzeitig zeigt wie vielfältig er ist, ist nicht nur beneidenswert, sondern großartig. Sein poetischer und bildhafter Stil reißt einen mitten in eine ungewöhnliche Welt. Als hätte man einen Filter über sie gezogen und würde ein wenig auf Wolken wandern. An jeder Ecke eine neue Attraktion, eine neue Metapher, die es zu erforschen gilt. Dieser eigene Ton, den jeder mitbringt, gelingt nur wenigen Autoren und doch lässt es der Autor so mühelos wirken. Für einen so schönen Stil würden manche morden und da ist es ganz unabhängig davon, ob er eine Seite eines Kriminalromans geschrieben oder eine Liebesgeschichte.

Fehlende Tiefe

Doch neben diesem Zauber des Stils und den Charme der Charaktere, bleibt die Geschichte selbst auf der Strecke. Die große Handlung ist klein, hätte so viel mehr Luft nach oben und könnte ein Meisterwerk sein, doch bleibt nur eindimensional und geradlinig. Die großartige Ideen und die schlussendliche Suche nach der Besitzerin des USB-Sticks wirkt fast wie hingeworfen und unfertig, viel zu schlicht und einfach. Manchmal hat man schier das Gefühl, man liest ein großartiges Manuskript in seiner rohen Version, bei dem man weiß, dass in der Endfassung noch so viel mehr erzählt hätte werden können. Viele Fragen bleiben offen, Charaktere streifen nur hin und da den Protagonisten und sind nur schönes Schmuckwerk für eine kurzgeratene Handlung, bleiben aber oft nur im Hintergrund statt richtig Einfluss zu haben und so bleibt nur eine flache Geschichte mit netten Kerninhalt.
Da kann auch das schöne Ende nicht ganz darüber hinwegtrösten, aber es lässt Platz für mehr aus Guylains kleine Welt. Eine Welt, die auf jeden Fall einen Blick wert ist. Auch einen zweiten!

Fazit

Großartiger Stil, skurrile und liebenswerte Charaktere und eine Welt wie im Farbfilter. "Die Sehnsucht des Vorlesers" ist ein zauberhaftes Debüt von Jean-Paul Didierlaurent, das noch so viel mehr gekonnt hätte, aber zeigt, dass dahinter ein vielversprechender Autor steckt.

★★

  dtv - Klappenbroschur
OT:
Le liseurs du 6 h 27
  ISBN: 9783423260787 - Seiten: 224 - Preis: 14,90 €

Kommentare:

  1. Hallöchen Sky,
    ich muss sagen, dass ich das Buch geliebt habe. Ich fand jede einzelne Seite einfach toll, ich mochte Guylain und ich habe mich vollkommen in der Geschichte verloren. Ich kann verstehen, dass du fehlende Tiefe ansprichst, aber irgendwie habe ich das beim Lesen nicht als schlimm empfunden. Es ist eine eher kurzweilige Geschichte, die mir trotzdem ans Herz gegangen ist. :))

    Liebst, Lotta

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    1. So unterschiedlich kann es sein :) Ich versteh alle, die es lieben, aber mir fehlte doch etwas. Kurz muss ja nicht schlecht sein, siehe "Die Mechanik des Herzens"! (Falls noch nicht gelesen, unbedingt nachholen!)

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