Irgendwann sind die Prüfungen vorbei

08 August 2016 |
Da sitze ich da, die Sonne scheint durch das Fenster und der strahlendblaue Himmel lächelt einen an. Ein Eis wäre ganz lecker, vielleicht fahr ich mal wieder zu einer Freundin. Ich war schon länger nicht mehr am See, auch wenn ich wahrscheinlich das T-Shirt nicht ablegen könnte. Aber See, zumindest ein paar Zigaretten und ein Radler. Das muss doch gehen. Und dann dreht man sich von der Natur und der Sonne weg und da ist nur noch ein Stapel Papier, abgenutzte Stifte, voller Wut und Verzweiflung durch den Raum geworfen. Da klebt ein wenig Blut auf der Tischplatte, am Seitenrand des Gesetzesbuches geschnitten, gestern noch. Zu faul zum Wegputzen. Sieht eh keiner. Daneben ein paar runde Kreise, Kaffeekreise, die fast schon eine Art Olympiazeichen bildeten. Ein kleine Olympiade des Bulimielernens. Wer mehr in sein Hirn pressen kann, ohne dass der Kopf explodiert, hat gewonnen.
Ich weiß nicht, wann der Schreibtisch zuletzt gewischt wurde. Vom Staub in den Ecken liegt die Wahrscheinlichkeit, dass gewischt wurde gerade mal bei 1% oder weniger. Ihr Grenzwert geht gar gegen Null. Genauso wie meine Gedanken immer weiter gegen 0 gehen. Die Effizienzkurve schneidet sich nicht mal im Ansatz im Idealpunkt des Modells, sondern rutscht bodenlos an der x-Achse vorbei und bewegt sich immer weiter mehr ins tiefe Tal des Minuses. Ein Schweinezyklus. Mein Kopf hängt dem Prüfungsstoff immer ein wenig hinterher.
Ich schaue nochmal aus dem Fenster, irgendwie ist es schon wieder dunkel geworden und ich knipse das Licht an. Es flackert, wahrscheinlich wegen der Mehrfachsteckdose in der das Tablet, der Laptop und diese arme kleine Lampe sich den Strom teilen. Der Textmarker strahlt seltsam im hellgelben Licht. Ob das überhaupt Sinn macht, diese Passage zu markieren? Die zwei Seiten vorher hab ich auch vollgeschmiert. Ich weiß nicht mal mehr eine Zeile wiederzugeben. Die Bachelorarbeit ist doch mittlerweile eh Schrott. Wer will das schon lesen. Löschen, löschen, löschen. So kannst das nicht schreiben, das ist schlampig formuliert. Mir fällt nix ein wie ich die weiterformulieren kann. Ach, das macht doch alles keinen Sinn mehr. Der Textmarker tanzt immer noch über das Papier und irgendwann kurz vor Mitternacht gebe ich auf. Mein Hirn ist mal wieder besiegt und ich schau mir nicht ins Spiegelbild, lieber nicht, die Augenringe erschrecken mich jedes Mal wieder viel zu sehr. Und da ist schon wieder dieser stetige Hunger nach was Süßen. Eine kleine Belohnung, irgendetwas was mich extrinsisch motiviert. Intrinsische Motivation... Wie kann ich das Thema in meine Bachelorarbeit packen?
Mein Handy vibriert. Ein leicht betrunkene Nachricht, ob ich nächste Woche Bock hab wieder in die Kneipe zu gesehen. Ich sage zu, dabei weiß ich schon, dass ich an diesem Tag wieder vor irgendeinem Text sitze und sinnlos durch Phrasen zerre. Meinen Geist durch Zeilen schleppe wieder und wieder bis er ganz zerkratzt ist. Der merkt sich eh schon lange nix mehr. Nur alles fragmentiert, aber ich hab noch nicht die Einstellung zum Defragmentieren gefunden.
"Alles okay?" Müssten da nicht die Alarmglocken gerade zu zerbersten in einem drinnen, wenn das selbst schon Kommilitonen sagen, die man eventuell nur einmal in der Woche sieht? Bei denen die Gesprächsthema höchstens das Seminar von letzter Woche war? Schaut man schon so komisch aus? Denkt bestimmt, es ist was Schlimmes passiert und deswegen bin ich so kalkweiß und atme zu viel Luft ein bei der Treppe. Ich schiebe es auf zu viele Zigaretten, dabei sind es weniger geworden. Finde nicht mal Zeit mir eine Kippe anzustecken. Vielmehr ist es die fehlende Bewegung. Meine Gelenke tun manchmal schon weh, weil sie in verqueren Positionen auf den Schreibtischstuhl plattgedrückt werden. Wie trainiert man eigentlich Sitzfleisch? Sport? Wer macht schon noch Sport, wenn er diese Zeit noch nutzen kann die Hausarbeit Korrektur zu lesen. Kurz vor Mitternacht mach ich das nicht mehr, dieses Schwitzen, wahrscheinlich würde ich eh einfach nach fünf Minuten tot umfallen. Wahrscheinlich tue ich das auch schon so, wenn ich mich nicht rückwärts vom Schreibtischstuhl direkt ins Bett fallen kann.
"Du, die Präsentation haben sie vorverschoben." Ihr wollt mich verarschen, oder? Dann muss ich jetzt meinen Bachelorarbeitsbericht und die Präsentation gleichzeitig anfertigen?! Insgeheim möchte ich eine Bombe in die Biblothek werfen, als ich verzweifelt versuche die Bücher zu bekommen. Nix und dann noch angemault vom Personal. Ja, komm, ach fickt euch. "Ja, geht nicht anders..." Meine Finger massieren vorsichtig meine geschlossenen Augen. Neu, dass Augen schmerzen können, Augen müde werden. Das ist nicht neu. Aber das Gefühl, dass sie zerfallen, das ist neu.
"Okay.", war alles, was ich dazu sage und steige in den Zug Richtung Heimat. Drei Stunden Verspätung. Ich darf mich nicht aufregen. Im Kopf ist der Schlachtplan, auf dem Handy schau ich die ersten Infos für die Präsentation nach und schmeiß mir daheim die Tiefkühlpizza in den Ofen. Ein Königreich für die Fertigproduktindustrie. Jeder Ernährungsberater zündet mir eine Kerze an. Mir verbrennt fast das Teil, als ich die Powerpoint oben habe. Die Jogginghose ist mein Freund geworden, die Haare stehen schon von selbst im 67-Grad-Winkel. Für Styling ist keine Zeit. Und für wen auch?  Ist das heute schon Kaffee fünf, sechs oder schon sieben? Ich hab vergessen zu zählen, während ich noch alle Grafiken einbaue. Und ehe man sieht, ist es auch schon wieder Samstag. Herzinfarkt. "Ich kann nicht kommen.", schreib ich wieder, selbst wenn ich Zeit gehabt hätte, war ich zu müde, zu abgekämpft und schlief einfach ein. "Schade, mach nicht so viel ja." Ich nicke, lege das Handy nur wieder weg. Weggehen? Nicht mehr möglich.
Mir klopft im Halbschlaf eine Studentin auf die Schulter. Ich erschrecke ein wenig. Eine Kämpfergeste. Ich hatte aus dem Fenster geguckt, einfach in die Leere hinaus.  "Es ist bald geschafft." Wir lächeln uns zu. Selbe Belegung, in der selben Mannschaft, die noch rudert, heben wir uns auf, wenn wir irgendwo herumliegen, in der Bahn halb einschlafen. Wir sprechen kaum ein Wort. Es ist anstrengend Worte finden zu müssen und sie zu artikulieren. Viel zu anstrengend. Worte sind für das Papier, für das Paper, für irgendeinen anderen Mist. Immer mehr lässt die Kraft nach und dann wirft man all die ungenutzen Ideen für Hausarbeiten, Papers, Präsentationen, Konzepte durch den Raum. Und bleibe stehen. Warum mach ich das hier überhaupt noch?
"Du, ich hab da Karten für Shakespeare." Mein Herz bebt ein wenig. Den To-Go-Becher fest umklammert. Vorhin noch die Master-Bewerbung abgegeben und halb gestorben, als der Sekretär meinte, da fehle etwas. Dabei hat er es nur übersehen. Arschloch. "Willst du mit?", fragt sie. Ich nicke. Ich würde so gerne Shakespeare sehen und so richtig freuen kann ich mich nicht. Passt meine Bewerbung? Ich hoffe die Forschungsarbeit, die ich mitschicken musste genügt und es reicht aus. Hoffentlich klappt es. Was wenn nicht? Was mach ich dann? Nicht nachdenken, gib diesen Ängsten jetzt keinen Raum. Es lähmt... Wann hat sie eigentlich nochmal? Egal, ich frag sie noch, irgendwann, wenn ich Zeit und Nerven dafür habe. Eines Tages vielleicht. "Ja oder nein?" Mein Blick ging durch sie hindurch und ich setze mich auf die Bank, nimm eine Kippe aus meiner Jackentasche. Ich schüttele kurz den Kopf. Mein Verstand sagt nein. Mein Herz sagt ihr: "Ja." Und so stehe ich da, verabschiede mich wieder, werfe mich an das nächste universitäre Projekt, verbringe Samstage und versuch die letzen Ausläufer des Bachelorstudiums unter einen Hut zu bringen. Es ist ein verdammter großer Hut und am liebsten hätte ich doch einen Chapeu Claque, falte ihn zusammen und werf ihn wie ein Frisbee davon. Mit all den ganzen Schrott da drinnen.
Aber das geht nicht... Denn die wollen mich sprechen, für den Master. Wollen mich erst nochmal prüfen. An allen Fronten höre ich hier Gefeier. Sie sind durch, durch, durch und ich wieder an der Klippe. Ich gebe meine Bachelorarbeit ab, werfe sie ihnen hin und sitze da, lerne Satz für Satz für diese Aufnahmeprüfung. Passen die Zahlen? Passt, was ich sage? Keine Themaverfehlung. Nochmal ganze sechs Semester pauken. Sie könnten alles fragen. Wirklich alles. Ich bin doch nur so ein Durchschnittsstudent, die nehmen mich nie. Nie...
Es ist nicht der Wunschdozent, der mich prüft, aber ich bin durch. Ich falle einer Freundin um die Arme, als sie wartend vor dem Zimmer steht. Ich hab es geschafft. Master. Angenommen. Fuck, ich hab es geschafft. Doch die Pause ist noch so fern. Und dann sitze ich da, für die letzen Prüfungen. Der Rücken ein wenig krumm. Die Waage drei Kilo schwerer, es liegt aber auch immer an diesen Waagen, die zunehmen. "Was ist mit Shakespeare?" Ich muss verneinen, ich brauch die Nacht. Mir bleiben nur drei Tage für die Prüfung, hab davor keine Zeit gefunden, weil hier was abgeben, da was schreiben. Es tut mir leid. Ich tu mir leid. Mal wieder abgesagt, aber es ist bald vorbei. Du musst nur noch diese Klausur überleben und du hast es geschafft. Bachelor durch, alles gut. Ob bestanden, egal, du hast noch Versuche und darfst trotzdem in den Master. Einfach überleben. Einfach nicht ertrinken, die letzten Meter gehen doch auch noch.
Die Klausur eine Katastrophe, ein Meer an Gesetzen in dem ich ertrinke und nichts mehr verstehe. Ich gebe ab und geh raus, sehe ein paar Kommilitonen, geh auf sie zu und merke selbst wie klein meine Stimme auf einmal wirkt. So zerschreddert und leblos. An mir läuft ein Mitstudent vorbei, den ich seit Beginn kenne. Er sieht mich nicht mal. Erst nachdem ich ihn anspreche und mich verabschieden will. Er sah fast durch mich hindurch. Ich bin so unendlich müde.
Im Zug wird mir schlecht, der Kopf dröhnt und die Spiegelung im Fenster des Zuges ist ungnädig. Ich will einfach nur noch heim. Und ich werfe mich ins Bett und lache ein wenig. Jetzt ist es vorbei. Eines Tages sind die Prüfungen vorbei und heute hast du es durch. Bachelor, unabhängig vom Ergebnis, done. Done! Wuhu, Party... Aber statt zu feiern, mich aufzuraffen und einfach Party zu machen, bleibe ich liegen und grinse ein wenig. Drei Jahre und wieder eine Etappe geschafft.

Dann schlafe ich einfach ein.

1 Kommentar:

  1. Ja, verdammt. Genau so fühle ich mich jede Prüfungsphase. Minus Bachelor und Hausarbeiten und Masterstress. Dafür habe ich Prüfungsangst (also sagt der Plüschologe, ich sage dazu Blackout).
    Nach jeder Klausur schlafe ich immer erst einmal so 12h am Stück und den meisten meiner Kommilitonen geht es auch so.
    Toller Post auf jeden Fall!

    Alles Liebe,
    Lena,
    die jetzt die Semesterferien in vollen Zügen genießt.

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