Rezension: More Than This von Patrick Ness

10 August 2016 |

Das Leben nach dem Tod

Verzweifelt und vom Gefühl allein gelassen zu sein sieht Seth nur einen Ausweg und wirft sich ins Wasser. Doch statt vollständiger Dunkelheit, erwacht er wieder. Nackt und an einem Ort, der ihm seltsam bekannt vorkommt. Aber sollte er nicht eigentlich tot sein? Ist das die Hölle? Das Fegefeuer? Wo ist er hier gelandet?
Es ist das Haus in dem er aufgewachsen ist, in dem er aufwacht. Das Haus in England, von dem sie weggezogen sind. Warum ist er ausgerechnet hier wieder? Die Straßen sind leergefegt, kein Verkehr, kein Leben. Niemand mehr hier, außer er selbst. Ist das nur die Wartestelle vor dem eigentlichen Tod? Oder liegt dahinter mehr?

Die erste Szene, ein Junge der ertrinkt, der sich das Leben nehmen will und schon sitzt der Kloß tief und fest im Hals. Die Fragen türmen sich auf: Warum wollte er sich umbringen? Warum ist er nicht tot? Wo ist er überhaupt?
Und dann geht es schon los. Seth sucht nach der Wahrheit, nach der Wahrheit dieses Ortes und fängt an zu reflektieren, die verlassene Welt zu erkunden in der niemand mehr zu seien scheint. Es hat etwas von Apokalypse, die Menschen verschwunden und auch die Natur kommt nur zögerlich durch die stillgewordene Landschaft. Ein Setting, welches die Science-Fiction aus dem Grundlagenkatalog kennt. Schnell macht das Gefühl der Leere sich breit, eine nachdenklich machende Leere, die auch dem Protagnoisten ziemlich nahe nimmt. Immer wieder wird er von Erinnerungen eingeholt, die sein Leben beleuchten, häppchenweise, in kraftvollen Flashbacks, die einen nicht ruhen lassen bis man alle Puzzlestücke kennt.

Die Suche nach dem "Was zur Hölle?!"

Klingt nach nicht viel, nach tausendmal erzählt. Noch so eine Geschichte in einer apokalyptischen Welt, er wird Leute treffen und erfährt die Wahrheit und dann kommt die Hoffnung und alles super. Moment, aber das ist das Leben nach dem Tod. Keine Apoklypse, also eine Reproduktion des Unterbewusstseins? Lebt Seth noch und liegt vielleicht nur im Koma? Wir lesen weiter und bekommen keine weiteren Fragen, kommen seinem Motiven aber immer näher und die Welt entblättert sich ganz fein, ganz vorsichtig und entgleitet einem wieder. Was zur Hölle?! Das kann nicht sein, sagt man sich und erschreckt plötzlich vor dem Tempo, der Allegorie. Ist das doch der Tod? Könnte so ein Leben nach dem Tod aussehen?
Wir machen weiter, stoßen auf Leben, Überreste und sind immer noch nicht schlauer, bekommen neue Aspekte. Da sind doch noch Menschen, andere Charaktere und ihre Schicksale wirken schwer. Das Gedankenspiel geht weiter. Vielleicht doch ein ganz anderer Weg? Und auf einmal wird eine klar, was Patrick Ness mit einem macht. Er spielt mit seinem Leser und das auf unglaublich hohen Niveau. Er lehrt uns das hinterfragen, das hyopthesieren und überdenken. Ist es möglich oder nicht? Und wenn nicht, kann das alles nur in unserem Kopf sein? Ist da mehr vom Leben, als wir glauben?

Sprache trifft auf Philosophie

Dazu setzt er gekonnt Sprache ein, einen phantastischen Stil aus wundervollen Bildern, Gespür für Gedanken und Dialoge. So viele starke Momente, wichtige Vergangenheitsfragmente, die sich Zähnchen für Zähnchen zu einer Maschinerie bewegen. Emotionen, die man nicht erwartet und was so zaghaft beginnt, wird eine Frage der Schuld, eines Missverstanden-fühlen und wann ist man egoistisch und wann muss man sich die Schuld überhaupt geben? Hat man überhaupt Schuld oder ist das elendes Selbstmitleid? Wo ist die Grenze, wer passt auf mich auf und warum ist alles so?
Alle Charaktere sind geprägt von schwierigen Lebensphasen und wir müssen sie alle hinterfragen. Allgemein sind Fragen geradezu das Grundmotiv der Geschichte. Ein einziges philosophisches Gedankenspiel mit Antworten, die man so nicht erwartet. Sie kommen in Aktionen, in Worten und dann wieder nicht. Klingt verwirrend? Ist es auch und das auf so spielerische Art, dass man weiterlesen muss.
Denn was bietet "More Than This" bei diesem Hintergrund? Schlussendlich entwickelt sich aus einer einfach so still schweigenden Geschichte, zentriert auf den Protagonisten, eine tragische Geschichte über Schuld und dem Gefühl von allen in Stich gelassen zu werden. Da dreht es sich um Sexualität, um Wahrheiten und ignorantes Verhalten, darum wie wir uns in anderen täuschen und das wohl Wichtigste, wie wir mit solchen Momenten umgehen. Mit Enttäuschungen, verletzt werden. Wem vertrauen und mit wem reden? Wo kommt denn jetzt die Moral her? Die ist geschickt eingebettet, so perfekt, dass man sie kaum gesehen hat und dann zu spüren bekommt durch einzigartige, liebevolle Charaktere mit Herz und der gewissen Prise Eigenständigkeit, die vielen Autoren fehlt. Schöne Sätze, große Antworten und manchmal eben Stille, die man selbst füllen muss. Sätze, die man ergänzen darf und ein bitterböses Ende. Oh, dieses Ende, welches einem keinen Ausgang gibt, sondern offen lässt, wohin die Reise geht. Uns entscheiden lässt und die Frage, die er anfangs stellt (Was ist dieser Ort?) offen hängen lässt. Und dabei die Frage der Moral uns überlässt. Was ist dir also wichtiger: Dich der Sache stellen oder ihr zu entfliehen? Das Beste ist es "More Than This" selbst zu lesen.

Fazit

"More Than This" ist großes Kino. Ach, was sag ich, es ist ein philosophisches Gedankenspiel über das Leben nach dem Tod, ein trauriger Roman, ein berührender Roman und gleichzeitig einer, der vor lauter Allegorie auch noch das Leben selbst beschreibt. Patrick Ness, was können Sie eigentlch nicht schreiben?!

★★

Candlewick Pres - Taschenbuch
  ISBN: 978076367209 Seiten: 472

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