Rezension: Turtles All the Way Down von John Green

25 Oktober 2017 |

Ehrlicher John Green auf dünner Handlung

Lange musste man auf den neuen Roman von John Green warten. Der Druck auf dem Autor lastete schwer nach dem Megaerfolg "The Fault in Our Stars", der sich nicht nur lange auf Bestsellerlisten blieb, sondern einen großartigen Film hervorbrachte. Auch John Greens neuer Roman besteht wieder aus bekannten Elementen: Es gibt wieder Jugendlichen mit psychischen Problemen, die sich in Literatur und Nerdkultur baden, eine Freundschaft, die alles übersteht und in allen Lebenslagen hilft und nicht zuletzt geht auch um die Liebe über Umwege. Es sind wieder die gewohnten knackigen Dialoge, die sich in Philosophien verlieren und der Sternenhimmel unter dem die Charaktere liegen, dabei zu erwachsen wirken und doch nur Kinder sind, die alt und weise wirken, aber eigentlichts nichts wissen. Der Stoff ist also da, aber warum fühlt sich "Turtles All the Way Down" trotzdem so anders an?
Die Geschichte spinnt sich um die 16jährige Aza und ihre Zwangsstörungen sowie dem Vershwinden des millionenschweren Picketts. Als ihre Freundin Daisy darauf besteht das Mysterium um den Millionär zu lösen, um die Belohnung zu bekommen, hat Aza wenig Lust drauf. Auch wenn sie mit dem Sohn des Millionärs, Davis, schon als Kind gespielt hat, ist die Freundschaft zerbrochen. Doch um ihrer Freundin einen Gefallen zu tun, die das Geld für ihr Studium dringend brauch kann, überwindet sie sich und sie landen auf dem Grundstück der Picketts. Und die Begegnung mit Davis treibt ihre Gefühle und Gedanken in einen unaufhaltsamen Strudel.

Im Würgegriff der Zwangsstörungen

Daraus resultieren Ängste und Sorgen und die haben auch den Roman ordentlich im Griff. Zentraler Punkt der Geschichte ist Azas psychische Erkrankung und die spielt auch die Hauptrolle im großen Stil. John Green gelingt ein authentisches, unaufgeregtes Bild ohne dass er übertreiben muss. Man merkt, dass er selbst unter Zwangsstörungen leidet und nur zu gut weiß wie weit die Gedankenspiralen sich drehen bis man seine eigenen Gedanken nicht mehr hört. Sie sind intensiv, nachvollziehbar poträtiert und dabei voller Respekt und Rücksicht. Ein nacktes Bild von Zwangsstörungen, welches man selten in so einer Klarheit lesen darf. So geht um die eigenen Kraftreserven, dem Leben mit einen Kopf, der einen nicht gehorcht und wie Menschen in unserem Umfeld, die wir mögen, darunter leiden und es nicht verhindern können. Auch wenn man es nicht will und sich Vorwürfe machte, scheint Aza wie in ihrem Kopf gefangen und der Leser muss zusehen.
Nur die Handlung selbst findet dazwischen keinen Platz mehr. Der Plot ist fast schon zu schnell erzählt, die großen Überraschungen bleiben aus, stattdessen ist "Turtles All the Way Down" seltsam ruhig und unaufgeregt.  Zu ruhig, sodass man nur selten einen Draht zu den Figuren findet. Auch wenn Aza selbst großartig gezeichnet ist und gerade ihre Innensicht einen fasziniert und einen Beitrag dazu leisten kann, dass Zwangsstörungen von vielen Menschen besser verstanden werden können, wirkt der Rest steril. John Greens Königsdiszplin, auch den Nebencharakteren ein richtiges Leben einzuhauchen, ist weit weg von seinem Potenzial und spielen nur Statisten ohne richtigen Bezug zur eigentlichen Handlung. Sie verlieren sich in stichpunktartigen Ansammlungen von Eigenschaften und sind wie Checklisten. Auch so mancher Dialog wirkt steif und unkonzentriert, unabhängig davon das Aza sich schwer konzentrieren kann und oftmals abdriftet.

Dünner Plot

Die dünne Handlung hilft leider nur schwerlich weiter und tröstet nicht darüber hinweg wie seltsam leer vieles wirkt. Es läuft einfach nur so vor sich hin, ohne richtiges Ziel. Die Suche nach dem Vater ist halbherzig, die Geschichte der jungen Liebe von dem Problemen der Zwangsstörung gezeichnet, steckt sie trotzdem erzählerisch zurück und ist reduziert auf ein paar konstruierte Momente, die man nicht fühlen kann.
Auch wenn John Green ein realistisches Ende zeichnet und kein überbordendes Happy End, wird man das Gefühl nicht los, dass er den Roman nur als Kanal für seine Zwangsstörung nutzt, um sich selbst zu reflektieren. Dadurch hat er zwar ein faszinierendes und ehrliches Bild von Zwangsstörungen geschaffen, welches Betroffene wie Nicht-Betroffene gleichzeitig mitreißen wird, aber eine Rahmenkonzept scheint komplett zu fehlen. Der Roman steckt fest und tritt vor sich und bleibt an der psychischen Problematik hängen ohne seiner Protagonistin und ihrem gesamtem Spektrum gerecht zu werden. Dabei hätte Aza so viel mehr ein können als nur ihre Zwangsstörungen.

Fazit

"Turtles All the Way Down" zeichnet ein authentisches und intensives Bild von einer Jugendlichen mit Zwangsstörung, dem es am Story fehlt und über die psychische Erkrankung selbst nie wirklich hinauskommt.



  Dutton Books for Young Readers - Gebunden
  ISBN: 9780525555360   Seiten: 304

Kommentare:

  1. Ich habe den neuen John Green auf meiner Liste und habe mir natürlich viel erhofft. Deine Rezension dämpft die Vorfreude jetzt etwas, aber nichtsdestotrotz werde ich mir noch ein eigenes Bild machen. Das Thema Zwangsstörungen finde ich nämlich sehr interessant!
    Liebe Grüße
    Saskia

    https://elbeundalster.wordpress.com

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