Vom Fallen gelassen werden und Aufstehen

20 April 2016 |

Wenn man fällt, steht man eben auf. So hat es zumindest der kleine Junge auf der Rolltreppe vor mir gemacht. Er hat nicht geschrien, nicht geweint und um sich geschlagen aus Frust. Er ist wieder auf seine Beine mit seinen drei oder vier Jahren, auch wenn er wieder hingefallen ist. Geschrien hat er erst, als er in der U-Bahn war und seine Mutter sich von ihm verabschiedete. An den Händen seiner Oma, begann er lauter zu werden, zu schlagen und seine Hand auf die Wände der Bahn zu legen, sich auf den Boden zu werfen und immer lauter seine Wut hinausbrüllen.

Verlassen werden von Freunden, Geliebten ist ein ungutes Gefühl. Es ist nicht schön, es ist nicht ästehtisch, es ist nicht künstlerisch wundervoll wie reiner Liebeskummer. Es kommt nicht mit diesen Anspruch von Melancholie, den man so schön verbalisiert und dann liebevoll in Versen schreibt. Vor allem tut es erst mal weh und dann fällt man, ganz tief und tiefer in sich hinein und kramt nach Gründen, was man falsch macht und überhaupt, warum lässt man mich denn so im Stich? Man schabt sich aus und legt sein Inneres auf den kalten, glatten metallenen Seziertisch und zerlegt Gespräche, Momente, Gefühle. Wie so oft, wenn etwas Kummer bereitet.
Die Sache beginnt wie alle dummen Geschichten im Leben, mit einer liebgewonnen Freundschaft. Die mit den Partynächten und aufeinander liegen, besoffen und vertraut, während man sich über das Gesicht streicht und dämlich lacht. Die mit weinenden Anrufen und Begeisterung, die mit Verständnis und Hände halten, sich umarmen und gemeinsam Kippen durch die Nacht tragend. Neben Wodka und Gin, die eine Clique werden. Gläser heben auf schlechte Chancen, böse Gedanken und großartigen Momenten. Mit über die Haare fahren und lachen, albern sein und Disneyfilme mit Mitte Zwanzig gucken. Albern sein, ernst sein, Zukunftsängste teilen. Ein bisschen wie verliebt sein, nur ohne Liebe...
"Du fehlst.", lese ich. Und dann ist es vorbei. Einfach so, Initimität verschwunden und man steht da wie der kleine Junge, der seine Mutter zu verlieren scheint. Sie ist einfach weg und man kann nicht in der Bahn schreien, nicht weinen, weil es würde ja keiner verstehen. Freundschaften zerbrechen eben, das ist nicht wie Liebe, die ist doch für die Ewigkeit gedacht. Die war eh doof, diese Freundschaft, sagen dir die Freunde. Hat dich eh scheiße behandelt, komm wir gehen saufen. Hör auf zu jammern, meinen die Nächsten und du willst doch nur hören, was da eigentlich so wehtut, verstehen, was da so kaputt gehen kann, verstehen warum von heute auf morgen jemand sagt, es hat keinen Sinn mehr. So wenig Sinn, dass man keine Freunde mehr ist. Warum man nicht mehr teilt und sich in fremde Gesichter betrachtet. Von heute und morgen und übermorgen, dabei ist im Spiegel doch immer noch mein Gesicht. Ist es mein Gesicht?
Wäre es eine Beziehung, dann könnte man sagen, es ist das gebrochene Herz. Da war nie was, außer der Sex und Körperlichkeit. Was soll es, dreimal drüber saufen, dreimal im Vollsuff einschlafen und die Sache ist durch. Andere Frauen sind auch schön. Andere Männer auch attraktiv. Du wirst nicht ewig Single sein, mein Lieber und mach dir keinen Kopf, ratet man mir. Hier und da zwickt es dann, aber der Strich wird gezogen. So einfach. Auch wenn es nicht einfach scheint, ein sauberer Schnitt. Herz kalt stellen und dann wieder auftauen. Es schlägt erstmal nicht mehr. Ein schöner gerader Abschlussstrich, ein Doppelstrich für die Buchführung und das Einleiten einer neuen Periode. Nur bei Freundschaften will das nie so funktionieren. Das Herz bleibt warm, weil es betrauert keine richtige Liebe. Stattdessen zermaddert es sich den Kopf über hässliche Gedanken, Sätze, die man gesagt hat, weil man will ja wieder dieses Vertraute, dieses ganz eigene Gefüge, was Emotion so bedeutend macht. Man will sagen, wenn der Dolch im Herz umgedreht wird, will schreien und in Armen liegend weinen. Warum bist du nur so weit weg? So fern geworden? Sag es mir? Mir geht es scheiße und du sagst nichts.
Aber auf jeden Frage folgt Stille und ich sitze wieder da, auf der Couch ohne meine tolle Freundschaft, die mir so wichtig war. Versetzt und verlassen. Junge, ich will auch schreien, gegen die Wände schlagen und sagen, dass es Scheiße ist mich hier so sitzen zu lassen. Scheiße, dass du mich so behandelst. Nach allem, was war, worum ich mich gekümmert habe für dich. Hast du die Bewerbung vergessen, die ich geschrieben habe? Hast du vergessen wie ich den Typen für dich abserviert habe? Hast du vergessen wie ich da war, als du traurig warst?
Man will es sagen. Der Zugang fehlt aber. Was so leicht fiel ist plötzlich so viel schwerer. Über den Kaffee gebeugt in einem fremden Café. "Lass mal treffen." Und man kramt in Vergangenheiten und hasst sich doch wieder dafür. Weil man die Antwort immer noch nicht hat. Und sich doch nicht traut. Und man verabschiedet sich wieder mit "War schön. Sollten wir öfter wieder machen." Dabei wissen wir beide, es passiert eh nichts. Was mal Freundschaft war ist nur Bekanntschaft und es brennt uns aus. Mich aus. Wenn es überhaupt noch brennt und nicht schon erlischt.
Die letzten Nachrichten, darauf reagierst der Freund nicht mehr. Sagt nichts mehr. Verstummt. Das war es also? Die große Freundschaft? Vom Scheitern und Aufstehen? Von Erfolgen und gemeinsamen Siegen? Einfach weg? Mit ein paar letzten Zeilen, darüber, dass sie nicht kommt? Nie wieder kommt und weiterlebt. Ohne mich... Seltsam wie möglich es ist. Nach allem was war, nach allen geteilten Geheimnissen. Nach vielen Worten, Gesprächen und zerbrochenen Weingläsern.
Die Nummer bleibt bestehen. Man löscht sie nicht von Freunden, nicht wie bei denen, die man geliebt hat und sich trennt. Da bleibt die Hoffnung stärker, die Trennung fällt schwerer. Man will sich doch noch sehen! Man trennt sich ja nicht. Man bleibt Facebookfreunde und hier und da, vielleicht sagt man noch "Hey! Ewig nicht mehr gesehen!". Auf Partys begegnet man sich, redet ein wenig und verschwindet wieder. Und tut so, als wäre es möglich wieder zu treffen und tut doch nichts. Ein gefaktes "Meld dich bei mir." Und man meldet sich doch nicht mehr. Es ist vorbei.

Ich steige aus der U-Bahn, das Kind läuft hinter mir. Es hat sich beruhigt, läuft einfach weiter. Es ist nichts gewesen. Wieder beruhigt. Wir lernen das schon als Kinder: Fallen und Aufstehen. Eine Trennung muss manchmal sein. Von der Mutter und man wächst damit. Manchmal muss man alleine spriezen ohne das jemand einen Wasser spendet. An manchen Tagen muss man alleine spazieren kennen. Und es bleiben auch schöne Momente. Es waren schöne Momente, hörst du? Wahrscheinlich hast du es längst schon vergessen.
Aber vielleicht... vielleicht hat ja die Freundschaft eine Chance auf ein Comeback. Eine Kleine, auch wenn man daran schon lange nicht mehr glaubt.

Kommentare:

  1. Wow! Das ist schlicht alles, was mir im ersten Moment dazu einfällt. Einer der besten Texte, die ich in letzter Zeit gelesen habe, sehr anregend. Ich habe Wort für Wort alles durchgelesen, obwohl ich eigentlich gerade schlafen gehen wollte. Du hast wahrlich Talent, Gefühle in Worte zu fassen! Ein genialer Text, der mich nachdenklich gestimmt hat! Danke dafür.
    Es ist nun mal so, dass manche Menschen uns verlassen und irgendwie müssen wir trotzdem weitermachen, weiterhin versuchen, gute Menschen zu sein.

    Ganz viele liebe Grüße, Michelle ☼♥

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  2. Tja, da schließe ich mich Michelle mal an...
    Deine Art, den Text mit Seele zu füllen, ist wirklich einzigartig. Und vermutlich jeder, der ihn liest, wird sich an irgendeine vergangene Freundschaft erinnern und jetzt endlich wissen, dass man nicht allein vor diesem Problem steht...
    Danke für deine sehr philosophischen Worte!

    Liebe Grüße,
    Henrike

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  3. Hallo :)

    Ich kann mich meinen Vorkommentiererinnen nur anschließen. Das war wirklich ein kraftvoller Text, einer dieser Geschichten, die eine Tränen in die Augen treiben und eine Mitleiden lassen, ohne selbst in der Situation zu sein. Vermutlich, weil jeder schon mal in dieser Situation war und vermutlich auch irgendwann wieder sein wird. Denn solange sich das Rad des Lebens weiterdreht, ist wohl die einzige Konstante, die wir haben, Veränderung. Alles verändert sich, tagtäglich. Wir verändern uns. Und manchmal eben auch das, was uns mit anderen verbindet. Und das tut weh. Ich weiß noch genau, wie viele Tränen ich vergossen habe, als die erste Freundschaft zerbrochen ist, nur um dann irgendwann zu merken: Vielleicht ist es auch okay. Vielleicht muss dieser Mensch gehen, um Platz für einen neuen zu machen, eine neue Freundschaft, vielleicht endlich eine, die ein Leben lang halten wird. Aber im Endeffekt ist jede Trennung eine Lektion, und jeder Schlusstrich die Linie für einen neuen Anfang. Und manchmal brennen die Erinnerungen noch Jahrelang, bevor sie eines Tages verheilen, und wie Narben Geschichten erzählen, und eines Tages vielleicht genau das sind, was dich ausmachen. Und dann kannst du vielleicht darüber reden, und vielleicht auf die Dinge sehen, die dieser Schlusstrich dir ermöglicht hat. Ich hoffe sehr, dass diese Freundschaft nicht das Ende, sondern der Anfang einer neuen Freundschaft ist, die sich jetzt noch nicht zeigt, aber irgendwann zum Vorschein kommen wird, und dann eben vielleicht eine ist, die für immer halten wird.

    Liebe Grüße und Danke für diesen fantastischen Text!
    Kücki ♥

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