Big Book Issues

21 August 2016 |
"Warum ist es nur so groß!" Ja, den Gedanken habe ich auch sehr, sehr oft und lege dann das Buch wieder zurück ins Regal. Ein bisschen wehmütig und traurig vielleicht, aber ich lasse es zurück, da kann es so laut jammern und weinen wie es will. Da bin ich hart! Ich gebe zu, ich habe Probleme mit dicken Büchern. Dieses "I like big books and I cannot lie" (aaahhhh, Ohrwurm!) trifft auf mich nicht zu und wird es auch nicht so schnell. Wenn ich dicke Dinger sehe, möchte ich eher schreiend davonrennen und mich verstecken. Wenn Freunde mir solche empfehlen, setze ich mein Psychopathengrinsen auf und versuche irgendwie unaufällig zu verschwinden. Gibt ja Leute, die stehen auf so richtig pralles Zeug, so kranke Existenzen halt (die man trotzdem lieb hat), aber ich gehöre da nicht dazu.
Die Teile haben auch ein paar schwerwiegende Nachteile. Das erste Problem ist gleich mal schon genannt und so prägnant, dass es nicht übersehbar ist: Sie sind verdammt big. Und damit meine ich nicht curvy und sexy, sondern schwer. Wenn ich Hanteltraining möchte, um meinen Bizeps zu stählen, geh ich ins Fitnessstudio. Da kann ich dann neben schwitzigen Bodybuildern und Freizeit-Fitnessmodels (#instafame) mich selbst zur Ekstase transperieren. Oder mich mit einen Buch in die Ecke setzen, Augen rollen und Kekse essen. Wobei ich mich gerade ernsthaft frage, ob man beim Lesen seinen schlaffen Oberarme ein wenig in Form bringen kann. Kann man da gleichzeitig lesen? Wartet mal. *Rumkramgeräusch* Wo hab ich nur "The Luminaries" hin... Ah, da ist es. Okay und EINS! UND ZWEI! *hustet und holt Luft* Okay... hust... anstrengend, aber nicht lesenswert ähm empfehlenswert, also nix mit lesen, da verschwimmen ja einen die Augen! Also nein, auch das Hanteltraining wird eher nix. Und da man meist in den besten Yoga-Posen liest, die man sich ausdenken kann, ist so eine Dauerbelastung auch schlecht für die Handgelenke. Ich hab genug Sport, wenn ich in der Faultierstellung durch die Seiten fetze. So! Da können mir jetzt Fitnessgurus was anderes erzählen, ich sag, die sind nicht gut für Ärmchen! Also die Bücher, die Faultierstellung schon. Ist das nicht irgendwie gemein gegenüber Faultieren? Die hängen zwar nur ab, aber das ist höchst anspruchsvolle Akrobatik! Zurück zum Text.
Dann passen die Teile auch schon nicht in einen Rucksack rein oder nur wenn man ordentlich quetscht und schiebt. Zwar ist das so anstrengend wie nach Prüfungsphasen sich in die Lieblingsjenas zu pressen und verbrennt bestimmt Kalorien, aber hat man mal den Platz zurechtgeschoben, kriegt man das Buch doch nie wieder raus ohne Konsequenzen erwarten zu müssen. Dann lässt man es lieber stecken, um nicht Gefahr zu laufen, dass sich physikalische Gesetze entladen und entweder die Tasche reißt oder man ein Erdbeben erzeugt, wenn das Buch auf den Boden klatscht. Dann sind auch noch die Bahn- und Busnachbarn genervt, weil man so viel Platz braucht, ihnen das dicke Teil ins Gesicht hält und einhändiges Lesen wird dann schon zur olympischen Disziplin. Stärkt aber dann wahrscheinlich die Muskeln. Macht auch fit für das Maßkrug stemmen. In Bayern schon eine sehr wichige Eigenschaft.
Deswegen habe ich das klitzekleine Problem diese Leute zu verstehen, die einen Tausend-Seiten-Wälzer lesen und orgasmatisch vor einen hyperventilieren und man sich zweifelnd und panisch fragen muss, ob man vielleicht einen Notarzt holen soll. Ich möchte mich da dann meistens liebevoll entfernen und in eine andere Ecke stellen und so tun, als würde ich die Person nicht kennen. Da stehe ich dann auch mit den anderen Leuten, die Big Book Issues haben. Die liebevoll über Bücher streicheln und seufzen, aber es einfach nicht schaffen Gefühle zu empfinden, der Liebe, der Nähe und oh so ein Schmerz, ach welch Schmach, das mein Herz für euch erstarrt. Vielleicht liegt der Komplex aber auch ein wenig tiefer. Denn, wenn ich so einen Schinken in der Hand habe, bin ich schon am kalkulieren:

1200 Seiten = 3 x 400 Seiten (Standardroman)

Also könnte ich drei Bücher lesen statt eins. Klar ist das unsinnig, aber es ist schöner für die innere Statistik. Yes!!! Wieder 3 Stück geschafft, gonna read'em all! Auch wenn die Gegenrechnung, also rein ökonomisch gesehen, ja ein Gewinn ist, weil man ja oft für mehr Seiten, weniger Geld bezahlt, als für drei Romane mit weniger Seiten. Paradox, aber mehr Seiten für weniger Geld. Tröstet der Gedanke mich? Nein, weil da bleibt immer noch diese Sache, dass sich da eine Geschichte über viele, viele bedruckte Fetzen Papier erstreckt. Meistens auch noch in so Minischrift und so eng, dass man beim Lesen das Gefühl hat, man kommt schon gar nicht voran. Für Brillenträger eine Gemeinheit und für Brilleverweigern und Augen-zu-Kneifer eine Tortur. Und beim Reader ist die Sache noch schlimmer, bis man da mehr als 1% geschafft hat, bin ich dreimal um den Block gejoggt. Und ich kann nicht joggen, also ich würde nur spazieren, irgendwann kriechen und meine Lunge suchen gehen müssen. Ihr versteht mich schon. Und dann steht da immer noch 1%.
Vor allem die Fantasy leidet ein wenig an diesem I-LIKE-IT-BIG-Syndrom. Da haben wir nicht nur einen Stand-Alone-Epos, sondern gleich eine Reihe mit so vielen Wörtern. Wörtern, verstehst du, so viele Wörter. Wer will denn so viel lesen! Schon klar, wenn ich in der Zeit zehn Bücher lese, komm ich auf die gleiche Wortzahl, aber es geht um Fortschritt! Bei normaler Romanlänge sehe ich Erfolg, Belohung, bin motiviert. Da hab ich was geleistet! Und so ein bisschen intrinsische Motivation durch Erfolgserlebnisse kann man schon braucheN. Selbstwirksamkeitsempfinden ist wichtig; stärkt den Charakter. Bei Tolstoi muss ich aufstehen und zwar nicht vor Begeisterung, sondern weil ich frustriert das Buch gegen die Wand schleudere, es herunterfällt und dann auch noch die geliebte Vase kaputtmacht. Aus der Frustration ist gleich Aggression entstanden und die Reue führt zu Selbstzweifeln und negativen Selbstbewertungen. Warum hab ich das getan? Wieso musste sie leiden? FÜR EIN BUCH?! Seht ihr? Die machen nur Ärger. So ein leichtes Taschenbuch hätte nicht mal diese Vase gestriffen, ihr höchstens Luft zugefächert! Warum die Fantasy ausgerechnet so viele Seiten produziert, jaja Weltenentwicklung und man muss erklären und erklären und erklären und erklären, Sprachen erfinden und denk doch mal nach, bei so vielen Völkern, da braucht man ganz viele soziologische Charakteristika um es echt wriekn zu lassen, ich versteh schon, ist mir trotzdem ein Rätsel. Noch schlimmer, für mich hat das eher was von Schwanzvergleich. Meine Bücher sind dicker, du Sack! Zumindest könnte man das bei manchen Autoren meinen. Die Autoren, die kürzere Fantasybücher schreiben kriegen schon Minderwertigkeitskomplexe, weil sie nicht vierstellige Wälzer aus ihrem Schädel kratzen.
Wobei so negativ will ich ja gar nicht mit diesen Schnuckelchen ins Gericht gehen. Man sollte immer einen Stapel dicker Bücher neben sich im Bett liegen haben. Warum? Sollte nachts jemand ungefragt vorbeischauen, könnt ihr ihn damit ein Schädeltrauma verpassen. Außerdem ist es noch eine kreative Mordwaffe, nach einen Buch sucht man eher selten, als nach Messern oder ähnlichen... Und da es Papier ist, lässt es sich gut verbrennen. Mordwaffe also weg. Das klingt ein wenig, als würde ich morden... Nein, würde ich nie tun. Niemals. Zurück zum Thema.
Dabei würde ich ja schon gerne auch mal mich mehr motivieren können, solche zu lesen. Da gibt es interessante Kandidaten, aber ich stöhne schon genervt auf, wenn ich schon sehe wie fett die sind. Das ist auch kein Book Shaming an dieser Stelle! Und Bücher kann ich nicht eben auf Diät schicken und sie zum heruntergehungerten Model machen. Wäre auch schrecklich, reicht schon, dass wir das mit Menschen machen. Wobei es gibt so kranke Sachen wie gekürzte Fassung. Das tut weh, sehr, aber es bleibt dabei: Ich hab Probleme mit Big Books. Oft hab ich das Gefühl, da ist so viel Blabla, das wäre in kurz auch gegangen. Du musst mir jetzt nicht seine Masturbation auf zwanzig Seiten schildern, ich hab schon kapiert, dass er abgeht wie ein Zäpfchen. Ja, ist ja eine schöne Schlacht, aber musst du mir jetzt jeden bewegten Finger einzeln erläutern? Ich kann mir auch so vorstellen, dass ihm das Schwert abrutscht und er sich das Auge aussticht, weil er tollpatschig ist. Von der anschließenden Sexszene mal abgesehen, die war vielleicht ganz nett, aber...
Und trotzdem... Ich mag sie lieben lernen. Books come in different sizes. Und ja, auch ihr moppsigen Bücher seid drollig auf eure Art und Weise und hübsch und besonders und wichtig. Drollig klingt blöd, ihr seid sexy as hell. Das ist wie in der Liebe: Da ist die Größe und Form doch auch scheißegal. Aber ich werde diese Probleme nicht so ganz los mit euch, dabei will ich euch doch so sehr mögen lernen. Vielleicht brauch ich eine Therapie gegen Big Book Issues. Gibt es da was von ratiopharm?

Kommentare:

  1. Hey ho!

    Ich gestehe gleich zu Beginn: Dein Artikel macht mich ziemlich baff. :D Zum einen bringt er mich echt zum Schmunzeln, zum anderen hab ich aber das Gefühl, dass man sich oft selbst beim eigenen Hobby saumäßig viel, total unnötigen Druck macht:

    "Also könnte ich drei Bücher lesen statt eins. Klar ist das unsinnig, aber es ist schöner für die innere Statistik. Yes!!! Wieder 3 Stück geschafft, gonna read'em all!"

    Das lese ich in letzter Zeit immer wieder und bin total verwundert darüber, dass echte Leseratten rigoros einen sooo weiten Bogen um dicke Bücher machen. Ich liebe dicke, schwere Bücher, aber auch ich hab manchmal keine Lust auf Wälzer und freu mich, wenn mir ein schickes 200-Seiten Büchlein vom SuB entgegengrinst. Da verstehe ich dich zu 100%. Man will ja auch nicht jeden Tag Schnitzel essen. Genre, Farbe, Seitenanzahl,... das darf schon mal ein bisschen variieren. Die "innere Statistik" sollte dabei aber voll egal sein - nach meinem Empfinden. Da macht das Motto: 'Qualität vor Quantität' doch mehr Sinn? Ein Buch nach dem anderen abzuhaken, klingt irgendwie viel mehr nach Arbeit und Druck, als genüsslich ein dickes Buch zu lesen - wie lang auch immer es dauern mag.

    Natürlich gibt's auch 1000-Seiten-Wälzer, die man auch auf 500 Seiten gebracht hätte, ohne dass Nennenswertes verloren gegangen wäre, da stimme ich dir zu. Das ist immer k****, aber da darf man nicht alle über einen Kamm scheren. Wenn sich ein 1000-Seiten-Buch anfühlt, wie ein superschmales Büchlein und du dir dann noch denkst: ICH WILL MEHR! - dann hast du ein richtig gutes Buch in der Hand. Ich hoffe, du findest genau so ein Buch, kommst auf den Geschmack und entdeckst die Liebe zu monströs dicken Schmökern. <3 Und wenn du dir das Hanteltraining dadurch auch noch ersparst, umso besser...

    LG, Nana

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    1. Ist wohl auch eine Krankheit der Neuzeit: Effizenz ist das höchste Gut und muss wohla uch auf Büchern stattfinden. Man macht sich ja mit allem heutzutage Druck :D Aber stimmt, weniger innerer Druck würde helfen auch mal den Wälzer zu lesen ;)

      Also, ran an das Buchyoga oder so ähnlich.

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  2. Ach wieder mal ein Post, den man einfach lieben muss. Super toll geschrieben, das steht fest und ein spannendes Thema noch dazu!

    Was die dicken Bücher angeht, so bin ich immer etwas zwiegespalten. Einerseits mag ich sie ganz gerne, weil man viel länger mit geliebten Charaktere verweilen kann. Gut, das ermöglicht einem auch eine Buchreihe. Und dann hab auch ich diese kleine fiese Stimme im Kopf. Die mit der innere Statistik. Gerade seit ich blogge, schaue ich mir immer wieder "meine Zahlen" an.

    Ich denke, durch deinen Post angestoßen, werd ich mal wieder einen rictigen Wälzer in die Hand nehmen. Die haben nämlich schon auch etwas für sich :)

    Alles Liebe, Nelly

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    1. Ich glaube eh, dass es öfter Blogger betrifft, weil wir ja immer meinen, wir müssen möglichst viel lesen und auch dazu schreiben zu können.

      Sollte ich auch mal wieder tun :D

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  3. Ich liebe einfach deinen Stil! Du schreibst so herrlich echt und ich kann mir dich bildlich vorstellen, wie du Haare raufend an der Tastatur sitzt und dem neben dir liegenden Wälzer einen bitteren Blick zuwirfst, während du dir deinen Frust von der Seele tippst. :)

    Ich lese gern auch mal die dicksten der dicken Bücher, habe aber größere Probleme mit großen Formaten. Also, dieses Begleitbuch zu Game of Thrones zum Beispiel habe ich gern gelesen, aber das ging eben nicht in jeder Yogapose, weil es groß wie ein Atlas ist. Taschenbücher, und wenn sie eben 1000 Seiten haben, sind dafür dann doch noch besser geeignet.
    E-Books lese ich schon gar nicht, wenn sie mehr als 300 Seiten haben. Da fehlt mir tatsächlich das Fortschrittsgefühl. Ich bin eher der Print-Typ.

    Ein anderer Aspekt ist allerdings: Wenn ein Buch weniger als 100 Seiten hat (und tatsächlich unter dem Namen "Buch" und nicht "Heftchen" läuft), bin ich viel häufiger unzufrieden.

    Langer Rede kurzer Sinn: Ich kann deine Perspektive sehr gut nachvollziehen, bin selbst aber ein Mensch, der die dicken Schmöker bereits lieben gelernt hat. Vielleicht gelingt dir das ja auch einmal, und falls nicht: Es gibt noch genügend dünnere Bücher, die dir das Leben versüßen können! :)

    LG, Henrike

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    1. *wirft dramatisch Buch aus dem Fenster* Ja, so bin ich eben.

      Wenn es zu kurz ist, bin ich auch wieder unglücklich, da hast du Recht!

      Ich hoffe doch, es ist ja jetzt Herbst, da kann man sich schön in die Decke einkuscheln und verschwinden.

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    2. Dann wünsche ich dir viel Spaß mit Decken, Tee / Kaffee und Bü- Moment, hast du noch mehr dicke Bücher, oder war das, das aus dem Fenster geflogen ist, das einzige?

      Du kannst ja den Kleinen Hobbit lesen. Da hast du ein dünnes Buch, das du viel schneller durch hast als die dreiteilige Verfilmung. Aber das ist ja wieder ein gänzlich anderes Thema...

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  4. Hallo und guten Tag,

    hey, was für ein netter Beitrag zu diesem Thema…aber ich gehöre eindeutig auch eher zu den dünn Leserin…….mich nerven dicke Wälzer einfach nur.

    Denn meistens …wird unnötig in die Länge gezogen.

    Schönen Mittwoch..LG..Karin…

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  5. Guten Morgen!

    Ich liebe Wälzer! Bei mir können Bücher gar nicht genug Seiten haben und ich bin eher eine, die dünne Bücher nicht beachtet - ich überleg mir dann immer, wie auf so wenig Seiten eine gute Geschichte rübergebracht werden kann??? *g* Aber jeder wie er mag :)

    Deinen Beitrag hab ich übrigens heute in meiner Stöberrunde verlinkt!

    Liebste Grüße, Aleshanee

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  6. Ich verstehe deine Probleme völlig. Unterwegs wirklich die Hölle, darum habe ich für Zugfahrten immer eine Zweitlektüre dabei, wenn mein eigentliches Buch zu dick ist.
    Das Hauptproblem ist aber wirklich der Fortschritt, den man nicht sieht. Beim Reader finde ich das schon bei normaldicken Büchern schlimm, aber bei Wälzern gehts gar nicht. Ich habe eine Sammlung mit allen Jane Austen Romanen und du kannst dir wohl denken, wie viele Seiten das insgesamt sind und wie wenig man da in den Prozenten voran kommt.
    Ich versuche aktuell aber auch meine Angst zu besiegen und lese die A Song of Ice and Fire Reihe. Ich bin jetzt bald mit Band 3 durch, der stolze 1128 Seiten hat und ich werde unglaublich erleichtert sein, wenn ich es nach monatelangem Lesen dann mal hinter mir habe, auch wenn die Bücher super sind. Ich habe einfach das Gefühl, überhaupt nichts zu schaffen, dabei ist mir im Endeffekt ja ziemlich egal, was am Ende des Monats in meiner Statistik steht. Es gibt einfach so viele andere Geschichten, die ich in der Zeit hätte lesen und genießen können und das stört mich :D
    Schöner Beitrag!

    Liebe Grüße,
    Jacqueline

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