Rezension: Das Umgehen der Orte von Fabian Hischmann

15 Januar 2017 |

Episoden aus dem Alltag

Wie soll man einen Roman wie "Das Umgehen der Orte" beschreiben, der keinen richtigen Plot aufweist. Zumindest keinen, den man anfassen kann, dessen roten Faden man nachläuft und dann am Ende des Rätsels steht. Da ist kein fulminanter Anfang oder ein Abgang mit Knall. Es gibt nicht mal einen klaren Höhepunkt, sondern nur kleine Episoden aus alltäglichen Verstrickungen des Lebens. Wie Schnappschüsse aus einen fremden Leben, genug um zu verstehen, zu wenig um das komplette Bild zu sehen. Daher gibt man am besten gleich das beschreiben auf und beginnt lieber einfach mal zu lesen.

Wir starten im Jahre 2004 mit zwei Freundinnen, die eine eine Rebellin der Gesellschaft, eine Anti-alles-für-jetzt-und-immer, und die Andere mit einem toten Vater, den Kummer auf ihren Hüften trägt. Und dann wäre da noch Magnus, der plötzlich im Schlepptau auf einen Geburtstag anfängt. Ein wenig jugendlicher Leichtsinn, Momente, die man nicht sehen will und eine Freundschaft, die vielleicht mehr sein sollte, die stecken darin und während wir anfangen zu nicken, zu verstehen, setzt Hischmann den Cut.
Mit diesen drei Personen nimmt das Chaos seinen Lauf. Der Autor nimmt uns mit auf eine kleine Reise quer durch das soziale Netzwerk von nah bis unbedeutend. Wir wechseln die Perspektive zu weiteren Figuren, die in irgendeiner Weise über Freunde oder Freundes Freunde mit den Menschen verbunden sind. Schweben zwischen Retrospektive und Gegenwart hin und hier. Sie begegnen sich vielleicht, kennen sich kaum, haben mal voneinander gehört und trotzdem greift niemand in das Leben des Anderen ein, zumindest nicht so wie sie es sehen würde. Jede Gruppe steht für sich und dann sind sie nur Teiler großen Welt. Die Vergangenheit greift nach einem Charakter, der Gegenpart schweigt dazu nur oder spürt nichts dabei. Dass stattdessen aber die kleinen Veränderungen in den jeweiligen Konstellationen zu ihren Schicksalen führen ist keinen bewusst. Der Einzige, der tatsächlich diesen Überblick hat sind wir, der Leser.

Feuerwerk an Diversität

Und Hischmann hat bei seinen Charaktere nicht an Vielseitigkeit gespart. Es herrscht ein wahres Feuerwerk von Diversität, egal ob junge Erwachsene im Cruiserpark, lesbische Pärchen oder auch nur das Mädchen mit Übergewicht, alle finden sie Platz in Hischmanns Roman und fügen sich zusammen zu einen Bild. Von alt bis jung, egal welcher Sexualität und Art. Von allen Sozialgeschichten abgefangen, von reich zu arm, die ihre Wege kreuzen. Hischmanns Feingespür für das Wesen des Menschen ist unbeschreiblich. Mit wenigen Worten zeichnet er die Zerbrechlichkeit, die Verzweiflung oder die Sehnsucht und bleibt schmerzlich nah an der Realität. Alles wirkt unaufgeregt ohne die große Prise Dramatik. Es sind eben Menschen, tatsächliche Menschen zum Berühren mit Gefühlen, die man zu leicht versteht. Sie sind kaputt, vielleicht brauchen sie Hilfe und vielleicht merken sie auch gar nicht, was um sie herum geschieht. Da spannen sich Themen auf von Sexualität, Freundschaft zu Tod und Selbstmord, streifen die Schicksale und verschwinden schon wieder und sehen in ein neues Gesicht. So kurz berührt und schon wieder verschwunden. An der Party vielleicht noch angelächelt sieht der morgen schon wieder viel dunkler oder heller aus.
Es scheint zunächst chaotisch, doch hinter dem ganzen hin und her steckt ein Konzept und das nennt sich Leben. Leben funktioniert nicht nach einer Linie und so bewegt sich "Das Umgehen der Orte" im hin und her, voller alter Erinnerungen und Perspektiven. Menschen verlieren sich, sehen sich wieder, tauchen nie wieder auf und nicht zuletzt sind wir doch all irgendwie miteinander ein großes Netztwerk. Da hat jemand ins Leben geguckt und nicht am Leben vorbei.
Nun mag nicht jeder mit so einem Stil leben können. Einen, der nur verkürzt und nicht ausformuliert. Der weglässt und den Leser viel mehr Raum für seine Phantasie lässt. Er skizziert und formuliert nicht und genau das braucht es gleichzeitig. Eine Reduktion für die Darstellung der reduzierten Realität. In ein paar Momentaufnahmen eingefangen, lose verbunden mit den verschiedenen  Menschen, die gar nicht wissen, welchen Einfluss sie doch haben. Man wünscht sich nur zuletzt, dass es ewig weitergehen würde, man jedes Leben noch weiter betrachten kann, doch da hört das "Das Umgehen der Worte" auch schon auf. Ein kleiner Ausflug in das Leben fremder Menschen und am Ende muss man gehen, ein Abschied der seltsam schwer fällt.

Fazit

"Das Umgehen der Orte" ist ein Erlebnis, ein Meer aus Episoden aus verschiedenen Leben, die sich zu einem Teppich verweben, der sich kaum überblicken lässt. Für keinen der teilnehmenden Charaktere, sondern nur für den Leser und der sitzt staunend am Ende des Romans und kann nur applaudieren.

★★★★

  Berlin Verlag - Gebunden
  ISBN: 9783827012920   Seiten: 208

1 Kommentar:

  1. Moinsen,

    mir gefällt dein Blog wirklich sehr. Ich habe vor kurzem aus den selbsten Beweggründen wie du mit dem Bloggen über Literatur angefangen und ich kann die Sucht danach absolut nachvollziehen. Mir gefällt an deinem Blog besonders das Design. Allerdings würde ich es etwas besser finden, wenn man ein paar persönliche Details über dich erfährt. Aber jeder so wie er will :)

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