Rezension: Spinner von Benedict Wells

20 Oktober 2016 |

Die Jagd nach seinen Träumen

Eigentlich 2008 erschienen, hat sich Benedict Wells zurück an seinen Schreibtisch gesetzt und ein jüngeres Werk überarbeitet. Damals mit 19 geschrieben, weist der "Spinner" so manche Parallele mit den Leben des Autors aus. Wie der Autor selbst ist der Protagonist nach dem Abitur in die Hauptstadt Berlin gezogen. Auf dem Weg ein großartiger Schriftsteller zu werden, sieht er sich mit Problemen konfrontiert und findet sich selbst in Ängsten und Verdrängungen wieder.
Anfang 20, Berlin und die Suche nach sich selbst, so oder so ähnlich könnte man fast Benedict Wells Protagonisten Jesper beschreiben. Man denkt sich, wieder einer von den vielen Berlin-Sinnsuchern, die die Stadt schluckt und wieder ausspucken wird oder für sich behält. Noch so ein Roman darüber, der versucht was einzufangen, was es nicht gibt. Teenage Angst, Erwachsenenwerden und dann wird zu viel gefeiert, zu viel getrunken und gekünstelt versucht Lebensgefühle einzusammeln. Wäre da nicht eine Sache, dass Jesper Lier einen aus der Seele spricht.
Auf der Suche nach einem Verlag, um nicht wie all die anderen zu enden, die ihre Träume aufgeben, geht er in die Hauptstadt und tippt übernächtigt in seine Tasten. Lustlos hat er nebenbei noch ein Praktikum bei einer lokalen Zeitung und seinen schwulen Kumpel, der ihn durch die Berliner Partyszene schleift. Auch der einzige Freund, den er da oben zu haben scheint. Der Rest ist Isolation und es hagelt Absagen für seinen doch so großartigen Roman, aber das wird schon noch werden, irgendwann wird das schon noch klappen. Er glaubt da ganz fest daran und fängt dabei an die Realität aus den Augen zu verlieren.
Und da bewegt er sich schon, der Jesper, in seinem eigenen Hamsterrädchen. Trifft eine potenzielle Zukünftige, klammert sich ein wenig daran, trinkt zu viel und sitzt auf den Dächern von Berlin und gleichzeitig weiß er, er hat versagt. Was tut man da? Ganz klar weitermachen bis man eben weiterkommt. Auch wenn das Mammutwerk von einem Roman Schrott zu sein scheint, einsehen will man er das schon lange nicht in seinem Kämmerlein in Berlin. Stattdessen plant man Hals über Kopf einen alten Freund aus seiner elterlichen Gefangenschaf. Und dann muss auch Jesper einsehen, dass es so nicht weitergehen kann.

Berlin - Ort der Selbstfindung

Das macht Wells Protagonist so sympathisch, seine Sturheit, seine Bockigkeit und gleichzeitig, will er ja doch eigentlich nur ein wenig mehr. Was ist daran schon verkehrt? Das Leben liegt nach dem Abitur bereit und da gibt es einen Traum, den es zu verwirklichen gilt. Wie geht das besser mit dem radikalsten Schnitt, den man machen kann: Der Verdrängung. Ein ungnädiger Prozess, der meistens nur temporär wirkt und dann erstmal einen boomerangmäßig ins Gesicht klatscht. Versteckt wird das ganze unter Situationskomik und Lügen, die sich Jesper Li(a)er selbst baut, um sich seine Welt schön zu halten. In seinen Gedanken kann er alles. Was passt da besser zu einem Charakter voller Sarkasmus und Zynismus, als die chaotische Hauptstadt Berlin.
Wells Berlin ist wtizig, oberflächlich und damit auch schon wieder authentisch. Eine kleine Irrenanstalt mit all seinen Individuellen und Menschen, die sich ja neu selbstfinden und selbstverwirklichen. Man strandet da halt, als Sprungbrett und dann geht man hier wieder weg oder bleibt und vergeht. So das Motto. Jesper fällt hier auf die Fresse, blamiert sich und schreit rum. Er eskaliert, weil das eben geht und wird öfter von den Straßen umgeworfen. Dabei drehen sich seine Gedanken um Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart. Nichts hat mir eine wahre Linie und für ihn verschwimmt alles ein wenig. Dabei ist aber immer eine Spur Überdrehtheit, ein wenig Karikatur und doch sieht man sich schnell selbst in der Emotionsklammer.

Komik für Orientierungslose

Ein bisschen tragischkomisch das Ganze und doch fängt es genau diese Ton von Orientierungslosigkeit ein. Wells findet Worte für Sehnsucht, Möglichkeiten und Wünschen einer Generation, die groß träumt und dadurch aber auch tief fällt. Man ist gerade in dieses komische Leben mit Entscheidungen geworfen worden und dann soll man wirklich wissen, wohin mit den ganzen Leben? Wenn was nicht klappt, geht die Welt unter. Die Anderen machen was aus ihren Leben und man selbst steckt fest. Und das ist nicht okay? All diese komischen Fragen, die einen mit Anfang zwanzig oder auch die Zwanziger hindurch so durch den Schädel schießen, lässt Benedict Wells nicht aus und gibt aber auch keine Antworten, packt dafür die Sorgen und Nöte in klare Sätze. Fast roh wirft er mit Phrasen geradezu um sich und man nickt fleißig ab.
Vielleicht ist es manchmal etwas zu überdreht und wirr. Und hier und da hätte man sich mehr gewünscht, wo kurzerhand der Erzähler abreißt. Mancher Charakter wirkt zu kurz, verblasst zu schnell, trotz allem hat Benedict Wells mit "Spinner" einen Roman abgeliefert, der nachwirkt und in dem sich jeder wiederfinden kann. Sätze, die einen hängenbleiben. Egal, ob man schon entschieden hat, wohin mit sich oder noch mittendrin steckt.

Fazit

"Spinner" ist ein Stück Großstadtodyssee, Suche nach sich selbst und vor allem voller ehrlicher Ängste und Wahnsinn eines junges Mannes in den Zwanzigern. Oft auf den Punkt, etwas durchgedreht und dadurch schonungslos wirklich. Ein Roman, in dem man sich ein Stück auch selbst findet.

★★★★

 Diogenes - Taschenbuch
  ISBN: 9783257243840   Seiten: 320

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen