Rezension: Wir kommen von Ronja von Rönne

20 September 2016 |

Schöne Sätze auf dünner Handlung

Man kommt kaum an ihr nicht vorbei, dieser neuen, jungen Stimme des Feuilletons, welche mit ihren flapsigen und vor Poesie strotzenden Stil sich ihre Leserschaft erobert hat. Ein bisschen Metamädchen. Mit kleinen Texten und Debatten wurde sie schnell bekannt. Vielleicht auch ein wenig zu schnell, dass sie nicht ganz mehr Schritt halten konnte mit den Schuhen, die er gegeben wurden.
So scheint es zumindest mit "Wir kommen" zu sein. Ein Roman über die Oberflächlichkeit in einer Viererbeziehung und den Versuch Nähe zu heucheln, wo schon lange nichts mehr ist und mit Charakteren, die sich insgeheim gegenseitig ankotzen. Die ganze Misere dreht sich um Nora, die mit ihrem Besuch beim Therapeuten die Aufgabe bekommt akribisch aufzuschreiben, was ihr so den ganzen Tag passiert, um herauszufinden, was die Panik, die sie jeden Morgen verspürt, denn nur auslöst. An sich ein guter Startpunkt für eine Geschichte, die sich damit kurzerhand frei macht von allen vorgegebenen Einschränkungen. Es geht um jemanden, der Probleme hat und sie einfach trotzig auf den Punkt bringt, einerseits um zu zeigen, so schlimm ist es vielleicht doch nicht und wiederum genau das durchscheinen zu lassen. Eine Erzählerin, die sich gegenüber anderen unbewusst eben rechtfertigt, aber es irgendwie auch nicht muss, liest ja keiner außer ihr Therapeut, den darf man ja ehrlich sein.

Polyamorie und Oberflächlichkeit

Der Plot dazu bleibt aber dünn. Denn Nora sitzt in einer Viererbeziehung, eine Kombination, die eben so passiert ist. Polyamorie scheint eben manchmal das Richtige zu sein und schlussendlich sind sie doch in der Oberflächlichkeit ihrer Gefühle gefangen. Um das ganze Gerüst vor dem Zerbrechen zu bewahren, fahren sie ans Meer, das hat doch schon früher immer gut geklappt, und so versuchen sie eigentlich zu retten, was verloren scheint. Im Gebäck eine Schildkröte und die Vergangenheit.
Denn zuvor hat Nora noch erfahren, dass Maja tot ist, aber dass kann gar nicht sein, denn Maja war doch die Kindheitsfreundin von Nora, eine die sich immer durchgesetzt hat, immer rebelliert. Eine wahre Heldin. Sowas stirbt doch einfach nicht. Auf Nachrichten reagiert sie nicht. Und das war es schon. Das war die ganze Geschichte mit ein paar Rückblenden von früher, was man nicht alles für einen Schwachsinn gemacht hat und wie man manipuliert wurde und manipuliert hat. Welche Seiten man wählt mit einem Bild von Jugendlichen, die sich selbst überlassen wurden. Sehr oberflächlich, die Tiefe fehlt und die Sache mit der Polyamorie wirkt mehr wie ein Amateurversion als die tatsächlich große Geschichte, auch wenn das Vierergespann und ihre Beziehungen untereinander weit mehr geboten hätten, als präsentiert wird.

Textmarker-Roman

Was stattdessen kommt sind mitunter Sätze, die einen nicht nur schlucken lassen, sondern bei denen man sich fragt, wo Frau von Rönne nur diese Sprachvielfalt hernimmt. Da schreibt jemand mit Mitte 20 mit Metaphern, die ganze Welten beschreiben. Charakterzüge in Nebensätze gepackt, ganz nebenbei. Sie beherrscht noch so Kleinigkeiten in einen letzten Schliff. Klammert den Alltag in wunderschöne Poesie. Ein Textmarker-Roman, bei dem man sich zu gerne sich den ein oder anderen Satz stehlen möchte für das nächste verbale Gefecht mit den Besten. Alles in Spielereien verpackt und müsste sich ein Germanistik hinsetzen, um alles auseinanderzuanalysieren, schreibt er wahrscheinlich das dreifache an Interpretation. Wir halten fest: Ronja von Rönne hat einfach eine genialen Stil, einen mit dem sie eben bekannt wurde. Rotzig, philosophisch und immer mit ein bisschen Melancholie. Ein bisschen über den Dingen und voller Kreativität und Bildgewalt.
Doch da hört eben "Wir kommen" auch auf. Es ist eine schöne Zitatsammlung, aber der Plot steht auf sehr dünnen Eis. Vielleicht kann man das mögen, dieses grob Angerissene, zum Stil passt es allemal, doch für Nachhhaltigkeit fehlt es. Da fehlt ein mehr, irgendwas was bewegt und berührt und das bleibt aus trotz all der wunderschönen Formulierungen. Bei kurzen Texten funktioniert es bei Ronja von Rönne, da sitzt man dann nachdenkend da, aber bei der Länge des Romans verpufft der Effekt und die Belanglosigkeit ist übrig. Vielleicht wären ein Band voller Kurzgeschichten besser gewesen.

Fazit

"Wir kommen" von Ronja von Rönne ist sprachlich auf hohen Niveau, aber die Geschichte hält da nicht wirklich Schritt. Sie wird ihre Anhänger finden, sofern einem die Oberflächlichkeit des ganzen geschehen reicht. Kann man lesen, aber muss es nicht. Da kann man nur hoffen, dass Ronja von Rönne in ihrem nächsten Roman ihren Stil mit einer passenden Handlung plant. Darauf warten kann man auf jeden Fall. Oder sie bleibt in der Kürze, denn die beherrscht sie nur zu gut.

★★

  Aufbau Verlag  - Gebunden
  ISBN: 9783351036324   Seiten: 208

1 Kommentar:

  1. "Textmarker-Roman" ist ein hervorragender Begriff, den merk ich mir, der sollte etabliert werden! :D

    Ich hab das Buch noch nicht gelesen, bin aber zwiegespalten. Irgendwann interessiert es mich, gerade wegen der deutschen Sprachgewalt. Andererseits ist mir die Autorin und manche ihrer Ansichten einfach so unsympathisch, dass sie nicht mit einem Buchkauf unterstützen möchte.

    AntwortenLöschen