Rezension: Morgen ist es vorbei von Kathrin Weßling

08 September 2016 |

Liebe ist ein wildes Wesen

Auf der Suche nach der Liebe fällt man, stolpert man, hustet sich die Seele aus dem Leib und schaut sehnsüchtig mit Zigarette im Winkel den schönen Momenten nach. Man haucht, man stöhnt, man schreit innerlich, man zerbricht, zerfällt und irgendwann bleibt nur noch der Wein, des Glases nicht mehr wert, und hat diesen Blick, sieht alles mit diesen heruntergeklappten Augen an. So eine komische Mischung aus Melancholie und Selbstmitleid. Nennt sich Liebeskummer, ist unschön, fühlt sich an wie kleine Explosionen im Herzen. Und niemand fängt so wundervoll diesen inneren Krieg mit sich und seinen Gefühlen besser ein, als Kathrin Weßling in ihrer Sammlung an Geschichten.
"Morgen ist es vorbei" erzählt vom alleine sein, vom Sehnen nach mehr und kurzfristigen Gemeinsamkeiten, die wieder verpuffen, wenn es ernst zu sein scheint. Von Liebeleien und vom Möchtegern-Verliebtsein, von ins Bett gehen und wieder alleine sein, ins Bett gehen und zu zweit alleine sein. Da werden Tränen vergossen, am Bordstein das Bier geleert und einfach weiter gemacht, egal wie kaputt man innerlich eigentlich dadurch ist. Denn eins ist die Liebe: eine Katastrophe und ein sehr unordentliches Gefühl, was sie so schlecht beherrschen lässt. Ein wildes Wesen eben. Und Weßling lässt das einen mit jeder Zeile geschliffener  Alltagspoesie spüren, gepaart mit plötzlich auftretenter Direktheit, Schmerz und Wut, dass jeder Messerstich ein Dreck dagegen ist. Dabei bleibt sie nicht bei einer weiblichen Perspektive, bei verspielten, schüchternen Mädchen, die vom Prinzen träumen. Gibt sich keinen hässlichen Klischees hin, sondern bohrt im richtigen Leben rum. Persönlichkeiten wie man sie eben tatsächlich kennt mit all ihren Seltsamkeiten sind es, die sich hier in das Projekt Liebe werfen. Für die Klischeeliebe ist eh keine Zeit, vielmehr beschreibt sie Menschen aller Art, die aus verschiedensten Umständen aufeinandertreffen. Mal witzig, mal praktisch, mal fast etwas magisch und doch einfach. Von zufälligen Begegnungen, kleinen Blicken bis hin zu großen Orgasmen. Von dunklen Stellen, zwielichtigen Gestalten und falschen Gesichtern. Die männliche Perspektive beherrscht sie so perfekt wie die Weiblichkeit, die leichte Romantik so sehr wie tiefschwarze Melancholie und man fürchtet jede Zeile, die man liest.

Kummer im Konjunktiv

Denn egal in welcher Situation sich die Charaktere in den einzelnen Geschichten befinden, man findet auch immer wieder ein Stück von sich selbst darin. Ein kleines bisschen Emotion, eine längst vergessene Erinnerung oder indentifiziert sich mit Wunschdenken, mit Gedankengängen und Berührungen. Doch nicht alle Geschichten beschreiben nur das Scheitern von Liebe, das verloren gehen und das erste euphorische Gefühl, mancher Text ist sehr sehr schwarz und geht in Abgründe hinab, die man erstmal schlucken muss. Manches Ende ist wie ein Pistolenschuss, andere glätten sanft aus. Man ist überrascht von der Aggressivtät, von dieser Zuschaustellung und hat das Gefühl, da hat sich jemand vollends entblättert. Da hat jemand seinen ganzen beschissenen Kummer genommen, seine ganzen Gedanken und Momente und sie in diese Geschichten gegossen. Und das ist die große Stärke von "Morgen ist es vorbei". Kummer im Konjunktiv mit all seinen, aber wenn und doch und warum hab ich nicht. So real, dass es Menschen, die darunter leiden fast zerfetzt und die mit ihren Seelenpartner noch fest um ihn nklammern lässt.
Es sind Geschichten, die einen bewegen, an deren Enden man das Buch auf die Seite legt und erstmal durchatmen muss, so intensiv und berührend krallen sie sich ins Herz. Man starrt selbst an die Decke wie die Figuren und befindet sich plötzlich mittendrin in dieser Kausalkette aus schlaflosen Nächten, zu viel Alkohol und Hinterherjammern. Da rast das Herz und man muss atmen, sich wieder frei machen, bis man wieder bereit ist für den nächsten Trip. Mal kurz durchblättern kann man Weßlings Buch daher nicht, es braucht Zeit, Ruhe und den richtige Stunde. Doch man bekommt dafür Geschichten, die aus einen geradezu sprechen und auf Papier bringen, was man oft selbst nicht auf die Reihe bekommt. Wer kennt nicht diese Gefühl, wenn alles zerbricht und die Liebe zuschlägt und einen fest statt sanft und flauschig die Fresse poliert.
Eine Sammlung von Kurzgeschichten über die Liebe, die dunkel gefärbt sind und sich mit der Schattenseite beschäftigen, sie beleuchten und sie präsentiert. Ehrlich, pointiert und herzerwärmend und schmerzend zugleich.

Fazit

Nie war Liebeskummer und das Drama dazu authentischer und schöner verpackt als in "Morgen ist es vorbei". Manchmal ernst, manchmal ganz scheu und dann wieder geradezu brutal schlagen die Geschichten im Schädel ein. Da hat Kathrin Weßling ihr ganzes Herz ausgekippt und man muss ihr dafür einfach danken und verflucht sie ein bisschen, wenn man sich die eigenen aufsteigenden Tränen aus den Augenwinkel wischen muss.

★★

  Luchterhand  - Klappenbroschur
  ISBN: 9783630874944  Seiten: 208

1 Kommentar:

  1. Huch, da lese ich den neuen Facebookpost von Kathrin und dann sehe ich auf einmal Skys Buchrezensionen verlinkt. :) Sehr tolle Worte, ich selbst liebe ihre Texte. auch wenn ich das Buch leider noch nicht gelesen habe.

    Wie geht es dir denn? Klingt es gruselig, wenn ich dir sage, dass ich vor etwa zwei Wochen von dir geträumt habe? Ich habe dich auf meiner Uni getroffen, haha. :D
    Ich bin derzeit verzweifelt auf Zimmersuche in Kassel - in der allergrößten Not hat mir jemand schon seine Schlafcouch angeboten, aber naja, wäre schon nett, wenn ich eine richtige Bleibe hätte und nicht monatelang Couchsurfen muss.
    Du bist im letzten Studienjahr, oder? :)

    Liebe Grüße
    Deniz

    AntwortenLöschen