Rezension: Strobo von Airen

23 September 2017 |
Im Stroboskop sind wir doch alle irgendwie im Rausch der Musik und Drogen gefangen, oder nicht? Zumindest ist das Airen und zieht eine Line quer durch die Berliner Technoszene. Darüber hat er lange gebloggt und "Strobo" packt seine Texte in ein Buch. Ich bin spät dran mit dem Roman und zufällig darüber gestolpert.
Es ist eine Chronik eines Berliner Technolebens, das von Fallen und Desorientierung und der Suche nach Halt einen kompletten Drogencocktail mischt. Da ist es irgendwie egal, ob es MDMA, Ketamin, Speed oder sonst irgendetwas ist. Und trotzdem ist es kein klassischer Drogenroman, der davon schreibt wie sich die Spirale einfach unten dreht bis er am Boden liegt. Im Gegenteil. Stattdessen ist "Strobo" ein authentisches Abbild der Berliner Technoszene.

Ein Berliner Technoleben

Immer auf der Suche nach noch ein bisschen mehr Ekstase, um irgendwie klar zu kommen. Dass es irgendwann immer mehr braucht, ist abzusehen. Es ist Spätpubertät, rumtesten und ausrasten, aber nur nicht stehenbleiben und das wird zum Verhängnis. So schleift sich Airen schwitzend und vollgepumpt bis in die letzte Pore durch Berliner U-Bahnen, kauft hier und da noch was bei einem Dealer und verschwindet ins Berghain.
Das sagenumwobene Berghain, Berlins härtester Club, sagt man ja oft. Ich selbst war da noch nie und kann keine Aussagen darüber machen. Auch nicht über das laboratory, den Schwulenclub im Seiteneingang, bei dem es keine Grenzen mehr zu geben scheint. Airen selbst erzählt dabei nicht viel über sich selbst, nur dass er in einer Berliner Unternehmensberatung ein Praktikum hat (bei der anscheinend mit hochrangigen Politikern und mehr zu tun hat, aber dazu verliert er kein Wort), feststellt, dass er mit Männern schlafen kann, aber eigentlich nicht homosexuell ist, und mehr weiß man nicht. Dafür beschreibt er seine Umgebung und die Menschen umso mehr und es fällt auf, dass sind ganz normale Menschen, die da durch die Nächte feiern und schlussendlich umkippen.

Not your typical Drogenroman

Dabei bleibt aber so viel im Dunkeln, was Airen eigentlich genau arbeitet, was seine Liebe zu Menschen betrifft. Als würde er die Geschichten wie ein Schild vor sich halten, um die wahre Probleme einfach zu verstecken. Ich lebe irgendwie. Der Rest ist egal. Hauptsache erstmal überleben. So auch die Sache mit dem übertrieben vielen Sex. Oft mit Männern, hier und da mit Frauen, auch im Puff, aber feste Sachen sind schwer und wollen vermieden werden. Mit Männern geht das schneller und inkonsequenter, vielleicht sagt er deswegen, er ist nicht homosexuell, aber kniet in Clubtoiletten. Außer da ist der Typ, den er immer wieder anziehend findet. Aber darüber schreibt er nicht richtig.
Trotzdem geht er auf die Arbeit, schafft seinen Job, obwohl er nicht still ausruhen kann, sondern wieder sich in die Technoclubs wirft. Man weiß gar nicht wie er das macht, ob die Kollegen und Kolleginnen das alles so richtig mitkriegen, aber irgendwie funktioniert es doch. Man wartet ja auf den Absturz, der muss ja kommen, aber dieses radikale Falle kommt einfach nicht und so bleibt man dran. Man wundert sich auch wie klar Airen es doch wahrnimmt, vor allem wie es geschrieben ist. Es ist schnell, auf den Punkt und ohne großes Drumherum. Es kommt geradeheraus und mitten im Rausch.
Eigentlich gleichen sich die Texte. Oftmals wiederholt es sich, aber es entwickelt einen Sog, der einen nicht mehr loslässt. Es gibt nicht mal einen richtigen Abschluss, den muss man sich im Internet zusammensuchen, um zu wissen, was mit Airen passiert ist. Heute anscheinend verheiratet und in Mexiko. Die große Psychoanalyse bleibt aus, da gibt's keine Analyse von Kaputtheit, sondern schlichtweg wie es einfach ist. Wie es ist im Rausch zu leben, sich das Zeug durch die Nase zu ziehen und unter der Musik einfach abzudancen. Und irgendwann kommt dann doch die Vernunft, hoffentlich, sonst bleibt man wohl ewig dort und danct sich kaputt.

Fazit

Das Buch schreibt über Rausch und ist dabei selbst wie ein einziger Rausch. Es ist ein Streifzug durch die Berliner Technoszene, dass mit hektischer Sprache und Authenzität glänzt, statt mit dunkler Psychoanalyse und Absturzeskapaden.

  Ullstein TB - Taschenbuch
  ISBN: 9783548282886   Seiten: 224

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