Und irgendwann verblüht die Jugend...

09 Januar 2016 |
Du stehst da vor deinem Regal und atmest den Duft von Papier in deine Nase. Die verblasste Drucktertinte auf längst vergilbten Seiten lächelt dich an und du versuchst zu verstehen, was schief geworden ist an diesem Bild. Warum da etwas anders ist. Du kannst es nicht anfassen, nicht berühren, egal wie oft du über den Buchrücken streichst. Es gibt dir nur einen Hauch von Nostalgie wieder sowie der Staub, den deine Finger beiseite schieben.
Bei diesen Zeilen hab ich weinen müssen, als ich sechzehn war und mich alleine fühlte. Da war Halt, eine zarte Umarmung, die dir sagte, du bist nicht allein. Du bist normal. Völlig normal. Und man nickte eifrig, schob das geliebte Büchlein an seine Brust und legte sich auf sein Kopfkissen. Ein bisschen nachdenken, ein bisschen grübeln, ein bisschen zu viel Sturm auf einmal, der plötzlich geht. Jemand versteht mich.
Aber es ist eben Nachtrauen nach einer Vergangenheit und nicht mehr. Ein Anfall von melancholischer Verträumtheit, während man die ungelesenen Titel straft, die sich vor dem Regal türmen. Jugendliteratur... vielleicht ein Abschied. Stück für Stück. Wir waren lange Geliebte, doch jetzt... Jetzt weiß ich auch nicht mehr. Ist das die Trennung, die man befürchtet? Wie Schulbeziehungen, die enden, weil die Wege sich zerteilen? Weil Realität und Fiktion nicht mehr kompatibel sind? Ein Südpol, der sich mit dem Nordpol nicht mehr verbinden kann? Jahre später sieht man sich vielleicht wieder, verstört, verschüchtert. Zwei Gäste auf einer Party zu der sie nicht eingeladen wurden. Ein ewiges "Wie geht's?" "Gut und dir?" "Was machst du..." Und eigentlich nur hohle Phrasen bis zum Davonwinken. Man lebt dann weiter und wird älter. Eben anders. Ohne einander. Der Moment nie vergessen.
Vielleicht ist es genau das, was mit mir und Jugendbüchern passiert. Vielleicht muss das so sein im Leserleben. Es hat schon letztes Jahr begonnen. Sie geben mir nicht mehr das, was ich brauche. Nicht die Emotionen und Lösungen, die ich mir wünsche. So viele Probleme, die klein und lächerlich wirken. Früher waren sie groß und übermächtig. Wie Götter. Und jetzt? Prioritäten neu gesetzt auf der To-Do-Liste. Dramen abgeschrieben und Scheintragödien treten von der Bühne. Sie sind schön, sie sind immer noch gut und richtig, aber ich bin ihnen wohl entwachsen. Man hat mich aus dem Programm des Theaters gestrichen und ich hab mir eine neue Bühne gesucht, in einem neuem Theater und anderen Schwerpunkten. Mehr Kunst, weniger Thrill. Dafür mehr Alkohol. Fühlt sich so erwachsen werden an?
Es scheint wie so vieles im Leben, wenn sich die Zeit weitere Schritte erlaubt. Manchmal geht man vor, manchmal zurück. Und momentan ist es ein Rennen nach vorne in eine ungedachte Zukunft mit neuen Gedanken und neuen Illusionen, Problemen wie Visionen. Und Ängsten. Vor allem auch Ängsten. Meine Hände greifen nach Romanen, die ich nie berühren wollte, mein Herz schmachtet nach Momenten, die ich vorher nicht fühlte. Dabei warst du doch immer, der gesagt hat, Jugendliteratur kann so viel mehr. Wie kann das sein, dass du so anders bist? Dein Kopf so anders denkt? Darf er das?
Er darf wohl. Sich verändern. Sich evolutionieren. Er darf sich ändern und auch heute noch werden meine Hände am Papier von Jugendromanen kratzen, aber eben anders, vielleicht etwas ungewohnt und neu, ein wenig fremd. Nur noch Zuschauer und nicht mehr Teilnehmer. Aber trotzdem endet eine Liebe. Lass uns Freunde bleiben, denkt man ein wenig und starrt auf die John Greens und seine Nachbarn. Es war schön mir euch, ich schaue wieder vorbei. Aber momentan... Da will ich was Neues, was mehr passt. Was mehr Ich ist. Nicht das Ich vor ein paar Jahren. Wir lesen, was wir lieben. Wir leben, was wir lesen. Ein wenig kitschig und man will mit Konfetti um sich werfen, wenn man es genauer betrachtet. Das Leben braucht mehr Glitter.
Ich will wieder abstürzen, fallen und restlos in fremde Arme fallen. Morgens aufwachen mit Komplexen und mich fragen, warum das alles noch. In einer WG sitzen und den Abend bejammern oder lächelnd mit Kaffee hinunterrattern. Ich will das Foto von letzter Nacht vergessen und mich in den Hörsaal quälen. Will atmen und arbeiten, anfangen ein Leben zu schaffen. Und mich suchen. Voll und ganz hinter all den anderen Bergen, die mich verstecken und neben mir im Gebirge wandern.
Ich will so viel, was Jugendliche noch vor sich haben. Irgendwann verblüht die Jugend und bleibt in unserem Herzen stehen. Es ist gut so wie es ist und sie gehört zum Atmen dazu. Sie gehört zum Entwickeln und Scheitern. Zum Erfolge feiern und lernen. Wir müssen anecken. Aber sie endet. Ein Verfallsdatum, das irgendwann erreicht und überschritten wird. Einen alten, schimmeligen Joghurt will auch keiner mehr essen. Dann ist es vorbei und nur noch ein schlechter Aufguss einer liebgewonnen Köstlichkeit. Ein verdorbenes Dessert im Menü der Wirklichkeit. Zeit das Restaurant zu wechseln.
Du musst lächeln, als du wieder diesen einen Roman in die Hand nimmst, der dir so viel bedeutet hat. Ein paar Zeilen zum gedanklichen Abschied bis du es wieder zurück an seinen Platz schickst. Irgendwann komm ich wieder. Ich weiß es. Und du bist dann wieder da. Wir werden uns an die Fotos erinnern und die Bilder mit verblassten Parolen belachen. Aber nun muss ich weiter.
Ein Schritt weiter. Ein wenig Angst davor haben etwas zurückzulassen. So muss das aber sein. Ein bisschen Nostalgie darf man sich erlauben, ein bisschen Kitsch erheitert den Tag. Aber es verblüht die Jugend und sie bleibt nur noch eine Erinnerung im Kopf. Eine Schöne mit Schwächen wie wir sie alle kennen. Und dann greifst du zur neuen Lektüre, jahrelang im Schrank gelauert und nie gewollt. Du wolltest es auch schon wegwerfen, aber es passt auf einmal. Manchmal müssen wir erst wachsen, um zu begreifen, ob etwas richtig scheint.
Manchmal müssen wir Dinge verändern.
So ist das eben im Leben.
Und so ist es mit der Literatur.
Lass uns hin und wieder ein Bierchen trinken, ja? Auf alte Zeiten.
Jugendliteratur, es war schön mit dir.

Kommentare:

  1. Hey ;)

    Ja, es soll sogar, schliesslich ändern wir uns ja und so alles auch rum um uns rum. Unsere div. Vorlieben ändern sich mit der Zeit, nur damit man vielleicht, eines Tages, darauf zurück kommt, und wenn auch nur um einen kleinen Hauch Erinnerung einzuatmen.

    Stell dir vor wie schrecklich das Leben wäre wenn wir uns nicht verändern?! Das würde bedeuten das wir immer und ewig im selben Hamsterrad unsere Runden drehen, Angst gehört zum Leben. Aber eben die Veränderung und das Loslassen auch. Man wächst damit, wird stärker, mutiger.

    Was die Jugendliteratur angeht, nun, ich mag sie auch heute noch mit bald 45 Jahren. Aber eben, anders als noch vor 20 Jahren *gg* Und ich bin mir sicher auch du könntest, wenn du dann wieder wollen würdest, aus dieser Lieteratur etwas lernen. Schlussendlich sind die Themen gleich, ob jung ob alt. Es geht immer ums Leben, die Entscheidungen die wir treffen, um Liebe, Trauer, Loslassen, Scheitern und Erfolg! Es kommt einfach drauf an die der Autor diese Geschichte verpackt ;)

    Und wenn du dich wirklich nur noch dran erinnern magst, ist das doch auch ok!

    Das Leben verläuft in Phasen, achte mal genau darauf und du wirst sehen das nicht nur das Leseverhalten dazu gehört *g*

    Ich wünsche dir in dem Sinne, eine aufregende neue Zeit auf deiner ganz persönlich neuen Bühne ;)

    Liebe GRüsse
    Alexandra

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    1. Vielleicht will ich irgendwann ja wieder mehr Jugendliteratur. Wer weiß das :) Und genau so ist es, das Leben verläuft in Phasen. Danke für die lieben Worte!

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    2. Nichts zu danken, ich bin auf alle Fälle gespannt auf die Bücher die du jetzt vorstellst ;)

      Schönen Abend noch
      Alex

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  2. Toll beschrieben! Und sehr nachvollziehbar...
    Nach meiner exzessiven Jugendbuch-Phase bin ich recht lange in anderen Genres unterwegs gewesen, bis ich mittlerweile eine ganz gute Mischung gefunden habe, glaube ich.
    Viel Spaß beim Entdecken neuer Bücher!

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    1. Vielen Dank und kann ich mir wirklich gut vorstellen. Mal sehen wie bei mir das mal aussehen wird!

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  3. Oh, Sky, ich kann dich sehr gut verstehen! Seit dem letzten Sommer mache ich auch diese Phase durch; Neuerscheinungen auf dem Jugendbuchmarkt interessieren mich kaum noch, klingen alle gleich und schon mal dagewesen. Dafür haben es ein paar Klassiker auf meinen Nachttisch geschafft, die ich immer schon mal lesen wollte ... und die geben mir gerade viel mehr. Gerade diese Veränderungen sind aber doch toll, etwas Neues für sich entdecken ... also lies, was dir gefällt!

    Und manchmal findet dann auch wieder ein Buch aus dem "alten" Genre zu einem, das einen ganz verzaubern kann. So ging es mir z.B. erst gerade mit "Was uns bleibt ist jetzt" von Meg Wolitzer.

    Ach ja, deine Begeisterung zu "Mängelexemplar" von Sarah Kuttner teile ich auch voll und ganz! Und freue mich schon auf ihr neues Buch. :-)

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    1. Ach, Bücherdiebin!
      Mir geht es wirklich so. Zu oft gelesen und irgendwie so ähnlich. Und ich find es auch toll :)

      Interessanterweise laufe ich schon öfter um Meg Wolitzer herum. Jetzt muss ich es mird och nochmal anschauen!

      Ich muss mir das unbedingt bald besorgen. Ich war einfach so begeistert! Bin wirklich gespannt.

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  4. Sehr poetisch geschrieben und es spricht mir aus dem Herzen. Ich habe im Laufe des letzten Jahres meine Faszination für die Jugendliteratur auch mehr oder weniger abgelegt. Einige Bücher finde ich trotzdem noch gut und einige Reihen werde ich weiter verfolgen, aber den Großteil meiner Lektüre suche ich mir jetzt auch in erwachsenen Genres. Vielleicht ist das gerade eine Übergangszeit, in der man über den Tellerrand hinausschaut und in ein paar Jahren kommen wir dann doch wieder zum Jugedbuch zurück. Lassen wir uns einfach überraschen und leben und lesen solange das, was uns zusagt und weiterbringt ;).

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    1. Eben. Ganz werde ich bestimmt nicht herausstreichen. Aber es wird eben viel weniger werden. Einfach mal was Neues, was Frisches. Bisschen raus aus dem Kasten.
      Mal sehen wie das wohl weitergeht :)

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  5. Ein sehr schöner Text und absolut nachvollziehbar! Auch ich merkte im Laufe des letzen Jahres, dass ich zu alt werde für die Jugendliteratur und ich mich nicht mehr so dafür begeistern kann wie früher. Vermutlich gehört das einfach dazu, der Lesegeschmack entwickelt sich mit einem mit ..

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    1. Vielen Dank und ich denke auch. Man wird älter und dann ändert sich auch die Lektüre, genauso wie das, was man denkt und als wichtig erachtet.

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  6. Wunderwunderschön, Sky. Und ich fühl das so gut. Das "Problem" nehme ich bei mir ja auch vermehrt wahr. Aber so gut wie du hätte ich es niemals ausdrücken können. Toll geschrieben. :')

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  7. Ich find's irgendwie schön dieser Thematik inzwischen auf immer mehr Blogs zu begegnen, wir werden irgendwie alle ein bisschen älter und erwachsener ;) Umso schader finde ich, dass es so wenige Bücher gibt, die diese Leere füllen, die wir plötzlich spüren. Es geht oft direkt mit den Problemen von kaputten Ehen und Lebenskrisen weiter. Wobei ich sagen muss, dass man sich hier getrost den deutschen Autoren zuwenden kann: Sarah Kuttner, Antonia Michaelis, Rebecca Martin – die schreiben genau das, wonach ich mich post-YA gesehnt und in New Adult nicht gefunden hab.

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    1. Da stimme ich Miss Bookiverse total zu! Die Lücke zwischen Jugendbüchern und den ü30-Romanen klafft leider noch gewaltig. Zwischen Regional-Krimis, Fifty-Shades-Abklatschen und Chick-lit finde ich bei den Erwachsenenromanen im Buchladen leider selten etwas, das mich anspricht. :-(

      Die Empfehlung mit Sarah Kuttner und Antonia Michaelis kann ich deshalb nur ganz dick unterstreichen, Rebecca Martin will ich demnächst auch einmal probieren. Ich würde gern noch die Contemporary-Romane von Bettina Belitz mit auf die Liste setzen. Aber das sind leider nur wenige Namen und ich habe fast alles dieser Autorinnen schon gelesen. *seufz*

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    2. Mir geht es leider ähnlich. Das gibt es New Adult und sonst wird es sehr, sehr schwer was wirklich Ansprechendes zu finden. Amüsanterweise hab ich Rebecca Martin auch schon auf meiner Liste stehen. Bei Belitz bin ich leider noch etwas skeptisch, ob ich das lesen möchte :D Aber vielleicht ist es ein Versuch wert ;)

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  8. Ave,
    ich könnte mich meinen Vorrednern nun anschließen und anmerken, was für ein wundervoller Text das ist, aber stattdessen stelle ich einfach mal eine Frage:
    Bei dem Buch, nach dem das lyrische Ich am Ende des Textes greift, spielst du da auf ein Konkretes an? Oder ist es nur eine allgemein zu verstehende Formulierung?

    Mit freundlichen Grüßen,
    Seitenfetzer

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    1. Vielen Dank!

      Das bleibt mein kleines Geheimnis ;)

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  9. So ein wundervoller Text - ich liebe es einfach, deine Worte zu lesen, Sky. Ich liebe liebe liebe es.

    Mir geht es aktuell ähnlich. Ich lege die Jugendbücher zwar noch nciht weg, ich mag sie noch zu sehr aber ich wähle gezielter aus. Andere Schwerpunkte. Und plötzlich sind da historische Romane und Belletristik auf der Wunschliste und "Ich bin Malala" eins meiner Lieblingsbücher. Seinen Horizont zu erweitern ist etwas wundervolles, ich wünsche dir viele wunderbare Bücher und Erlebnisse auf dieser Schifffahrt durch neue Gewässer :)

    Liebe Grüße
    Tasmin

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    1. Lass dich mal fest drücken!

      Ganz auch nicht... aber es ist anders und nicht mehr so gehäuft. Ich entdecke gerade meine Liebe zu Essays und Memoiren. Vor noch kurzer Zeit wäre ich nicht mal auf die Idee gekommen sowas anzufassen!

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  10. Huhu,
    ich kann hier nur zustimmen: ein wunderschöner Text, den ich jetzt schon dreimal gelesen habe, weil ich nicht genug bekommen kann.

    Bei mir persönlich habe ich diese "Entfremdung" noch nicht festgestellt, greife momentan aber eher weniger zu Jugendbüchern (vielleicht ist schon das erste Symptom??) Aber nach deinem Artikel werd ich da auf jeden Fall mal drauf achten.

    Ich hoffe, dass du bald etwas findest, "was deine Lücke schließen kann".

    Alles Liebe, Nelly

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    1. Dreimal? Du bist doch verrückt! Danke!

      Lass es mich dann gerne wissen! :)

      Bestimmt. So viele Bücher wie geschrieben uund publiziert werden.

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  11. Hi Sky,

    ich war schon seit über einem (oder waren es schon zwei?) Jahr(en) nicht mehr auf deiner Seite - oder überhaupt einem anderen Blog - unterwegs und muss erst einmal erstaunt sagen: Dein neues Outfit gefällt mir SEHR gut! Gleiches gilt für deinen Artikel, der mir aus der Seele spricht. Als zufriedene Ex-Bloggerin zieht es mich immer seltener in die Jugendbuchecken der Buchhandlungen, wo ich mich früher fast schon zu Hause gefühlt habe. Manchmal ist so ein Jugendbuch noch ganz schön, doch irgendwann merkte auch ich einfach, dass die Identifikation mit den Figuren stetig abnimmt und der genresche Überkonsum allmählich zur buchischen Unlust führte. Wie gut also, dass es noch massig andere Literatur gibt, von Frauenroman über Sachbuch bis hin zu bis dato vernachlässigten Klassikern. Inzwischen bin ich da ein Fan vom Deutschland Radio Kultur und den dortigen Literatur-Tipps. :-)

    Liebe Grüße
    Doreen

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    1. Moment... Bücherraschung? Richtig?
      Das höre ich doch gerne :) Danke!

      Mittlerweile bin ich auch ein Kanidat der sich mal bei "Die Zeit", die Literaturkritiken auch anschaut. Dabei hab ich das mal verteufelt! Und nur gut, dass Bücher vielfältig sind und man munter einfach weiterschauen kann :)

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