Rezension: Mängelexemplar von Sarah Kuttner

07 Januar 2016 |
Da stand ich etwas verloren vor meinem Bücherregal und wusste nicht so recht, was ich jetzt lesen soll. Zu viele ungelesene Bücher und irgendwie wollte keins sagen: "LIES MICH!" Und dann hatte ich da "Mängelexemplar" von Sarah Kuttner in den Händen. Ein Roman, der bei mir als Schnäppchenkauf selbstironisch mit dem Stempel "preisreduziertes Mängelexemplar" verstaubte. Irgendwie hab ich nie reingefunden. Aber an diesem Tag machte es Klick und ich fand einen großartigen Roman über Depressionen und das Leben.

Depression ist ein fucking Event

Karo ist Mitte zwanzig, verliert ihren Job in einer Event-Agentur und ihren Freund ist sie eh schon lange satt. Der lebendige Vulkan in ihr hat die Schnauze voll und sie macht Schluss. Schluss mit ihren Freund, der sich selbst wichtiger erscheint. Schluss mit den Freunden, die sie eh gehasst hat. Dass ihr das aber mehr schmerzt, als sie zugibt, erkennt sie aber erst, als sie in einer psychiatrischen Notaufnahme sitzt. Irgenwas läuft mächtig schief in ihrem Leben, aber das kann doch eigentlich gar nicht sein? Als die Angst kommt, weiß sie erst recht nicht, was sie tun soll. Vor was sollte sie denn Angst haben müssen?
Der Boden unter ihren Füßen bricht durch und sie steht plötzlich wieder vor dem Nichts. Wer bin ich überhaupt und was soll das Ganze? Karo beginnt eine Therapie und gesteht sich wohl zum ersten Mal ein, dass vielleicht doch nicht alles rund bei ihr läuft.

Authentisch und liebenswert

Man mag es kaum glauben, aber so sperrig Karo mit all ihren überhitzten Emotionen und der Selbstironie ist gewinnt man sie unglaublich lieb. Nicht nur, weil sie ein "Mackenmädchen" ist, das sich neu finden muss, nachdem es merkt, dass sie vielleicht einen Dachschaden hat. Sondern auch, weil sie dabei störrisch ist. Bei ihr läuft eben nicht einfach alles so wie es sollte. Es gibt Niederschläge, es gibt Rückzieher und alles geht zu langsam in ihrem Kopf. Manchmal möchte man sie ein wenig in den Arm nehmen, sie anfeuern und dann wieder schütteln. Gibt der Sache doch Zeit! Aber man weiß ja eigentlich, dass ihr das nicht helfen würde.
Und genau das macht sie authentisch. Karo ist ein Mensch, der eben ein paar Probleme in seinem Leben hat, sich diese eingestehen muss und es gar nicht will. Sie weiß, sie ist vielleicht krank, aber sich zu sagen, dass man es wirklich ist und damit annehmen? Wohl das Schwerste, was es gibt. Vor allem, wenn es um sowas geht wie Depressionen. Die hat man nicht, die steht man durch! Das geht wieder weg wie ein Schnupfen.
Nein, eben nicht. Genau hier spricht "Mängelexemplar" endlich das aus, was so viele Bücher mit dieser Thematik nicht machen. Das ist eben nicht so verdammt einfach. Es darf sich genauso Hilfe geholt werden, wenn man sie braucht. Man muss nix durchstehen, man darf sich helfen lassen. Eine ganz wichtig Botschaft!

Mit Witz und Charme und jede Menge Kanten

Dass das Buch aber interessanterweise kein Klotz ist, verdankt man Sarah Kuttners einzigartigen Stil. Eine geniale Mischung aus Ironie, Sarkamsus und bitterbösen Zynismus. Karo lacht ihrer Krankheit dreckig ins Gesicht! Und der Leser darf dabei zugucken und sich in den vielen schönen Bildern verlieren, die Kuttner zeichnet. Es ist die richtige Mischung aus Emotion, Distanz und es trifft immer genau dahin, wo es treffen soll: mitten ins Herz. Wer einmal mit Depressionen zu tun hatte, wird oft den Kopf nicken können und sich wiederfinden. In ihren Worten liegt so viel Wahrheit und Ehrlichkeit. Ja, Karos Stimme und damit Sarah Kuttners Stil führen dazu, dass man eine starke Protagonistin hat, die vielleicht auch manchmal nur die Starke spielt. Eine schmale Gradwanderung, die Kuttner mühelos gelingt.
Der Roman hat Kanten. Aber gewaltige! Schlägt Hacken und haut dann wieder auf den Tisch. Es gibt eben nicht das eine Erfolgrezept für Depression. Es gibt Rückschläge, aber das Wichtigste ist, dass jemand für diese Menschen da ist, ihnen zuhört und wenn es nur ein wenig Kuschlen auf dem Sofa ist, es hilft. Jeder kann helfen auf seine Art und Weise und Kuttner versteht es mit ihren Charakteren genau das aufzuzeigen. Und so bleibt es auch bis zum Schluss. Ein ehrlicher Abschluss und ein Ende wie es sich gehört. Nicht perfekt, aber auch nicht falsch, eben genau richtig. Das Leben schreibt keine perfekten Enden.

Fazit

"Mängelexemplar" ist das authentische Bild einer Frau, die mit ihrer eigenen Depression konfrontiert wird. Selbstironisch, bitterlich ehrlich und immer mit den richtigen Worten da. Unbedingt lesen! Und ich geh mir jetzt alle Bücher von Sarah Kuttner holen!

★★★★

  FISCHER Taschenbuch - Taschenbuch

ISBN: 9783596184941 - Seiten: 272 - Preis: 9,99 €

Kommentare:

  1. Den letzten Satz könnte ich gerade so übernehmen in meiner Rezi zu 180 Grad Meer :) die will auf jeden Fall noch geschrieben werden und ich bin so begeistert von dem Buch, dass ich dieses Jahr definitiv noch weitere Bücher von ihr lesen möchte, u.a. Mängelexemplar!

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  2. Haaach, da will ich das Buch direkt mal wieder lesen. Ist schon so lange her, ich kann mich an fast nix mehr erinnern, aber ich weiß noch, dass ich es so gut fand wie du es beschreibst :)
    Kennst du ihre anderen auch schon?

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    1. Leider nein. Aber ich will sie mir zeitig besorgen :)

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