Rezension: Salt to the Sea von Ruta Sepetys

24 April 2016 |

Der Untergang der Gustloff

Die Geschichte hat schon viele Schiffe untergehen sehen und eine Unmenge an unschuldigen Menschen in den Tod gerissen. Die Titanic traf ein Eisberg und tausende ertranken. Ein weitaus weniger bekannter Fall einer solchen Katastrophe ist der Untergang der Wilhelm Gustloff. Ursprünglich als Kreuzfahrtschiff im zweiten Weltkrieg gebaut, konnte es auch als Lazarett- und Truppenschiff verwendet werden und spielte in der Zeit der Flucht aus Kriegsgebieten eine wichtige Rolle. Für viele Menschen war es die einzige Chance zu überleben, doch schlussendlich wurde es von russischen Torpendos zum Sinken gebracht. Mehr als 9.000 Leuten soll der Untergang das Leben gekostet haben. Eine weitere Tragödie in der Zeit des Nationalsozialismus.
"Salt to the Sea" greift dieses Stück Geschichte auf und lässt sie aus der Perspektive von vier Charakteren erzählen, alle auf verschiedenen Fronten des Krieges. Die Länder zwischen Russland und Deutschland leben in einer Schraubzwinge und kämpfen jeden Tag um ihr Leen. Gegen Hunger, Wahnsinn und Kälte. Eine von ihnen ist Joana, eine lettische Krankenschwester, die aufgrund ihrer Abstimmung nach Deutschland reisen darf und nicht wie viele andere ihrer Landsleute dem Tod ausgeliefert ist. Mit ihrem medizinischen Wissen versucht sie den Opfern des Krieges zu helfen, auch wenn es hoffnungslos erscheint. Unter diesen Umständen trifft sie auf Emilia, ein polnisches Mädchen, welches aufgrund ihrer Abstammung für die Nazis nicht lebenswert ist und sich alleine durch die Trümmerfelder ihrer Heimat schlagen muss. Für sie ist ihr Retter Florian, ein Deutscher und Fälscher, der abgehauen ist, weil er dem Reich nicht mehr dienen wollte und mit sich etwas Wichtiges trägt. Die drei versuchen sich zu den Schiffen durchzuschlagen, an Bord zu kommen, in der Hoffnung der Grausamkeit zu entfliehen. Und dann ist da noch Alfred. Soldat, der auf der Gustloff dient und an der Organisation mit beteiligt ist. Ein Deutscher, der danach lächzt als Held gefeiert zu werden wie so viele andere junge, deutsche Soldaten. Eine Medaille für ein wenig Ruhm, das würde er gerne haben und will er die Realität nicht sehen.

Von Hoffnungslosigkeit und Trauer

Es sind vier Sichten einer grausamen Epoche, die einen oftmals schlucken lassen. Es sind die Geschehnisse dieser Zeit, die einen oftmals fasznieren und anwidern zugleich. Der Hunger, der sie wahnsinnig macht und wie sie alle Menschen verloren haben, aber weitermachen müssen. Für Trauer bleibt keine Zeit. Wenn man stehenbleibt, stirbt man auch und die Leichen pflastern ihren Weg. Ruta Sepetys merkt man dabei die intensive Recherche an. Sie schafft eine erstickende Verzweiflung, wenn Menschen sogar bereit sind nach Kindern zu betteln, weil sie damit bessere Chancen haben auf die Schiffe zu kommen. Ihre Babys versuchen an Bord der Schiffe zu werfen und diese es nicht überleben. Wie Eltern sich von Kindern trennen, Freunde verloren werden und überall die nächste Explosion lauert. Oftmals muss man die Geschichte weglegen und einfach nur kurz atmen.
Die unterschiedlichen Perspektiven greifen verschiedene Schicksale auf. Von Verlust, von Angst, von Willen gegen das Regime zu rebellieren, so gut man kann. Von der Blindheit und Vernarrtheit, die einen die Manipulation lehrt. Sie sind einzigartige Stimmen mit intensiven Geschichten von Liebe und Trauer. Charaktere, die sich einprägen und deren Schicksal einen ergreifen. Die Zeit des Nationalsozialismus war eine dunkles Kapitel für Europa und es sind die Menschen dazwischen, die am wenigstens dafür konnten. Die Juden, die Freunde waren und plötzlich deportiert wurden, Letten, die ihre Heimat verloren. Preußen, die vertrieben wurden. Polen, die von heute auf morgen nichts mehr wert waren und in die Ghettos verschleppt waren. Vergewaltigung und die dunkle Seite des Menschen. Von Leuten, von denen man glaubt, man kann ihnen trauen und einen verraten. Joana, Florian, Emilia und Alfred tragen alle diese Momente in sich, jeder individuell und doch teilen sie alle sehr viel Schmerz, der mit noch mehr Leid gekrönt. Erzählt in einem einfach und starken Tonfall, der einen sehr zu Herzen geht und einen mitnimmt, fängt Ruta Sepetys all dies ein und bleibt so nah wie es sein kann, was es dem Leser nicht leichter macht.

Der Tod ist die See

Denn als Leser weiß man, was passiert. Man weiß, sie werden auf der Gustloff landen und sie wird sinken. Man kann nur hoffen, dass sie überleben und man wünscht es sich so sehr und kann nur das Gefühl erahnen, dass sie in sich haben mussten in diesen Stunden. Hoffen und Bangen, dass ist alles was man tun kann, so wie sie viele Menschen hofften und bangten um ihr Leben mussten. Alles taten, um auf ein übervolles Schiff zu landen.
Und dann sinkt sie plötzlich und man ist als Leser ganz leer. Der Tod ist die See und sie ertrinken. Man wusste es und es tut trotzdem weh. Mitgenommen, aufgewühlt, weil man kaum glauben kann was für ein Horror dieses Szenario für alle sein musste. Wie einfühlsam und scharf Ruta Sepetys darüber schreibt. Wie viele Menschen starben und eigentlich nichts für die Umstände konnten. Unschuldig ins Meer versanken.
Man schließt die Geschichte. Ein Happy End kann man nicht erwarten. Aber man ist überwältigt, muss atmen wieder lernen. Ruta Sepetys hat hier Geschichte erzählt, lebendig, aufwühlend und realistisch. Gut recherchiert, detailreich und farbenreich, auch wenn dieses Kapitel nur die Töne schwarz und grau kennt. Ruta Sepetys ist wahrlich eine Meisterin historischer Fiktion und stellt es mit "Salt to the Sea" zu Beweis.

Fazit

Wer historische Roman liebt und die Thematik des zweiten Weltkriegs nicht scheut, ist bei Ruta Sepetys "Salt to the Sea" richtig. Hier erzählt eine Autorin gekonnt den Untergang der Gustloff, dramatisch, aufwühlend, realistisch und unglaublich gut recherchiert. Lebensnaher kann man Geschichte nicht mehr schaffen und sie erzählen. Unbedingt lesen.


★★

Penguin - Taschenbuch
  ISBN: 9780141347400 Seiten: 391 - Preis: ca. 9,60 €

1 Kommentar:

  1. Wow...du beschreibst es genauso, wie ich mich fühlte als ich das Buch las. Ich fühlte mich zeitweise hundeelend und doch fasziniert. Man schämt sich nahezu beim lesen für all diese Monster. Es ist unfassbar, was für Grausamkeiten vor sich gingen. Ruta Sepetys nimmt man sofort ab, dass der wichtigste Faktor am Schreiben für sie die Recherche ist. Einfach überwältigend.

    Lieben Gruß,
    Sandy


    P.S. Ich war übrigens so unverschämt und habe deine Rezi unter meiner mal verlinkt.

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