Rezension: All the Bright Places von Jennifer Niven

02 Januar 2016 |
Was hatte ich Erwartungen an diesen Roman! Überall Lobeshymnen und es schien großartig. Endlich ein Roman, der sich mit Suizidgedanken Jugendlicher korrekt und richtig auseinandersetzt und das auch noch in unterhaltsamer Weise. Ein Buch über zwei suizidale Teenager kann nicht unterhaltsam sein!, denkt man zumindest, doch sobald man "All the Bright Places" aufschlägt wird man feststellen müssen, dass hier kein düsteres, depressives Werk steckt ohne Hoffnung, sondern ein Roman, der versucht denen eine Stimme zu geben, die sich nicht von ihren Problemen bestimmen lassen wollen. Nur leider bleibt es beim Versuch.

Über den Hoffnungsschimmer

Theodore Finch hat viele Gründe dort oben auf dem Turm der Schule zu stehen. Von seinen Mitschülern liebevoll als Freak bezeichnet, findet er kaum Anschluss und kommt mit sich selbst nicht zurecht. Eigentlich stieg er ja nur hoch, um einmal zu spüren wie es ist zu Sterben. Einen Schritt muss er nur gehen und er würde auftreffen. Dann wäre alles vorbei.
Doch ausgerechnet heute steht neben ihn noch jemand und will sein Leben beenden. Violet Marney, beliebt und gemocht, hat ihre Schwester verloren. Den Verlust trägt sie heute noch mit sich. Aber warum sollte sie hier oben stehen? Sie hat doch alles!
Bevor es Finch sich anders überlegen kann, schafft er es sie wieder in Sicherheit zu bringen und rettet sich dabei selbst. Wer hat wen gerettet? Nur leider will das keiner wahrhaben und jeder glaubt, Finch wäre der Typ gewesen, der sich das Leben nehmen wollte.
Ausgerechnet ein Schulprojekt bringt die Beiden wieder zusammen. Ein Projekt, das sie zu den "natürlichsten" Wundern ihres Bundesstaates Indiana führen soll. Bald wird ihnen aber klar, dass sie sich ein gegenseitiger Anker im Leben sind. Zumindest hoffen sie das. Ein Hoffnungsschimmer im grauen Leben?

Wir sind krank, aber eben nur krank

Ein tragischer Anfang und eine tragische Liebe. Ein wenig hat man das Gefühl man liest ein "The Fault in Our Stars" nur mit suizidalen Tendenzen, Verlustängsten und Depressionen. Doch der Eindruck täuscht und Jennifer Nivens Jugendroman entpuppt sich als eine Tour durch den Symptomkatalog der Störungen der Protagonisten.
Denn auch wenn man den eigenwilligen Finch, der nie er selbst ist und immer eine Rolle spielt, irgenwann ins Herz schließt und alles Beste im Leben wünschen will, merkt man bald, dass dahinter kein Menschen mehr steckt, sondern ein Konzept. Zu sehr bestimmt die Krankheit die Figur, nicht weil die psychische Verfassung genau das hervorbringt, sondern weil es vielmehr zur Symptomatik gehört. Dahinter steckta aber durchaus ein interessanter und amüsanter Charakter, der sehr viel Witz und Galgenhumor erweist, aber er strahlt nicht das aus, was er tatsächlich ist.
Ähnlich ist es mit Violet. Ihre Schwester starb bei einem Autounfall und sie kämpft heute noch mit diesen Verlust. Eine traurige Geschichte und sie kann die Vergangenheit nicht sein lassen. Ihre ganze Familie scheint ihren Tod nicht loszulassen. Aber auch hier sind es ihre Depressionen, die ihre Persönlichkeit geradezu auffressen. Sie bleibt ein Abziehbild ihrer Ängste. Da kann sie noch so sehr die Tage in ihrem Kalender streichen, die sie näher zum Abschluss bringen. Sie wird nie wirklich real und greifbar.
Sie sind eben zwei kaputte Persönlichkeiten, die aber eben nur kaputt sind und keine Menschen.

Hilflos unter Hilflosen?

Ihr Zusammentreffen bessert ihre Situation, auch wenn ihre Beziehung zueinander sehr gekünstelt wirkt. Virginia Woolf, eine Autorin, die Selbstmord begangen hat, ist ihr Leiter und lässt alles wie ein Theaterstück erscheinen. Ihre Zuneigung zueinander kommt dadurch kaum herrüber und auch durch die Besuche der vielen verschiedenen Orte wird man das Gefühl nicht los, als müsste man mit aller Gewalt diese überglücklichen Momente produzieren, um den Gegenpol für die Negativität zu schaffen. Wenigstens bleibt Jennifer Niven hier echt. Die Liebe wird sie nicht heilen, sondern kann sie höchstens trösten. Die Probleme greifen nämlich viel tiefer.
Und sie sind nicht die einzigen Charaktere im Roman, die nicht wirklich abgestimmt sind. Insgeheim möchte man jeden Erwachsenen anschreien. Da laufen zwei Jugendliche mit Leuchtschildern auf denen "SUIZIDGEFÄHRDET" steht herum, aber es macht keiner etwas. Kein Schulpsychologe, kein Rektor, kein Betreuungslehrer. Es ist einfach egal. Bringt euch nur einfach nicht um, okay? Das ist alles? Ernsthaft? Verantwortung von Irgendjemanden? Irgendwie? Hilflos unter Hilflosen, so wirkt das fast.
Tipps? Aufarbeiten? Gespräche? Rausfinden von Gründen? Daten checken? Irgendetwas tun? Können wir nicht, machen wir nicht. Lasst uns wegschauen! Gehört nicht zum Beruf, sollte man zumindest meinen. Man möchte den Kopf gegen den Tisch hämmern. Ein wenig mehr Hoffnung in diesem Bereich wäre gut gewesen. Dass die Mitschüler kein Verständnis haben nach allem, was sie mitkriegen, ist zwar auch mehr als schockierend, aber leider auch Realität. Wiederum die Lehrer, die nicht sunternehmen, was sie aber sollten, reißt einen Leser mit solchen Tendenzen wohl eher den Boden unter den Füßen weg, als ihnen ein wenig Anleitung zu geben, dass der erste Schritt das Sprechen darüber ist. Die gesamte Schule verhält sich verdammt unprofessionell.

Heulen auf Knopfdruck

Der Wendepunkt löst Aggression aus. Er haut einen um und zum ersten Mal nimmt die Geschichte genau das auf und transpotiert die passende Stimmung. Endlich gibt sie das Gefühl her, was vorher nur halbherzig daherkam. Echte Emotionen, nicht nur schöne Definitionen einer Krankheit von denen sich die Charaktere doch gar nicht dominieren lassen wollen. Man weiß nicht was passiert, man ist als Leser hilflos! Da können auch die Taschentücher auftauchen, wenn es einen zu hart trifft. Aber das passiert nicht richtig. Es bleibt ein Schock aus dem man nichts lernt und man will nur noch, dass der Roman endet.
Was will man auch lernen von Menschen, die keine Menschen sind? Das kann auch Jennifer Nivens wirklich sehr treffende Sprache nicht retten. Ihre Dialoge sitzen, sind witzig und pointiert und schaffen es genau das zu verstecken, was ihre beiden Protagonisten verstecken möchten und zu enthüllen, was ihnen nicht bewusst ist. Doch ihre Charaktere strahlen wenig davon wirklich aus.
Hier hört es eben auf. Mehr schafft "All the Bright Places" nicht außer Kunstfiguren zu schaffen, die ihr Krankheitslabel tragen. Hübsch getrimmt, aber von der Realität zu weit entfernt. An manchen Stellen blitzt das Leben hindurch, aber so bleibt es Verkünstlichung und Poetisierung einer traurigen Wahrheit und bringt den Leser zwar emotional durch eine Achterbahnfahrt, die viele Längen hat, aber nicht näher zum Thema. Der Grad von Kunst und Wirklichheit ist dafür auch viel zu weit auseinander.
Ein Roman über Suizid kann gut werden, wenn er eben genau das macht, was er sein sollte Ein Buch, das eine Lösung findet, egal wie es endet. Doch das tut "All the Bright Places" nicht. Es gibt Fakten ohne auch nur die Tiefe der Thematik treffen zu wollen.

Fazit

"All the Bright Places" hat vieles, was für es spricht und doch den einen gravierenden Fehler gemacht die negativen Gedanken und das Konzept über die Charaktere zu stellen. So entsteht eine tragische Geschichte mit ein bisschen Hoffnung, die aber kalt bleibt und den Leser mit seinen Längen ziemlich fordert.


★★

  Knopf Books for Young Readers - Gebunden
Dt. Titel:
All die verdammt perfekten Tage
ISBN: 9780385755887 - Seiten: 368 - Preis: ca. 13,51 €

Kommentare:

  1. Huhu,

    oh sehr schade, dass es dir nicht gefallen hat. Ich mochte das Buch :)

    LG
    Sonja

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  2. Hey! :)
    Schade dass dir das Buch so gar nicht gefallen hat. :/ Ich fand es großartig und zählt sogar zu meinen Jahreshighlights 2015. Hoffentlich kann dich dein nächstes Buch etwas mehr überzeugen.

    Viele liebe Grüße,
    Jasi ♥

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    1. Ich versteh auch, wenn es Leute mögen. Aber ich wurde einfach damit nicht warm.

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  3. Huhu :)

    erst einmal ein frohes neues Jahr ♥ obwohl dir das Buch nicht so gut gefallen hat, konnte ich das deiner Rezension total gut nachvollziehen. Sehr schön geschrieben. Schade, dass die Charaktere so blass blieben. Ich werde es mir dennoch mal auf die Leseliste setzen, mich reizen negative Kritiken ja eigentlich mehr, als dass sie mich abschrecken :)

    Liebe Grüße
    Sandra

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  4. Schade, dass dir das Buch nicht so gut gefallen hat. Bei mir steht es momentan ziemlich weit oben auf der Wunschliste, weil ich so viel Gutes davon gehört habe, aber deine Rezension lässt mich nun doch etwas zögern. Vor allem, weil die Charaktere für mich immer das Wichtigste an einem Buch sind und du ja schreibst, dass sie dir zu wenig menschlich gewesen wären.
    Ich schaue mal, wahrscheinlich werde ich das Buch trotzdem lesen, bloß aus der Bücherei :)

    Ich wünsche dir ein frohes neues Jahr!

    Liebe Grüße
    Chrisi

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  5. Huhu,
    also an dein neues Design muss ich mich erst mal gewöhnen. Obwohl es wirklich hübsch geworden ist, aber so ungewohnt.

    So zum eigenlichen Thema: ich hatte mit dem Buch auch so meine Probleme, wobei ich vielleicht auch mit falschen Erwartungen an die Geschichte rangegangen bin. Ich muss dir Recht geben: das Umfeld war dermaßen naiv dargestellt, dass man am liebsten sämtliche Charaktere einmal geschüttelt hätte. Gerade Finns Familie.... boah ich konnte es nicht fassen. Irgendwie schade um die ganze Idee.

    Alles Liebe, Nelly

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