Highly Illogical Behaviour von John Corey Whaley

19 April 2017 |

Romane mit psychischen Erkrankungen sind schwierig. Nicht nur ist es für Autoren oft eine Herausforderung sie zu schreiben und für den Leser verstehbar zu machen, sondern auch eine realistische Repräsentation wie gefühlvoller Umgang werden schmerzlich vermisst. Da dient die Erkrankung als dramaturgisches Mittel zum Zweck und verkommt zur Überzeichnung, die es Erkrankten nur schwerer macht. So hat sich John Corey Whaley der Psyche gewidmet, um genauer zu sein, die Agoraphobie, die Platzangst, bei der Menschen es nicht mehr schaffen an bestimmte Orte zu gehen oder Menschengedränge nicht aushalten. Im Schlimmsten Fall steigert sie sich so sehr, dass Betroffene nicht mal mehr das Haus verlassen.

Teenager mit Agoraphobie

Einer von diesen ist Solomon. Er hat sein Haus seit drei Jahren nicht mehr verlassen und besucht keine Schule mehr. Sein Außenkontakt besteht nur noch aus der Familie, Internet, über der er die Schule sogar besucht, und seine Vorliebe zu Star Trek. Man kennt ihn nur als Junge, der damals in den Brunnen vor der High School gesprungen ist und seitdem war er verschwunden. Zumindest hatte Lisa Praytor immer dieses Gefühl. Sei hat ihn vom Fenster der Schule aus gesehen wie er in den Brunnen gestiegen ist. Jetzt hat sie seine Mutter, eine Zahnärztin entdeckt und sieht darin die Möglichkeit für ihr Essay. Ein Essay, dass die Eintrittskarte in die zweibeste Universität für Psychologie sein soll. Sie muss nur über ihr Erlebnis mit psychisch Erkrankten beschreiben und Solomon bietet alles, was sie braucht und darüber hinaus wird sie ihm helfen, das Haus wieder zu verlassen. So steht sie eines Tages vor seiner Tür und bringt ihren Freund Clark mit.

Klassischer Aufbau mit liebevollen Charakteren

Man kann sich schon denken wohin die Reise geht. Es entwickelt sich eine Freundschaft, er schafft es langsam wieder aus dem Haus, die Sache fliegt aus und dann kommt doch noch das Happy End. Fertig. Formelhaft einfach und wieder ein Roman, der sich nicht mit der Erkrankung auseinandersetzt. Wäre da nicht tatsächlich die Tatsache, dass sich der Autor mit dem Krankheitsbild vertraut gemacht hat.
Solomon ist keine tragische Figur, die man beleiden muss. Im Gegenteil, man schließt ihn schnell ins Herz. Er ist nicht seltsamer, als jeder andere Teenager, der Star Trek liebt. Er schafft es nur nicht aus dem Haus, leidet unter Panikattacken und versucht so normal zu sein wie es eben geht. Dabei weiß er sehr wohl, was mit ihm nicht stimmt und geht offen mit dem Problem um. Das muss auch Lisa bald feststellen und so entwickelt sich eine Freundschaft mit der keiner so richtig gerechnet hat. Dem Autor gelingt es ein einfühlsames Bild zu schaffen, dass ihn nicht in Schutz nimmt und ihn nicht als verrückt abstempelt, sondern eben als normalen Menschen, der eben krank ist. So als hätte man eben ein gebrochenes Bein.

Ein Hoch auf die Freundschaft

Auch wenn seine Erzählweise sperrig wirkt. Sehr verkürzt, sind es vor allem die Dialoge, die er aus dem Ärmel schüttelt und die Jugendlichen zum Leben erweckt. Doch an mancher Stelle fehlt trotzdem der Zugang, auch wenn die drei Freund schlussendlich durch Tiefgang überzeugen. Denn Stereotypen sind ungern gesehen. Mit Clark schafft er beispielsweise einen Freund für Lisa, der sich nicht den üblichen Klischees hingebt. Er findet es nervig, wenn alle über das Flachlegen reden und steht dazu, dass ihm andere Werte wichtiger sind. Seine Standpunkte sind klar und er rückt davon nicht ab, auch nicht für seine Freundin. Lisa hingegen ist die Zielstrebige, aber bleibt trotzdem immer menschlich und lernt immer wieder dazu, was Leben bedeutet. Und Solomon ist einfach ein witziger Kerl. Und sie finden ihn sich wichtige Freunde. Auch wenn über ihnen das Essay schwebt, dass sie ja erst verbunden hat und Solomons Fortschritte im Laufe des Romanes gefährden könnten. Verschweigen oder für sich behalten? Das ist hier die Frage.
Trotz allem bleibt zuletzt ein Feel-Good-Roman, der schnell durch die Finger läuft und der Freude macht. Ein großer literarische Wurf ist es nicht, dafür wirkt der Roman zu oberflächlich, aber es ist ein lockerleichtes Buch über einen Jungen mit Agoraphobie, welches mit Charme und Humor überzeugt. Und vor allem mit einem großartigen Umgang mit der psychischen Erkrankung. Der Roman lebt von ihrer Freundschaft und welchen Einfluss sie auf Solomon hat. Manchmal braucht es nur die richtigen Menschen, die für einen da sind, die einen nicht verurteilen für das, was man ist, um sich ein wenig besser zu fühlen. Sie können zwar die Psyche nicht heilen, aber ein wenig halt geben und Halt können wir alle im Leben brauchen.

Fazit

John Carey Whaley hat einen lockerleichten Roman geschrieben, der gleichzeitig sensibel mit dem Thema Agoraphobie umgeht und es nicht ausschlachtet. Vielmehr geht es über die Freundschaft und welche positiven Einflüsse auf sie haben kann. Und Freunde auf die man sich verlassen kann, brauchen wir alle im Leben.

  Faber & Faber - Taschenbuch
  ISBN: 9780571330447   Seiten: 249

1 Kommentar:

  1. Eine schöne und ausführliche Rezension. Ich dachte nach den ersten Sätzen ehrlich gesagt auch: "Och nö, wieder eine dieser typischen Geschichten, bei denen man nach drei Kapitel weiß, wie die Geschichte ausgeht. Langweilig". Allerdings nur, wenn die psychische Erkrankung, wie du so treffend geschrieben hast, nur als "dramaturgisches Mittel zum Zweck" dient. Und das scheint hier ja nicht der Fall zu sein!
    Ob das Buch wirklich etwas für mich ist, kann ich schwer beurteilen. Ich glaube aber, da gibt es andere, die dringender gelesen werden wollen. Trotzdem eine überzeugende Rezension, die mir sehr gefallen hat!
    Liebe Grüße
    Saskia

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